Die Tagesschule Baden feiert zwar ihr 20-Jahr-Jubiläum, doch streng genommen müsste man bald von einem 30-Jahr-Jubiläum sprechen. Denn im Frühling 1990 wurde der Verein Tagesschule Baden gegründet. Sein Ziel: eine öffentliche, fakultative Tagesschule in Baden zu errichten. Doch bis zur Eröffnung dauerte es fast zehn Jahre. Im Schuljahr 1998/1999 wird das Pilotprojekt im Klösterli aufgenommen.

Dass die Tagesschule ganz offenbar ein Erfolgsmodell ist, beweisen nicht zuletzt die Zahlen: Für die rund 20 Plätze pro Jahr (siehe Info-Box unten) gibt es jährlich rund 40 Anmeldungen. Kinder, deren Geschwister schon an der Tagesschule unterrichtet werden, erhalten als Erste einen Platz; die restlichen Plätze werden verlost. «Damit wollen wir gewährleisten, dass die Auswahl fair verläuft», sagt Oliver Pfister. Er ist seit zehn Jahren Schulleiter der Tagesschule. «Ja, man kann sagen, die Tagesschule geniesst einen sehr guten Ruf; es gibt deutlich mehr Anfragen als Plätze. Wir sind fast ein bisschen Opfer unseres eigenen Erfolgs.»

«Wir sind keine Eliteschule»

Gleichzeitig will Pfister nichts davon wissen, die Tagesschule mit einer Elite-Schule gleichzusetzen. «Ganz am Anfang unserer Gründung hatten wir sogar eher mit dem gegenteiligen Image einer Sonderschule zu kämpfen, weil bei uns auch Schüler Unterschlupf fanden, die es in der normalen Volksschule schwierig hatten.» Später habe es dann tatsächlich eine Phase gegeben, in der die Schule von Kindern aus eher bessergestellten Familien die Mehrheit der Schüler ausgemacht hätten. «Seit einigen Jahren hat die Durchmischung aber wieder deutlich zugenommen.»

Und auch mit einem zweiten Klischee will der Schulleiter aufräumen: «Es gibt zwar Eltern, die unsere Schule bewusst aussuchen, damit die Betreuung ihrer Kinder tagsüber gewährleistet ist.» Ein ebenso grosser Anteil entscheide sich aber aus pädagogischen Gründen für die Tagesschule. «Dabei geht es nicht darum, dass die Kinder nach der Primarschule Aufnahme an der Bezirksschule finden; die Qualität einer Schule lässt sich nicht primär daran messen», ist Pfister überzeugt.

Vielmehr zeige die grosse Zufriedenheit und die Freude der Kinder am Lernen, dass man vieles richtig mache. «Die Tagesschule kann das Konzept der ganzheitlichen Bildung konsequent umsetzen, da die Bildung bei uns über das rein Schulische hinausgeht», so Pfister. Dadurch, dass die Kinder auch sehr viel gemeinsame Freizeit miteinander verbringen würden, nehmen sie einen grossen Rucksack an sozialen Fähigkeiten mit. «Dies umso mehr, als sie, je älter sie sind, diese Freizeit mit viel Eigenverantwortung selber gestalten dürfen.» Bei aller Eigenverantwortung und Freiheit: «Das Schulareal dürfen die Schüler nicht verlassen.»

Hat die Stadt Trend verschlafen?

Doppelt so viele Anmeldungen wie Plätze. Müssen sich die Verantwortlichen der Stadt den Vorwurf gefallen lassen, die Entwicklung verschlafen respektive den Nachfrageanstieg verschlafen zu haben? «Nein, wir haben das nicht verschlafen», entgegnet Mirjam Obrist, Geschäftsleiterin der Volksschule Baden. Im Gegenteil: Die Stadt Baden nehme im Aargau noch heute eine Pionierrolle ein. Der Erfolg erkläre sich auch damit, dass sie von den Eltern als sehr verlässlich wahrgenommen werde und die Eltern ihre Kinder mit einem guten Gefühl der Tagesschule überlassen würden.

«Dass die Nachfrage derart stark ansteigt, war vor wenigen Jahren noch nicht absehbar.» Abgesehen davon dürfe man nicht vergessen, dass die Stadt Baden über sehr gute Tagesbetreuungsstrukturen verfüge und die Tagesschule diesbezüglich nur ein Puzzleteil sei, so Obrist. Gleichwohl denkt die Stadt Baden über einen Ausbau des Angebots nach. So ist im «Bericht Schulraum 2028» festgehalten, «dass es sich anbietet, bei der bestehenden Schulanlage in Baden-Rütihof eine zweite Tagesschule aufzubauen». «Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage auch in Zukunft steigen wird», so Obrist. Deshalb habe man geprüft, wo eine geeignete Infrastruktur vorhanden sei. «Dabei bietet sich das Schulhaus in Rütihof an, das 2017/2018 saniert und unter anderem auch für die Tagesstrukturen eingerichtet wurde.» Dort habe es – auch weil die Schülerzahlen in Rütihof eher wieder rückläufig seien –  genügend Platz, um den Rahmen für eine Tagesschule zu bieten.

Ziel ist nicht eine «Ländli-Kopie»

Angedacht ist eine etwas kleinere Tagesschule mit 40 bis 80 Kindern. «Wir wollen dabei nicht einfach die bestehende Tagesschule beim Ländli kopieren, sondern die Gelegenheit für neue, innovative Ideen nutzen und der neuen Tagesschule ein eigenes Profil geben», sagt Obrist. Der Standort in Rütihof eigne sich auch deshalb für eine Tagesschule, weil die Lage sehr naturnah sei.

Doch liegt sie nicht zu weit ausserhalb des Stadtgebiets? Immerhin leben rund 70 Prozent der heutigen Tagesschulkinder in der Badener Innenstadt. «Ich glaube und hoffe, dass dank guter Bus-Verbindungen die Schule auch für Innenstadt-Kinder attraktiv wäre», so Obrist. Laut «Bericht Schulraum 2028» wäre der frühestmögliche Zeitpunkt für die Eröffnung der Tagesschule in Rütihof das Schuljahr 2021/2022.

Die beiden Abteilungen Volksschule und Gesellschaft  erarbeiten jetzt ein Konzept, das sie dem Stadtrat im Sommer vorlegen wollen. Dieses beinhaltet nebst einer Primar-Tagesschule auch einen Tages-Kindergarten. Und was ist mit den Oberstufen-Schülern? Mirjam Obrist: «Beim neuen Sekundarstufenzentrum Burghalde, das wir voraussichtlich im Sommer 2021 in Betrieb nehmen können, ist mit der Mensa ein altersgerechtes Modell einer Tagesschule vorgesehen. Dieses ermöglicht den Schülern, bei Nachmittagsunterricht die Mensa zu benutzen und so über Mittag in der Schule bleiben zu können.»