«Hätte mich vor einem Jahr jemand gefragt, ob ich als Gemeindeammann kandidiere, hätte ich den Kopf geschüttelt», sagt Peter Stucki mit einem schelmischen Lachen. Dieses Lachen präsentiert der 64-Jährige im Lauf des Gesprächs immer wieder. Doch nun tritt Stucki am 19. Mai trotzdem als Ammannkandidat und für die Nachfolge von Dieter Martin (FDP) an. Es ist nicht so, dass Stucki mit Kommunalpolitik nichts am Hut hätte – im Gegenteil: Von 2003 bis 2013 sass er für die SP im Einwohnerrat. «Nach zehn Jahren fand ich damals, dass es Zeit ist, neuen Kräften den Platz zu überlassen und mich von der aktiven Politik zurückziehen.» Doch mit dem Rücktritt der Gemeinderätin Franziska Grab (SVP) vor einem Jahr wurden die Karten plötzlich neu gemischt. Die SP griff den Sitz an, und dies mit Erfolg. Im September 2018 setzte sich Stucki gegen SVP-Kandidatin Ursula Haag durch. Erst ein halbes Jahr im Gemeinderat und jetzt schon Lust auf mehr? «Das halbe Jahr hat genügt, um zu erkennen, wo die Probleme liegen und dass ich mit meiner vor allem beruflichen Erfahrung in der Lage wäre, die Gemeinde vorwärtszubringen», sagt Stucki selbstbewusst.

Goalie beim EHC Kloten

Aufgewachsen in Kloten, spielte Stucki, wie es sich gehört, bei den Junioren des EHC Kloten als Eishockeygoalie und kam dank des nahegelegenen Flughafens, wo auch sein Vater angestellt war, bald auf den Geschmack der grossen weiten (Transport)Welt. Er absolvierte das KV als internationaler Speditionskaufmann und arbeitete anschliessend auch einige Jahre im Ausland, «unter anderem auch in Libyen, wo ich den damaligen Machtinhaber Gaddafi mehrmals zu Gesicht bekam». In Deutschland lernte er seine heutige Frau kennen, mit der er zwei erwachsene Kinder hat. Beruflich blieb Stucki der Branche treu und arbeitete weiterhin in verschieden Logistik- und Transportunternehmen. So auch für die Twerenbold Gruppe, wo er von 1995 bis 2004 massgeblichen Anteil am Ausbau der Umzugsflotte hatte. Danach übernahm er in Zürich bei der Post eine Abteilung mit knapp 300 Angestellten. «Im schweizweiten, postinternen Zufriedenheitsranking lag unsere Abteilung damals auf dem 68. Rang. Nach einem Jahr gelang es mir, dass wir in den Top Ten rangiert waren», so Stucki nicht ohne Stolz. Seine letzte berufliche Station hat ihn nun nach Kriens (LU) geführt. «Anders als auch schon geäussert, würde ich natürlich auf Ende Jahr kündigen und mich voll auf das Amt konzentrieren, sollte ich zum Ammann gewählt werden.» Auch würde er sein Amt nicht nur für zwei Jahre, sondern darüber hinaus bekleiden, auch wenn er nächstes Jahr das Rentenalter erreicht.

Stucki sieht seine Stärke in der Führung von Menschen. «Als Ammann würde ich alle Gemeindeangestellten motivieren, gut und vor allem effizient zu arbeiten.» Auch wenn es abgedroschen klingen würde: «Ich mag den Umgang mit Menschen sehr.» Dass er aber mit seiner Art auch anecken und polarisieren könne, sei ihm bewusst. «Ich provoziere halt gerne hin und wieder, und mein Humor ist vielleicht auch nicht immer jedermanns Sache», sagt Stucki mit einem Lachen.

«Mit einer Stimme sprechen»

Erst mit 45 Jahren sei er der SP beigetreten. «Doch mein Grundbild war seit meiner Jugend sozial geprägt. Werte wie die Gleichbehandlung aller Menschen oder Offenheit gegenüber Fremden waren mir schon immer wichtig.» Auch den Kapitalismus in der heutigen Form lehne er eigentlich ab. «Das Problem ist nur: Ich habe auch keine Antwort auf die Alternative.» Für ihn sei aber klar, dass der jetzt eingeschlagene Weg längerfristig ins Verderben führe, vor allem mit Blick auf die Umwelt.

Vor gut zwanzig Jahren ist Stucki mit seiner Familie nach Obersiggenthal gezogen. «Wir haben die Gemeinde gezielt ausgesucht, weil wir hier einen weltoffenen Geist spürten.» Was ist von diesem übrig geblieben, respektive in welchem Zustand präsentiert sich seiner Meinung nach die Gemeinde heute? «Ich orte eine gewisse Lethargie beziehungsweise Orientierungslosigkeit.»

Es fehle an einer klaren Zielsetzung. «Wenn ich gewählt werde, würde ich als Erstes die Gemeindemitarbeitenden ins Boot holen, um zusammen zu definieren, wo wir in den nächsten Jahren hinwollen.» Denn dadurch könne auch festgelegt werden, wo der Fokus gelegt werde und wie diese Ziele dann finanziert werden. «Ja, die Mittel sind knapp. Doch was wir derzeit erleben, ist eine Sparhysterie. Es wird nicht wirklich gespart, sondern einfach mehr oder weniger planlos Leistungen gestrichen.» Aus 40 Jahren KMU-Erfahrung wisse er, was es heisse, begrenzte Mittel gezielt einzusetzen. «Und ja, das bedeute ganz klar auch Verzicht. Alles kann man nicht haben.»

Wo sieht Stucki die grössten Baustellen in der Gemeinde? Dass Hallen- und Gartenbad müsse dringend saniert werden, so Stücki, der pro Woche rund 10 Kilometer schwimmt. Grundsätzlich wünsche er sich für Obersiggenthal wieder mehr «Jugendlichkeit», «Spritzigkeit» und «Aktivität».

«Wir müssen private Investoren und Grundeigentümer wieder besser bei der Realisierung von neuen Projekten unterstützen.» Auch gelte es den knappen Boden besser zu nutzen, ohne neues Bauland einzuzonen. Und wie steht er zu Zusammenschlüssen? «In 100 Jahren wird es hier einen Verbund geben, der einer Gross-Stadt gleichkommt», ist Stucki überzeugt. In naher Zukunft sei die Zusammenarbeit mit umliegenden Gemeinden weiter zu verstärken. «Am Beispiel des Verkehrsprojekts Oase zeigt sich, dass es wichtig wäre, wenn wir noch mehr mit einer Stimme sprechen würden, anstatt uns vom Kanton gegeneinander ausspielen zu lassen.»

Wieso sollten die Wähler am 19. Mai ihn wählen? «Ich bin ein pragmatischer Problemlöser, der Nehmerqualitäten hat und mit Widerstand umgehen kann.» Er gehe gerne Risiken ein und gestalte aktiv. «Am Ende des Lebens gewichtet man Rückschläge und das Weitermachen danach grösser als die Erfolge.» Niederlage oder Erfolg? Der 19. Mai wird es zeigen.