Oberrohrdorf

Ammann Daniel Hug über Multiple Sklerose: «Ich bin nicht todkrank»

Daniel Hug in seinem Büro im Stadthaus Lenzburg: «Wenn ich noch mit geringen Beschwerden 20 Jahre leben darf, ist das schön.»

Daniel Hug in seinem Büro im Stadthaus Lenzburg: «Wenn ich noch mit geringen Beschwerden 20 Jahre leben darf, ist das schön.»

Gemeindeammann Daniel Hug überraschte am Neujahrsapéro, indem er über seine Krankheit MS informierte - und über seinen Rücktritt auf Ende 2015. Im Interview spricht er über seine Erkrankung, aber auch über die dritte Turnhalle und die Finanzen.

Im Dezember hat Daniel Hug einen schwierigen Entscheid gefällt. Am Neujahrsapéro legte der Gemeindeammann dann die Karten auf den Tisch und gab seinen Rücktritt per Ende 2015 bekannt. Damit überraschte Hug – löste aber vor allem Betroffenheit aus, als er erklärte, dass er an der Nervenkrankheit Multiple Sklerose (MS) erkrankt ist. Seither sind knapp drei Wochen vergangen. Jetzt spricht Hug offen über seine Krankheit, die dritte Turnhalle und erklärt, weshalb ein Zusammenschluss mit Niederrohrdorf aus seiner Sicht nicht infrage kommt.

Herr Hug, Sie hinken, wie geht es Ihnen heute?

Daniel Hug: Heute gehts mir gut, bei schlechtem Wetter gehts mir meistens schlechter. Ich kann mein rechtes Bein nicht mehr richtig steuern, deshalb hinke ich ständig. Als ich vor vier Jahren im Stadthaus Lenzburg auf der Treppe stolperte, bemerkte ich, dass etwas nicht stimmt.

Vor vier Jahren? Wissen Sie schon länger, dass Sie an MS leiden?

Nein, es war das erste Mal, dass ich etwas spürte. Mit der Zeit wurde es schlimmer, ich konnte nicht mehr joggen. Mein Hausarzt schickte mich in die Neurologie. Doch drei viertel Jahre später konnten die Spezialisten immer noch keine Diagnose stellen. Erst, als ich in einem neuen Zentrum mit den neuesten Geräten untersucht wurde, fanden die Ärzte kaputte Nervenzellen im Rückenmark der Wirbelsäule. Nach einer Punktion im letzten Februar war klar, dass ich MS habe.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie der Arzt damit konfrontierte?

Ich konnte es relativ locker nehmen, nachdem ich mich gründlich über die Krankheit informiert hatte. Es ist untypisch, in meinem Alter an MS zu erkranken. In der Regel geschieht dies bei 25- bis 35-Jährigen, der Krankheitsverlauf kann über 20 Jahre dauern. Ich hoffe, dass die Medikamente die Krankheit stoppen können. Wenn ich noch mit geringen Beschwerden 20 Jahre leben darf, ist das schön.

Trotzdem beschäftigt eine Krankheit.

Natürlich, es wäre nicht normal, wenn nicht. Dass ich immer sehr müde bin und zwischen zehn und zwölf Stunden Schlaf brauche, beschäftigt mich derzeit am meisten. Ich weiss nicht, ob es an den Medikamenten liegt oder an der Krankheit. Meine Familie gibt mir Halt, wir versuchen, zuversichtlich zu sein.

Ist es die Müdigkeit, die Sie zum Rücktritt gezwungen hat?

Der Vorentscheid fiel im November, als mein Arzt sagte, ich müsse zurückstecken, Belastung sei nicht gesund für mich. Als es mir im Dezember sehr schlecht ging, fiel der definitive Entscheid, dass ich meinen Rücktritt gebe.

Sie informierten die Bevölkerung am 1. Januar, warum am Neujahrsapéro?

Am Neujahrsapéro nimmt eine ganz spezielle Klientel, die ich sehr schätze, teil. Es schien mir der richtige Anlass, diese Verkündigung zu machen, die auch sehr persönlich ist. Meine Gemeinderatskollegen informierte ich eine halbe Stunde vorher.

Wie waren die Reaktionen?

Sie hatten Verständnis, waren aber betroffen. Ich erhielt danach ganz viele Karten von Freunden, Bekannten und aus der Bevölkerung. Das hat mich sehr berührt.

Sie hätten per sofort zurücktreten können, dennoch halten Sie Ihren Kollegen bis Ende 2015 die Stange.

Ich bin ja nicht todkrank, es geht mir einfach nicht gut. Ich wollte der Gemeinde entgegenkommen. Der erste Wahlgang ist bereits im Juni. Es ist nicht einfach, sofort eine Nachfolge zu finden. Diese Prozedur braucht Zeit.

Die dritte Turnhalle wird weiterhin beschäftigen, das Referendum ist zustande gekommen. Wie schätzen Sie die Chancen der Befürworter ein?

Das ist schwer zu sagen. Was mit dem Referendum immer noch nicht gelöst ist, ist die Finanzierung.

Die Befürworter behaupten, dass sich die Gemeinde auch ohne Halle stark verschulden wird.

Das ist richtig. Ich habe immer gesagt, dass wir uns mit den Projekten Kantonsstrassensanierung und Oberstufenzentrum in den nächsten vier Jahren mit 10 Millionen Franken verschulden werden, dass dies aber vertretbar sei.

Hat sich Oberrohrdorf zu lange auf den Lorbeeren ausgeruht?

Wir waren immer besser dran, als vorausgesagt. Lange hatten wir zwischen 300 000 Franken und einer Million in der Kasse. Die Stimmberechtigten wollten letztes Jahr keine Steuerfusserhöhung, obwohl ich vor einer Verschuldung aufgrund der erwähnten Grossprojekte gewarnt hatte. Im Moment ist die Lage nicht kritisch. Wir konnten einen festen, sechsjährigen Kredit von 4,5 Millionen Franken für 0,37 Prozent fest abschliessen.

Was, wenn die Turnhalle kommt?

Ohne Turnhalle und mit einem Steuerfuss von 85 Prozent werden wir im Jahr 2019 rund 12,4 Franken Millionen Schulden haben. Mit einer Turnhalle für zusätzliche
6,5 Millionen Franken und einem Steuerfuss von 85 Prozent wären es knapp 19 Millionen Franken. Die Verschuldungsgrenze liegt ungefähr bei zehn Millionen. Wird der Steuerfuss nicht angehoben, wird die Lage sehr kritisch.

Sie sind ein Finanzpolitiker – die Gemeinde in einer kritischen finanziellen Lage zu verlassen, wäre schwierig.

Würde die Turnhalle gebaut und der Steuerfuss würde im Dezember nicht erhöht, wäre das ein Debakel. Meine letzte Handlung wäre dann, den Kanton anzurufen und mitzuteilen, dass wir in die Überschuldung laufen. Das wäre kein schöner Abschied.

Ist der Steuerfuss in Ihren Augen massgebend für die Attraktivität des Dorfes? Das behaupten die Gegner der Halle.

Ich bin nicht der Meinung, dass nur ein tiefer Steuerfuss das Dorf attraktiver macht. Die Lage, gute Schulen, die Verbindung an den öV, eine gute Anbindung des motorisierten Individualverkehrs, machen ein Dorf attraktiv. Menschen mit sehr hohen Einkommen ziehen sicher nicht nach Oberrohrdorf, weil der Steuerfuss tief ist. Da gibt es in der Schweiz und im Ausland bessere Alternativen.

Laut der Befürworter wäre das Dorf mit einer dritten Turnhalle attraktiver.

Im Gegenteil, es gäbe noch mehr Verkehr. Bereits heute fahren täglich 50 bis 60 Autos am Feierabend vor die Turnhalle Hinterbächli. Die Anzahl der Zu- und Wegfahrten zur Turnhalle auf unseren Kantons- und Gemeindestrassen am Abend würde beinahe verdoppelt.

Könnte der Zusammenschluss mit Niederrohrdorf wieder attraktiv werden?

Dieses Thema stand bei mir nie zur Debatte. Die Stimmberechtigten schickten vor 10 Jahren den Antrag für eine Überprüfung eines Zusammenschlusses bachab. Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit Niederrohrdorf. Ein Zusammenschluss würde finanziell nicht helfen.

Meistgesehen

Artboard 1