Baden

«Als Hitler tot war, hatten wir Ruhe»: 95-jähriger Aargauer erinnert sich ans Kriegsende

Amy Bollag arbeitet seit Jahrzehnten als Künstler. Auf sein Haus in Zürich malte er Wilhelm Tell.

Amy Bollag arbeitet seit Jahrzehnten als Künstler. Auf sein Haus in Zürich malte er Wilhelm Tell.

Amy Bollag aus Baden erzählt von letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren.

Wie war das damals 1945? Kurz ist es still am anderen Ende der Leitung, ehe Amy Bollag den Zuhörer mit auf die Reise nimmt zurück in jene Tage, als er 21 war und «die Teufelei» ein Ende nahm. «Ich kann mich noch gut an den 8. Mai 1945 erinnern, als die Wehrmacht kapitulierte. Doch vorher will ich vom Tag sprechen, der für mich und meine Familie das Ende des Krieges bedeutete. Das war, als wir hörten, dass Hitler tot ist.»

Bollag, Sohn einer jüdischen Familie, Heimatort Endingen im Bezirk Zurzach, wuchs in Baden an der Bruggerstrasse auf, nun wohnte er im ersten Stock des heutigen Restaurants Kreuzliberg. Dort gab es ein Radio. «Wir haben morgens, mittags und abends so selbstverständlich Radio gehört, wie wir Brot assen», erzählt er. «Und so hörten wir, dass er tot ist.»

Amy Bollag arbeitet seit Jahrzehnten als Künstler. Auf sein Haus in Zürich malte er Wilhelm Tell.

Amy Bollag arbeitet seit Jahrzehnten als Künstler. Auf sein Haus in Zürich malte er Wilhelm Tell.

«Wie ein Sturmwind ging die Nachricht durch Baden»

Das war am 30. April 1945. «Wie ein Sturmwind ging die Nachricht durch Baden», erzählt der 95-Jährige, der heute mit seiner Frau in Zürich lebt. «Die Fröntler, Hitlers Anhänger in der Schweiz, in Baden gab es einige von ihnen, sie waren von nun an mucksmäuschenstill. Sie taten den Mund schon seit Stalingrad nicht mehr auf, als sie merkten, dass der Wind dreht.» Bollag und den ungefähr 200 Juden, die damals in Baden lebten, war es aber noch kurz vor Ende des Krieges unbehaglich. Weil die Deutschen im Januar 1945 in den Ardennen noch eine letzte Offensive wagten. «Wir dachten, wer weiss, vielleicht überrollen die Nazis die Schweiz doch noch. Erst als Hitler tot war, wussten wir: Jetzt haben wir Ruhe.»

Am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, war Bollag in Zürich. Seine Erzählung deckt sich mit jener, die er vor fünf Jahren einem Journalisten des «Tagblatts der Stadt Zürich» erzählte. «Ich kam nachmittags gerade aus der Kunstgewerbeschule und lief Richtung Hauptbahnhof. Ich hatte meinen Zug nach Baden verpasst und beschloss deshalb, die Zeit mit einem Spaziergang durch die Bahnhofstrasse etwas zu vertreiben.» Vor dem Deutschen Verkehrsbüro hatte sich eine Menge angesammelt. Als Bollag hinzukam, um die Situation aus der Nähe zu beobachten, flogen bereits die ersten Steine, die Scheiben des Büros gingen zu Bruch.

Der 8. Mai – ein Tag der Wehmut

«Ich empfand den 8. Mai als einen Tag der Wehmut. Die zerbrochenen Scheiben – in diesem Bild lag plötzlich das Bewusstsein, dass ich meine deutsche Verwandtschaft nie mehr wiedersehen würde. Wir hatten bereits 1943 von Auschwitz gehört. Ihr Schweigen in den Tagen nach dem Kriegsende liess die Befürchtung zur Gewissheit werden, dass sie alle in den Vernichtungslagern ermordet worden waren.»

Nach dem Krieg heiratete Amy Bollag seine Thea, baute eine Getreidehandelsfirma auf und arbeitete als Illustrator. Seine Texte und Zeichnungen über Erinnerungen an Baden erscheinen seit Jahren in der Aargauer Zeitung.

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