Auf dem Sulperg am östlichen Rand Wettingens, in 514 Metern Höhe, steht sie: die Marienkapelle. Im Jahre 1749 als Andachtsort erbaut, ist das von Bäumen umsäumte katholische Gotteshaus auch heute noch ein beliebtes Ausflugsziel. Gläubige und Wanderer, die auf dem Kreuzweg rund um die Sulperger Hügelkuppe spazieren, machen hier am Ende des Weges Rast. Die 100 Kilogramm schwere Glocke im Kupferturm der Kapelle erklingt in regelmässigen Abständen voll automatisiert täglich um 6, 12 und 15 Uhr. So weit, so gewöhnlich. Doch für Bruno Hunziker stellt der Turnus des Glockenläutens ein grosses Ärgernis dar.

Vor drei Jahren zog Hunziker nach Wettingen, wo er im Quartier Wettingen-Dorf in unmittelbarer Nähe zum Sulperg und der Marienkapelle lebt. In einem Leserbrief an die AZ beschwerte er sich über das Glockenläuten, das jeweils um 6 Uhr morgens rund fünf Minuten andauert und ihn in aller Regelmässigkeit aus seinem Schlaf weckt. «Jeden Morgen frage ich mich, wozu das eigentlich gut ist. Könnte man das leicht schrille Gebimmel nicht zeitlich etwas verschieben? Der liebe Gott hätte sicher nichts dagegen. Um 9 Uhr zum Beispiel würde es viel weniger stören», schrieb er weiter. Hunziker stellte für die Verschiebung einen entsprechenden Antrag an die Römisch-katholische Kirchgemeinde Wettingen. Dieser sei jedoch unbeantwortet geblieben.

Kirchgemeinde will antworten

«Ich habe den Antrag am 6. August verschickt», sagt Hunziker auf Anfrage. Als nach zehn Tagen weder eine Antwort noch eine Eingangsbestätigung seitens der Kirchgemeinde zurückgekommen sei, habe er noch einmal schriftlich nachgefragt – und erneut keine Antwort erhalten. Es gehe ihm weniger darum, dass er besonders stark unter dem Glockenlärm leiden würde, betont Hunziker. Vielmehr verstehe er den Sinn dahinter nicht, die Glocke derart früh und in einer Zeit zunehmender Lärmbelastung läuten zu lassen. Und: «Ich vermisse die christliche Nächstenliebe beim Auslassen einer Antwort.»

Die Römisch-katholische Kirchgemeinde Wettingen hat den Antrag von Bruno Hunziker erhalten. «Der Eingang wurde Herrn Hunziker schriftlich bestätigt», sagt Ulrike Zimmermann, Gemeindeleiterin der Pfarreien St. Anton und St. Sebastian. Es sei korrekt, dass die Kirchgemeinde Hunziker noch keine Antwort gegeben habe. Die Zeit sei genutzt worden, um Meinungen von Anwohnern, der Kirchenpflege und des Pfarreirates einzuholen, ergänzt Zimmermann. Klar ist: «Herr Hunziker wird selbstverständlich eine Antwort erhalten.»

Erinnerungen an den Fall Holten

Dass sich einzelne Anwohner am frühmorgendlichen Glockengeläut stören, ist im Kanton Aargau keine Seltenheit. Nationale Bekanntheit erlangte beispielsweise Nancy Holten Ende 2014, als sie eine Immissionsklage gegen die katholische Kirchgemeinde in Gipf-Oberfrick einreichte. Nebst der verursachten Ruhestörung sah Holten durch das Glockenläuten vor allem die Religionsfreiheit eingeschränkt. Ihre Klage scheiterte schliesslich am Veto des Gemeinderates, der seinen Beschluss damit begründete, dass von einer Mehrheit akzeptierte Traditionen nicht von Einzelpersonen oder von kleinen Minderheiten abgeschafft werden könnten.

Bruno Hunziker stehe mit seiner Beanstandung indes alleine da, heisst es bei der Kirchgemeinde in Wettingen. Gegen das Läuten der Marienkapelle sei in den letzten Jahren keine einzige Beschwerde eingegangen, sagt Ulrike Zimmermann. Im Gegenteil: «Wir erhalten Anrufe, wenn das Läuten einmal ausfällt.» Zwar habe es ihren Kenntnissen nach bei der Wettinger Kirche St. Anton vor einiger Zeit Diskussionen über das Glockenläuten gegeben, räumt Zimmermann ein. Doch in den drei Jahren, seit sie Pfarreileiterin ist, seien ihr keine Beschwerden bekannt. Wegen des viertelstündigen Glockenschlages habe man in der Vergangenheit zudem bei der Pfarrkirche St. Sebastian zwei Rückmeldungen erhalten. Dennoch sieht Zimmermann den Einwand von Bruno Hunziker als Ausnahmefall: «Ich kann überhaupt keine Tendenz ableiten, dass sich Beschwerden gehäuft hätten.»

Zimmermann betont, es bestehe keine Dringlichkeit, Anpassungen bei den Kirchen in Wettingen vorzunehmen. «Für viele Anwohner ist das Glockengeläut ein Starten in den Tag und ein Aufruf zum Gebet.»