Decken stapeln sich im Wohnzimmer von Simone Maurer in Rütihof. Jede ist einzigartig und handgefertigt. Eine ist aus einem Stoff voller Herzchen, auf einer anderen sind Autos, eine dritte ist bunt gemustert. Daneben türmen sich Kartonkisten. Auch sie sind gefüllt mit Decken, die darauf warten, verschickt zu werden. Landen sollen sie in den Durchgangszentren für Asylsuchende in der ganzen Schweiz.

Die unzähligen Medienberichte im vergangenen Jahr über Menschen auf der Flucht bewegten Simone Maurer, die dreifache Mutter aus Rütihof, sehr: «Mit jedem Bericht, den ich las, schätzte ich das privilegierte Leben, das meine Familie und ich hier in der Schweiz führen, mehr. Darum wollte ich etwas weitergeben.» Praktisch über Nacht rief sie im Alleingang das Projekt «Mini Decki» ins Leben. Die Idee: Möglichst jedes Kind, das als Flüchtling in die Schweiz kommt, soll anstelle einer unpersönlichen, eine eigene, kuschlige Decke erhalten. «Anders als ein Spielzeug, das mit der Zeit uninteressant wird, vermittelt eine Decke den Kindern Geborgenheit in einer neuen Heimat und begleitet sie über eine längere Zeit», sagt Maurer.

In ihrem ersten Blogeintrag schreibt sie: «Es ist ein grosses Projekt, das ich nie selber schaffen kann … aber ich vertraue darauf, dass etwas ins Rollen kommt.» Genau das ist geschehen: Seit diesem ersten Eintrag am 18. Dezember 2014 verbreitete sich «Mini Decki» rasant. Von überall her in der Schweiz erreichten Simone Maurer unterstützende E-Mails, und motivierte Personen begannen sofort, Decken zu nähen. «Es ist grossartig, wie schnell mein Projekt Leute begeistern konnte», sagt die Initiantin. Gerade sind an einem Wochenende 24 neue Decken auf der Textil Piazza in Liestal entstanden. Und in Thalwil hat der Verein Rührwerk 31 Decken für das Projekt genäht. Sogar über die Landesgrenze hinaus hat die Idee Anhänger gefunden. Trotz grossem Interesse und breiter Unterstützung hält Simone Maurer fest: «Es sind noch lange nicht genug Decken. Ich freue mich jederzeit über neue, motivierte Näherinnen und Näher, die ‹Mini Decki› unterstützen möchten.»

«Eine Heimat unterwegs»: Simone Maurer sagt, weshalb sie Decken für Flüchtlingskinder näht.

Die Abgabe der Decken läuft über die ersten Stellen, bei denen die Kinder mit den Kantonen in Kontakt kommen. Dies sind in den meisten Fällen die Durchgangszentren. «So können alle Kinder im Kanton erfasst werden, bevor sie auf die einzelnen Gemeinden verteilt werden», sagt Maurer. Damit das mit der Logistik reibungslos klappt, suchte sie den Kontakt zu den kantonalen Anlaufstellen. «Vor dem ersten Telefon war ich nervös.» Maurer befürchtete, dass die Verantwortlichen den mit dem Projekt verbundenen Aufwand scheuen könnten. Aber sie wurde positiv überrascht: Beim Sozialdienst des Kantons Aargau sowie bei allen später angefragten Kantonen war man begeistert und will das Projekt unterstützen.

Maurer entwarf einen Flyer, der in sechs Sprachen das Projekt «Mini Decki» erklärt. «Wenn die Flüchtlinge eine Decke bekommen, sollen sie wissen, dass diese von Freiwilligen als Geschenk für sie genäht wurde», sagt Maurer.

Die ersten Decken sind bereits bei ihren jungen Besitzern gelandet. «Meine Eltern haben eine Ladung ins Berner Oberland gefahren, weil sie sowieso in der Gegend unterwegs waren», sagt Maurer. Im Blog findet man Bilder der Kinder. Die Freude steht ihnen ins Gesicht geschrieben: Ihre Augen strahlen und sie präsentieren ihr persönliches Willkommensgeschenk stolz vor der Kamera.

«Mini Decki» wird Maurer noch so lange weiterführen, bis es keine Decken mehr braucht. «Wenn ich sage, jedes Kind soll eine Decke haben, dann meine ich das auch.»