Vor einem guten Jahr machte J. C. den schweren Gang ins Künter Gemeindehaus, um dort Sozialhilfe zu beantragen. Gestern Vormittag versammelten sich gleichenorts in Schwarz gekleidete Mitglieder seines Vereins 50plus outIn work Schweiz zu einer Mahnwache mit Kerzen und Rosen. Denn J. C. hat sich im Alter von 55, nach fünf Jahren vergeblicher Jobsuche, das Leben genommen.

Auch der Gemeinderat drückt in einem Schreiben an der Tür des Gemeindehauses sein Beileid aus. Er bedauere «die tragischen, gesellschaftlichen und persönlichen Umstände, die zum Freitod eines Einwohners führten, sehr», heisst es da.

Man sei sich der schwierigen Arbeitsmarktsituation für ältere Arbeitnehmer bewusst, teile das Unbehagen über diese Entwicklung und die Forderung nach einem Paradigmenwechsel. Damit hat es sich allerdings mit der Einigkeit.

Denn der 50plus-Verein macht der Gemeinde happige Vorwürfe. Dass J. C. nach einem kurzen Klinikaufenthalt mit der Diagnose «suizidgefährdet» entlassen worden sei, habe den Gemeinderat wenig gekümmert, hält die Lobby-Organisation für Ältere fest: «Statt der zehn Bewerbungen, die der Sozialdienst beantragte, verlangte dieser von J. C. das Doppelte.

Andernfalls drohe ihm eine Kürzung seines Sozialgeldes.» J. C. habe zu diesem Zeitpunkt nur noch aus der Gemeinde weggehen wollen. Und dies, so der Verein, sei ja auch das versteckte Ziel der schikanösen Auflagen gewesen.

Der Gemeinderat wehrt sich gegen die «emotionalen Anschuldigungen». Sie seien «falsch sowie verletzend, schaffen mit Vorverurteilungen nur weitere Opfer und sind für die Sache keinesfalls zielführend.»

Ein Ziel haben sie sicher gemeinsam: Ältere Stellensuchende sollen gar nicht erst in der Sozialhilfe landen. Dafür brauche es eine nationale Sensibilisierungskampagne, fordert 50plus-Geschäftsführerin Heidi Joos. Der Aargau sei hier mit der Plakat- und Inseratekampagne «Potenzial 50plus» durchaus mit gutem Beispiel vorausgegangen.

«Steter Tropfen höhlt den Stein»

«Wir machen auf kantonaler Ebene alles, was möglich ist», sagt denn auch Raphael Weisz vom kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit. So läuft seit einem Jahr das Programm «Tandem 50plus» – laut Weisz erfolgreich: «Wir haben schon viele Mentoren gefunden, die ältere Stellensuchende über ein paar Monate begleiten. Und nach dem Tandem-Ende fanden zwei Drittel der Teilnehmenden eine Stelle.»

Auch die seit zwei Jahren laufende Sensibilisierungskampagne mit der Botschaft, dass nicht das Alter, sondern die Qualifikation zählt, soll diesen Herbst noch einmal neu lanciert werden. Die Kampagne wirke nach dem Motto «steter Tropfen höhlt den Stein», ist Weisz überzeugt.

Verschiedene Unternehmen hätten den RAV bereits die Bereitschaft signalisiert, ältere Stellensuchende zu berücksichtigen. Trotzdem: In der Regel sind die über 50-Jährigen bei den Arbeitsvermittlungszentren länger angemeldet als Jüngere.

Gemäss der aktuellsten kantonalen Statistik vom Juli brauchten sie im Durchschnitt 371 Tage, bis sie wieder eine Arbeit fanden. Die 15- bis 24-Jährigen suchten im Schnitt nur 167 Tage lang.

Auch die Zahl der Ausgesteuerten war 2015 bei den über 50-Jährigen mit 849 höher als in den Vorjahren. Trotzdem sei das Bild des Sozialhilfeempfängers in den Köpfen vieler Leute noch immer dasjenige «eines jungen Menschen, der nicht arbeiten will und mittels tiefer Sozialhilfe dazu motiviert werden soll», konstatiert Joos.

Für immer mehr Ältere werde die Sozialhilfe aber zur permanenten Lösung. Und damit sie ein würdiges Altern ermöglichen könne, müsse der Bund zumindest einen Teil der Kosten übernehmen, fordert sie. «Denn dass viele Gemeinden ob der gestiegenen Anzahl Sozialhilfe-Empfänger an ihre finanziellen Grenzen gelangen, dafür haben wir Verständnis.»