Kantonsspital Baden

49-jähriger Aargauer stirbt nach Untersuchung an Herzinfarkt - die schwierige Frage nach der Schuld

Die Notfallaufnahme des Kantonsspitals Baden.

Die Notfallaufnahme des Kantonsspitals Baden.

Schmerzen in der Brust, ergebnislose Untersuchung, Herzinfarkt und Koma: Das ist die Geschichte in Kürze. Nun stellt sich die schwierige Frage nach der Haftung. Eine Hinterbliebene klagte vor dem Badener Bezirksgericht gegen das Kantonsspital Baden.

Es gibt Fälle, da möchte man lieber nicht Richter sein. Dann nämlich, wenn der Fall einerseits besonders tragisch ist und sich die Sachlage andererseits alles andere als eindeutig präsentiert. Einen solchen Fall hatte das Bezirksgericht Baden unter der Leitung des Gerichtspräsidenten Daniel Peyer letzte Woche zu beurteilen.

Der tragische Fall ereignete sich vor knapp sechs Jahren. Der damals 49-jährige Georg (Name geändert) begab sich mit Beschwerden und Druck hinter der Brust in den Notfall des Kantonsspitals Baden (KSB). Nach der üblichen Eintritts-Triage wurde Georg von einer Ärztin in der angrenzenden Notfallpraxis untersucht. Da diese nichts Verdächtiges feststellen konnte, wurde Georg wieder entlassen.

Der Vater zweier Kinder im Vorschulalter begab sich zur KSB-Bushaltestelle, wo er jedoch plötzlich einen Herzinfarkt erlitt. Zwar eilten zufällig Rettungssanitäter herbei, doch die Rettung kam zu spät. Georg erlitt als Folge des Herzinfarkts irreversible Hirnschäden und fiel ins Koma. Gut zwei Jahre wurde Georg gepflegt, ehe er verstarb und seine Frau und zwei Kinder hinterliess.

Nebst dem emotionalen Verlust für die Hinterbliebenen sind auch sehr hohe, sechsstellige Kosten entstanden. Kosten, die das KSB übernehmen müsse, so die Ansicht der Hinterbliebenen, weshalb sie eine Haftungsklage gegen das Kantonsspital einreichten. Die Teilklage in Höhe von 100 000 Franken deckt zwar nur einen kleinen Teil der Kosten.

Der Klägerin und ihrem Anwalt geht es denn auch nicht primär um die Teilklage. Vielmehr hoffen sie darauf, dass das Bezirksgericht Baden die Haftung grundsätzlich bejaht. Denn nur dann wäre die Grundlage geschaffen, dass die Versicherung die restlichen Kosten übernimmt.

Klägeranwalt: «Tragischer Fall ist klar Folge von Unterlassungen»

Vor Gericht erschienen nebst der Klägerin und ihrem Anwalt auch ein Chefarzt des KSB und der Verteidiger. Doch während der ersten beiden Stunden stand vor allem der Gutachter – ebenfalls ein Chefarzt – im Zentrum des Geschehens. An ihm war es, die Vorgänge von damals möglichst fachmännisch zu beurteilen. So sagte er unter anderem aus, dass gemäss Protokoll der Eintritts-Triage nicht alle notwendigen Parameter erfasst, respektive dokumentiert worden seien.

Der Gutachter machte aber auch klar: «Die Triage beim Notfall – also die Einstufung, welchen Dringlichkeitsgrad ein Patient hat – ist keine Diagnostik, sondern stellt lediglich eine Risikoabwägung dar.» Der Gutachter erachtet weiter auch die Dokumentation der anschliessenden Konsultation einer Ärztin in der Notfallpraxis als ungenügend. Insbesondere würden detaillierte Informationen zur Anamnese – also zur Vorgeschichte des Patienten – fehlen.

So weit die Ausgangslage. Doch noch war nicht klar, ob sich Gerichtspräsident Daniel Peyer und seine Richterkollegen mit dem Fall befassen müssen. Denn die Klägerin strebte mit dem KSB einen Vergleich an, den die Gegenseite jedoch ausschlug. Also war es am Kläger-Anwalt, als Erstes seine Argumente vorzubringen. «Wir haben es hier mit einem besonders tragischen Fall zu tun, der nicht hätte sein müssen. Er ist ganz klar die Folge von Unterlassungen.»

Am Ursprung sei die falsche und ungenügende Triage gestanden. Angeblich hätte dann auch die Ärztin sämtliche Angaben eingeholt, dank denen eine mögliche Herz-Kreislauf-Erkrankung habe ausgeschlossen werden können. «Grundsätzlich sind die Aussagen des Triagisten und der untersuchenden Ärztin, welche sie in anschliessenden Befragungen getätigt haben, wenig glaubwürdig», sagte der Klägeranwalt.

Und zudem hätte die Ärztin auf frühere Dokumente des Verstorbenen zurückgreifen müssen, woraus ersichtlich gewesen wäre, dass dieser sich schon zweimal wegen Herzangelegenheiten im Kantonsspital Baden habe untersuchen lassen.

Hinterbliebene hält die Aussage der Ärztin für unwahr

Er habe grundsätzlich den Eindruck, die Aussagen des Triagisten und der Ärztin in den anschliessenden Befragungen seien «vorbereitet» gewesen. Laut des Triagisten soll Georg auf die Frage, ob jemand in seiner Familie schon einmal von einem Herzinfarkt betroffen gewesen sei, mit «Nein» geantwortet haben.

Und dies, obwohl Georgs Bruder erst vor ein paar Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war – und dies in den Armen von Georg. «Also entweder hat der Triagist die Frage gar nicht gestellt oder er hat die Antwort des Verstorbenen nicht richtig wiedergegeben», so die Schlussfolgerung des Klägeranwalts. Für diesen war denn auch klar: «Hätte man den Verstorbenen im Spital zur Untersuchung belassen, hätte der Herzinfarkt rechtzeitig behandelt und somit auch der Sauerstoffmangel im Hirn und die daraus folgende Schädigung des Hirns vermieden werden können. Die Haftung des Spitals ist zu bejahen.»

Wenig überraschend hatte der Verteidiger eine völlig andere Sicht der Dinge. Insbesondere verwehrte er sich dagegen, dass er auf den Notfall-Arzt und die Ärztin, respektive deren Aussagen Einfluss genommen habe. «Wieso sollten die beiden nicht die Wahrheit sagen. Sie haben ja nichts zu befürchten.»

Das Gericht dürfe nicht den Fehler machen, den Fall in der Rückschau – also in dem Wissen um den tragischen Ausgang – zu beurteilen. «Vielmehr muss sich der Richter zwingen, sich in die Perspektive des besagten Abends zu versetzen.»

Der Verteidiger spielte den Ball zurück zur Klägerin. «Wenn ein Patient seine Beschwerden und Krankheitsgeschichte nicht vollumfänglich schildert, besteht auch keine Notwendigkeit für weitere Abklärungen. Der Verstorbene hat über Schmerzen in der Bauchgegend geklagt, nicht mehr und nicht weniger. Kurzum: Es gibt keinen Hinweis auf eine Sorgfaltspflichtverletzung», war für den Verteidiger klar.

Ganz zum Schluss ergriff auch die Klägerin selbst noch das Wort: «Mein Mann kann nicht mehr für sich sprechen. Aber eines ist für mich ausgeschlossen: Dass er gegenüber der Ärztin nicht von seiner Angst eines Herzinfarkts sprach, war doch sein Bruder in seinen Armen an einem Herzinfarkt gestorben.»

Es sei für sie deshalb völlig unmöglich, dass ihr verstorbener Mann auf die Frage, ob es in der Familie schon Herz-Fälle gab, mit «Nein» geantwortet habe. Mit diesen emotionalen Worten war die Verhandlung beendet. Das Urteil wird in ein paar Wochen erwartet.

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