Fusion

24 Ja-Stimmen fehlten: Baden erteilte Neuenhof eine Abfuhr – die Ohrfeige schmerzt immer noch

Auf der Suche nach Erklärungen: Badener und Neuenhofer Stadt- und Gemeinderäte am 13. Juni 2010.

Auf der Suche nach Erklärungen: Badener und Neuenhofer Stadt- und Gemeinderäte am 13. Juni 2010.

Vor exakt zehn Jahren lehnte Baden die Fusion mit Neuenhof ab. Das Trauma wirkt bis heute nach – doch nun öffnet sich die Stadt wieder.

Der 13. Juni 2010: Ein Tag, der sich ins kollektive Gedächtnis der ganzen Region Baden eingebrannt hat: Die Fusion von Baden und Neuenhof scheiterte an der Urne. 93 Prozent der Neuenhofer sagten Ja – doch von Baden gab es keinen Hochzeitskuss, sondern eine Ohrfeige. Nur 24 Ja-Stimmen mehr, und Baden wäre heute eine Stadt mit mehr als 27'000 Einwohnern.

Bis heute ist das Trauma spürbar. Erstens wegen des hauchdünnen Resultats, das die Befürworter von damals noch immer schmerzt. Und zweitens, weil kaum jemand damit gerechnet hatte und das Ergebnis noch immer schwierig zu erklären ist. Heute würde man wohl von einer Filterblase sprechen: Zu hören und zu lesen waren im Vorfeld fast nur die Befürworter. Der Badener Stadtrat hatte die Fusion einstimmig bejaht, der Einwohnerrat mit nur vier Gegenstimmen ebenfalls. Zwar äusserten sich einige SVP-Exponenten kritisch, und es bildete sich eine Oppositionsgruppe – aber erst sehr spät.

Die Stadt Baden liess das Abstimmungsresultat später von einem Forschungsinstitut wissenschaftlich untersuchen. «Die Stimmberechtigten fühlen sich in ihrer Stadt hochgradig wohl», lautete eine Erkenntnis. Es gab keinen Druck, keine Notwendigkeit für eine Veränderung. Zudem liessen sich, so das Forschungsinstitut, keine grossen Gruppen finden, die gegenüber der Nachbargemeinde positiv eingestellt waren. Und Personen mit neutraler Haltung zu Neuenhof stimmten der Fusion nur zu 50 Prozent zu.

Der Badener Geist war dem Kleingeist gewichen

Das überraschende Ergebnis brachte das Weltbild so manchen Städters ins Wanken. Sind die Badenerinnen und Badener vielleicht doch nicht so weltoffen, wie sie sich selber sehen und an den Badenfahrten zeigen? Der Badener Geist war dem Kleingeist gewichen, so die Erkenntnis nach dem Wahlsonntag. Der Zusammenschluss mit Neuenhof hätte der Auftakt in einer Reihe von Fusionen sein sollen, an dessen Ende die grosse und bedeutende Regionalstadt Baden-Wettingen gestanden hätte. Doch von Fusionen wollte man in Baden danach erst Mal nichts mehr wissen. Die Stadt fiel diesbezüglich in eine jahrelange Schockstarre.

Bis vor vier Jahren Ennetbaden die Hand reichte, die reiche Nachbargemeinde und natürlichste Partnerin – einst gehörten Baden und Ennetbaden zusammen. Doch das Timing stimmte nicht: Just dann rumorte es in Badens Stadthaus wegen den Wirren um Ammann Geri Müller. Ennetbaden machte sich rasch wieder aus dem Staub.

Warum soll es mit Turgi besser klappen?

Seit dieser Woche ist nun klar: Baden ist bereit, das Trauma zu überwinden. Eine Fusion mit Turgi bis im Jahr 2024 ist das erklärte Ziel des Stadtrats. Doch was ist anders als vor zehn Jahren? Ist der Druck für eine Veränderung in Baden gross genug? Gibt es genügend Menschen in der Stadt, die gegenüber der Nachbargemeinde positiv eingestellt sind?

«Was mich freut, ist die Tatsache, dass die Fusionsgespräche nicht isoliert im Elfenbeinturm laufen, sondern Inputs aus der Bevölkerung in die Ausgestaltung einfliessen werden», sagt Sarah Wiederkehr, CVP-Einwohnerrätin. Sie reichte vor einem Jahr einen Vorstoss zum möglichen Zusammenschluss ein. Der Fusionsfahrplan, der diese Woche präsentiert wurde, überzeuge sie. Positiv sei, dass der Prozess extern von einem erfahrenen Berater begleitet werde. «Und dass zwei Volksabstimmungen eingeplant sind, erachte ich als ein starkes Zeichen der beiden Gemeinden, die Partizipation wirklich ernst zu meinen und aus der gescheiterten Gemeindefusion mit Neuenhof gelernt zu haben.»

Auch Marco Kaufmann vom Verein Traktandum 1, der sich für Fusionen in der Region einsetzt, sagt: «Dass es zwei Abstimmungen gibt, kann ich nach dem Trauma von Neuenhof sehr gut nachvollziehen.» Die erste Abstimmung im Juni 2021 entspreche einem Grundsatzentscheid der Bevölkerung über die Befindlichkeit zu einer Fusion. «Wenn in Baden bereits jetzt eine grosse Ablehnung zu diesem Projekt besteht, wäre es schade, wenn von Seite der Behörden viel Zeit, Geld und Engagement in ein Fusionsvertrag investiert wird, der dann kurz vor dem Ziel an der Urne abgeschmettert wird.»

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