Bezirk Baden

15 Prozent Stimmbeteiligung: Die Wahlmuffel wohnen in Spreitenbach – 11 Beobachtungen zum Wahlsonntag

Spreitenbach ist bekannt als Ikea-Standort – zu den Wahlurnen strömen die Einwohner dagegen nicht in Massen.

Spreitenbach ist bekannt als Ikea-Standort – zu den Wahlurnen strömen die Einwohner dagegen nicht in Massen.

1. Listenplatz 1 ist keine Wahlgarantie

Vera Becker beim Bahnhof Baden.

Vera Becker beim Bahnhof Baden.

Die Grünen sorgten für eine Überraschung, als sie mit Vera Becker ein frisches Gesicht auf den vordersten Platz ihrer Liste setzten. Zur Wahl gereicht hat es der 21-Jährigen aus Untersiggenthal zwar (noch) nicht. Sie musste den bewährten Kräften Ruth Müri und Christian Keller sowie alt Nationalrat Jonas Fricker den Vortritt lassen. Aber: Das eigentliche Ziel dürften die Grünen erreicht haben: Vera Beckers Bekanntheitsgrad ist deutlich gestiegen. Und Bekanntheit ist ein wesentliche Voraussetzung, um bei Wahlen Erfolg zu haben. Das musste bei den Regierungsratswahlen eine andere Grüne erfahren: Christiane Guyer nannte ihre fehlende Bekanntheit im Aargau als Grund für die verpasste Wahl.

2. CVP-Hochburg Birmenstorf

CVP-Zugpferd in Birmenstorf: Edith Saner an ihrer Wahlfeier als Grossratspräsidentin. (Bild: 07. Januar 2020)

CVP-Zugpferd in Birmenstorf: Edith Saner an ihrer Wahlfeier als Grossratspräsidentin. (Bild: 07. Januar 2020)

   

In der 3000-Einwohner-Gemeinde ist die CVP mit einem Wähleranteil von 28,3 Prozent so stark wie sonst nirgends im Bezirk Baden. Zugpferd für die Partei ist die aktuelle Grossratspräsidentin Edith Saner. Sie hat in ihrem Dorf mit 473 Stimmen ein Glanzresultat erzielt, das beste im Ort. Edith Saner ist zugleich die Birmenstorfer Panaschierkönigin: Die 92 Stimmen sind mit Abstand die Bestmarke.

3. Grosse Sprünge vom hinteren Listenplatz

Christian Keller

Christian Keller

Der Shootingstar: Leandra Knecht (GLP). Sie schaffte die Wahl trotz Platz 10 auf der GLP-Liste. Sie wurde als viertbeste ihrer Partei gewählt.

Den grössten Sprung in den Grossen Rat ist allerdings einem anderen gelungen: dem Untersiggenthaler Christian Keller (SVP). Sein Name stand auf Platz 15 der Liste. Er wurde mit dem achtbesten Resultat seiner Partei gewählt.

Einen noch grösseren Sprung machte, wie uns ein aufmerksamer Leser schreibt, der 22-jährige Tim Voser von der FDP/Jungfreisinnigen - von Listenplatz 29 auf 13. 

Weit sprang auch Christoph Meier von der GLP: Er startete von Platz 19 aus und wurde 7., was den dritten Ersatzplatz bedeutet. Ariane Dieth (CVP) startete auf Listenplatz 18 und machte das siebtbeste Resultat ihrer Partei. Das bedeutet sogar den zweiten Ersatzplatz.

4. Polit-Nachwuchs im Hause Dieth

Ariane Dieth.

Ariane Dieth.

Apropos Ariane Dieth: In ihrem Wohnort Wettingen machte die Tochter von Regierungsrat Markus Dieth (CVP) sogar das drittbeste Resultat hinter Susanne Voser, der ehemaligen Frau Gemeindeammann Neuenhofs, und Roland Kuster, dem amtieren Gemeindeammann des «Sterns an der Limmat». Ariane Dieth glänzt auch in anderen Gemeinden: Hinter Badens Stadtammann Markus Schneider belegt sie den zweiten Ersatzplatz bei der CVP. Gut möglich also, dass sie in Zukunft Platz nimmt im Grossen Rat, während ihr Vater dort noch als Regierungsrat amtet. 

5. Wo die SVP nur auf Platz 6 liegt

Keine SVP-Hochburg: Ennetbaden (vorne).

Keine SVP-Hochburg: Ennetbaden (vorne).

Die SVP hat im Bezirk Baden das beste Resultat erzielt. In Ennetbaden dagegen blieb es mit 9,1 Prozent einstellig – fünf andere Parteien schnitten besser ab. Das zweitschlechteste Ergebnis erzielt die Volkspartei in der Stadt Baden mit 13,1 Prozent, was Platz 5 bedeutet. Ganz anders sieht es in Künten aus: Hier kommt die SVP auf stolze 41,2 Prozent. 

6. Kleiner Trost zur tiefen Frauenquote

11 der 30 neue Grossräte des Bezirks Baden sind Frauen. Gegenüber der Wahl vor vier Jahren sind das drei weniger. Ein kleiner Trost: Mit Stefanie Heimgartner (SVP), Marianne Binder-Keller (CVP) und Lilian Studer (EVP) sind gleich drei der damals gewählten Frauen zu Höherem berufen worden. Sie politisieren heute alle im Nationalrat. 

7. Häufiges Sesselrücken im Grossen Rat

23 der 30 der neuen Badener Delegation politisieren schon jetzt im Grossen Rat. Von den 30 gewählten aus dem Jahr 2016 sind dagegen ab Neujahr nur noch 12 übrig – hoffentlich kein Zeichen für eine Politverdrossenheit. Einer von ihnen hat bekanntlich die Partei gewechselt: Michael Notter, einst bei der BDP, hat als CVP-Politiker mit dem viertbesten Resultat einen von fünf Sitzen erobert.

8. Wahl um acht Stimmen verpasst

Iva Marelli

Iva Marelli

Iva Marelli politisiert in der Stadt für das «Team Baden», sitzt für die linksliberale Partei im Einwohnerrat. Bei den Grossratswahlen liess sie sich nun für die Grünliberalen aufstellen. Ein cleverer Schachzug: Sie schloss sich der grossen Gewinnerpartei an. Sie verpasste die Wahl allerdings mit Pech: Iva Marelli erhielt 4194 Stimmen – nur acht weniger als Leandra Knecht. Doch Marelli hadert nicht mit den knappen Ausgang. «Ich freue mich über den ersten Ersatzplatz», schreibt sie auf Facebook. Und ergänzt, das Ergebnis der GLP, die zwei Sitze dazugewann, sei «grandios».

9. Grosse Unterschiede bei der Wahlbeteiligung

33,04 Prozent betrug die Wahlbeteiligung am Sonntag kantonsweit, fast exakt so viel wie im Bezirk Baden (33,06 Prozent). Innerhalb der Region aber gibt es erstaunlich grosse Unterschiede. In Ennetbaden ging jeder zweite Stimmberechtigte an die Urne (50,43 Prozent). Verhältnismässig hoch war der Wert auch in Freienwil (44,72 Prozent), wo gleichzeitig eine Gemeinderatswahl stattfand. Aufs Podest schafft es auch die Stadt Baden (40,56 Prozent). Die Wahlmuffel nicht nur im Bezirk, sondern im Kanton: Spreitenbach. Nur gerade 15 Prozent der 4695 Stimmberechtigten lockte die Parlamentswahl an die Urne. Der Abstand zum zweitletzten Neuenhof ist deutlich: Dort betrug die Stimmbeteiligung immerhin fast 24 Prozent.

10. Viele Grossräte aus der «Grossstadt»

Die Idee einer Stadt Baden mit 60'000 Einwohnern ist wieder auf der politischen Agenda zu finden. Das Projekt käme zustande, wenn die Stadt mit seinen Nachbarn fusionieren würde. Wäre die Grossstadt schon heute Tatsache, würden 23 von 30 Grossräten aus Baden stammen.

Kandidierende aus Gemeinden, die nicht ans Zentrum grenzen, haben es also nicht leicht. Dennoch vertreten im Grossen Rat sind Untersiggenthal und Mellingen (mit je 2) sowie Killwangen, Freienwil und Niederrohrdorf mit je einem Grossrat.

11. Wahl verpasst – trotz Spitzenergebnis

Der Kandidat mit den meisten Stimmen im Kanton, der die Wahl dennoch verpasste, stammt aus Untersiggenthal: Patrick Philipp Frei holte stolze 6161 Stimmen, landete damit aber nur auf dem ersten SVP-Ersatzplatz.

Patrick Philipp Frei

Patrick Philipp Frei

Der Kandidat im Bezirk, der am wenigsten Stimmen brauchte, um gewählt zu werden: Der Wettinger Lutz-Fischer Lamprecht von der EVP (2807 Stimmen). Am wenigsten Stimmen aller Kandidierenden im Bezirk Baden erhielt Andrea Vecchio von der EDU (240 Stimmen). Aufgefallen bei der EDU: Der Wähleranteil ist im Bezirk Baden exakt gleich gross wie vor vier Jahren: 0,49 Prozent.

Lutz Fischer-Lamprecht

Lutz Fischer-Lamprecht

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