Wandern
az-Wanderung: «Gut möglich, dass sich wenig ändert»

Hotelier Ernst Wyrsch spricht im Interview mit der az über seine Zukunft und jene der az-Jazz-Wanderwochen in Davos.

Toni Widmer
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Ernst Wyrsch, az-Wandervögel aus dem Aargau beim Aargauer Hotelier in Davos – 2010 definitiv zum letzten Mal, weil Sie Ende Oktober als Direkter des Grandhotels Steigenberger Belvédère zurücktreten?

Ernst Wyrsch: Sicher ist, dass ich die vier az-Wanderwochen 2011 wie gewohnt selber betreuen und als Wanderleiter unterwegs seine werde. Für diese Abschiedstour sind verschiedene Überraschungen in Vorbereitung. Die Gäste dürfen gespannt sein.

Und danach ist endgültig Schluss mit Wandern in Davos?

Wyrsch: Im Gegenteil: Die Bereitschaft, die Wanderwochen-Tradition weiterzuführen, ist im Haus «Steigenberger Belvédère» grundsätzlich vorhanden. Und ich selber bin keineswegs abgeneigt, auch künftig sporadisch als Wanderleiter zu amten.

Es besteht die Option, dass es mit den az-Jazz-Wanderwochen im gewohnten Stil weitergeht?

Wyrsch: Diese Option besteht durchaus. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass Concierge Hans Escher dem Haus als Wanderprofessor erhalten bleibt. Ohne ihn würden die Wanderwochen Herz und Seele verlieren. Im besten Fall wird sich im «Steigenberger Belvédère» nach meinem Abgang gar nicht viel ändern.

Und was wäre der beste Fall?

Wyrsch: Es ist möglich, dass einer meiner langjährigen Mitarbeiter die Leitung des Hotels übernimmt und ich ihm eine begrenzte Zeit noch als Berater zur Verfügung stehe.

Ernst Wyrsch will also das Zepter doch nicht so schnell abgeben?

Wyrsch: Ich gebe zu, dass mir der Abschied nicht leicht fällt. Ich bin mit Haut und Haaren Hotelier. Wenn ich aufhöre, wird mir etwas fehlen.

Warum gehen Sie dann? Passen Ihnen die Führungsstrukturen nicht mehr, seit die Steigenberger-Gruppe in ägyptischer Hand ist?

Wyrsch: Wenn mich etwas daran stören würde, würde ich dagegen kämpfen und nicht den Kopf einziehen. Ich bin sehr individualistisch veranlagt und kein stromlinienförmiger Konzernmitarbeiter. Die Zusammenarbeit mit der Konzernleitung hat unter dieser meiner Eigenschaft nie gelitten. Sie war über 15 Jahre hinweg gut und ich arbeite bis heute gerne mit der Steigenberger-Führung zusammen.

Alles im grünen Bereich und Sie haben sich dennoch für einen Wechsel entschieden. Fehlt Ihnen nach all den Jahren die Motivation?

Wyrsch: Auch das nicht. Meine Entscheidung hängt mit meinem 50. Geburtstag zusammen. Ich fand es an der Zeit, eine persönliche Standortbeurteilung vorzunehmen, und dabei haben sich drei Möglichkeiten abgezeichnet: Bis zur Pensionierung Direktor im «Belvédère» bleiben, ein anderes Hotel übernehmen – an interessanten Angeboten hätte es nicht gefehlt – oder etwas völlig Neues wagen. Ich habe mich für das Letztere entschieden und werde künftig als Dozent und Experte der St.Galler Business School Vorträge über Leadership, Führung, Motivation und Glück halten. Daneben würde ich gerne noch weitere Verwaltungsratsmandate übernehmen. Es reizt mich zu erfahren, ob ich in der Wissensvermittlung und auf der strategischen Ebene ebenso erfolgreich arbeiten kann wie im «Belvédère». Raus aus der Komfortzone als bewährter Hotelier, rein in die Herausforderung – das will und brauche ich.

Das «Belvédère» war einst ein Steigenberger-Sorgenkind. Unter Ihrer Führung wurde es zu einem der erfolgreichsten Hotels der Gruppe. Was raten Sie Ihrem Nachfolger?

Wyrsch: Er darf sicher Anpassungen vornehmen, die sich auf seine Person und seinen Führungsstil beziehen. Und man kann sicher auch dem «Belvédère» neue Impulse verleihen und hier neue Ideen verwirklichen. Eine konzeptionelle Kehrtwende würde ich jedoch als gefährlich erachten, weil in diesem Betrieb gewisse Gesetzmässigkeiten einfach gegeben sind.

Diese Gesetzmässigkeiten wären?

Wyrsch: Es ist eine unserer Stärken, dass wir es geschafft haben, das Hotel auch in der Sommersaison gut auszulasten. Daran haben insbesondere unsere verschiedenen Themen-Wanderwochen wesentlich beigetragen. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die gute Zusammenarbeit mit anderen Davoser Hoteliers. Gemeinsam ist es uns gelungen, mit erfolgreichen Projekten wie «Davos Sounds Good», den Musical-Wochen und den Schlager-Wochen mehr Sommergäste ins Landwassertal zu bringen.

Nun bringen Schlager-, Schlemmer- oder Jasswochen ja wohl kaum die erwünschte, zahlungskräftige Fünfstern-Kundschaft ins «Belvédère»?

Wyrsch: Da vermuten Sie völlig falsch: Unser Erfolg gründet im Wesentlichen auch darauf, dass wir unsere Gäste nie nach deren Finanzkraft beurteilen. Ob Staatspräsident oder Wanderer – alle verdienen und erhalten in unserem Haus die gleiche Aufmerksamkeit. Es ist ein Konzept, das letztlich für beide Seiten absolut aufgeht. Wir machen unser Grandhotel im Sommer auch für weniger begüterte Gäste erschwinglich. So machen wir die Gäste glücklich und bei uns steigt gleichzeitig die Auslastung. Das wiederum ermöglicht uns, das Personal ganzjährig zu beschäftigen, was dessen Kontinuität und damit auch dessen Qualitäts-Level wesentlich steigert. Unser Personal braucht keine Anlaufzeit, wenn die strenge Wintersaison beginnt. Unsere alljährliche Sonderleistung am WEF zum Beispiel können wir nur deshalb mit Erfolg erbringen, weil wir auf viele langjährige, routinierte und sehr motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählen dürfen.