"Chloroform-Unhold"

Auf Socken und mit Chloroform im Mädchenzimmer

«Aargauer/Badener Tagblatt», 27.9.79

«Aargauer/Badener Tagblatt», 27.9.79

Im August 1979 wurde der als «Chloroform-Unhold» bekannte Triebtäter verhaftet. Er hatte im Aargau und in Hitzkirch in 55 Fällen versucht, in Mädchenschlafzimmer einzudringen, die Schlafenden zu betäuben und zu missbrauchen. Der folgende Artikel erschien am 27.9.1979 im «Aargauer Tagblatt».

Aargauer Tagblatt, 27.9.1979

Ein derartig perfides Sexualverbrechen gab es bisher in der Aargauer Kriminalgeschichte nicht: Mit Unterbrüchen kletterte ein dreissigjähriger, lediger Maschinenschlosser aus dem Seetal vorwiegend in den Bezirken Aarau, Kulm und Lenzburg während gut zwei Jahren nachts in Mädchenzimmer. Er versuchte die schlafenden Mädchen vermutlich mit Chloroform zu betäuben und sie sexuell zu missbrauchen. In fünf Fällen gelang es ihm, dieses Vorhaben auszuführen; es kam, wie die Polizei formulierte, zur „vollendeten Notzucht“.

Mindestens zweimal wurde der „Wattebausch-Sexler“ beobachtet, konnte aber immer entwischen. Beim letzten Mal wartete allerdings zu Hause die Polizei auf ihn. Sie hatte den wegen „Fensterluegen“ bekannten und schon dreimal wegen „Hausfriedensbruch“ bestraften („Voyeurtum“ ist an sich nicht strafbar) Mann in ihr Fahndungskonzept neben noch einigen anderen „Möglichkeiten“ einbezogen.

Obwohl ein Ableugnen nicht mehr möglich war, stritt der Seetaler während Wochen alles ab. „Er gab nur zu, was wir ihm vorhalten und beweisen konnten“, schilderte die Polizei ihre in diesem Fall nicht einfache Beweissituation. Ihr wichtigstes Indiz waren Turnschuhe. Die hatte der Sex-Schleicher bei seinem letzten Versuch am Tatort zurücklassen müssen; er stieg nämlich immer in Socken in die Zimmer seiner Opfer. Durch Geräusche vor dem Haus war nämlich der Vater des anvisierten Opfers aufmerksam geworden. Da der Täter immer die Turnschuhe auszog, flüchtete er in Socken. Inzwischen hat der Seetaler dreissig seiner nächtlichen „Mädchen-Besuche“ zugegeben; mehr als die Polizei in dieser Sache Anzeigen hatte. Sie wusste nur von einer „vollendeten Notzucht“ und von gut einem Dutzend „Schlafzimmerbesuchen“. Dass nicht alle Fälle zur Kenntnis der Polizei gelangten, hat mehrere Gründe. Manche Mädchen hielten vermutlich das plötzliche Auftauchen einer dunklen Gestalt in ihrem Zimmer für Scherz oder auch Traumgeschehen. Andere merkten überhaupt nichts, weil sie offenbar betäubt waren, noch ehe sie wach werden konnten. Nie wurde nämlich, soweit dies bis jetzt bekannt ist, der Seetaler gewalttätig. Sobald ein Mädchen aufwachte, verschwand er wortlos. Deshalb war es auch schwierig, von dem ganz in Schwarz gekleideten Mann ein handfestes Signalement zu bekommen, bedauerte die Polizei. Die schlaftrunkenen Mädchen sahen jeweils nur für Sekunden eine „dunkle Gestalt“ – eine glaubte sogar, es sei ihr Freund.

Begonnen hatte der 30-Jährige, in dessen Sexualleben offenbar der „Nervenkitzel“ eine entscheidende Rolle spielte, sein „Fenstereln“ im Juni 1977. Damals kletterte er an der Aussenwand des Hitzkircher Lehrerinnenseminars ohne Hilfsmittel bis zum fünften Geschoss. Er versuchte es dort mehrmals, allerdings immer ohne Erfolg. Einmal wäre er bald von den auf der Lauer liegenden männlichen Seminarbewohnern erwischt worden. Daraufhin verlegte er sein „Sexrevier“ in die Bezirke Aarau, Lenzburg und Kulm; einzelne Fälle ereigneten sich auch ausserhalb dieser Region.

Auffällig ist, dass der Mann nicht wie die meisten Triebtäter spontan handelte. Er kundschaftete seine 15- bis 18-jährigen Opfer und den Tatort vorher genau aus. In einigen Häusern soll er sogar zweimal eingedrungen sein; beim ersten Mal  jeweils bloss zur Erkundung. Um ins Haus zu gelangen, bediente er sich nicht selten einer Leiter; eine Leiter war es schliesslich auch, die die zweijährige Fahndung zum Abschluss brachte. Bis auf einen Fall musste sich der Schlafzimmereinsteiger auch nie gewaltsam Eingang verschaffen. Es waren offene Fenster und Türen, die ihm bei seinem abartigen Vorhaben wesentlich halfen. Wie ruhig er seine „Sexualausflüge“ plante, dokumentiert besonders eindrücklich ein Fall. Eine ganze Familie sass im Garten. Der Seetaler beobachtete sie. Als die Ahnungslosen dann ins Haus gingen und sich vor dem Fernseher gruppierten, hatte die Familie noch immer einen ungebetenen Beobachter. Er sass seelenruhig im Garten auf einem Stuhl und registrierte, wann, wie und vor allem in welchem Zimmer die einzelnen Familienmitglieder schliesslich ins Bett gingen. Erst weit nach Mitternacht stieg er dann ins Mädchenzimmer ein. Zu Hilfe kam ihm bei seinem abnormalen Tun ganz besonders auch die bei uns immer häufiger praktizierte „holländische Fenstersitte“, nämlich die Fenstervorhänge nicht zuzuziehen.

An seinem Arbeitsort galt der sexgestörte Mechaniker, der während seiner Deliktzeit eine Freundin hatte, als „ordentlicher und vor allem pünktlicher Typ“. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es ausser den nach fast vierwöchigem Leugnen zugegebenen dreissig Fällen noch weitere von ihm begangene Sexualverbrechen gibt, von denen die Polizei keine Kenntnis hat.

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