Hochwasser

Auf 3000 Kilometern droht Hochwasser-Gefahr

Projektleiter Martin Tschannen neben der Gefahrenkarte Hochwasser und einzelnen Teilplan-Paketen. Lü.

Hochwasser

Projektleiter Martin Tschannen neben der Gefahrenkarte Hochwasser und einzelnen Teilplan-Paketen. Lü.

Für das Hochwasser sind die 17 Teilkarten fertig, jene für Aarau-Brugg ist allerdings erst provisorisch. Lesen Sie hier, warum das so ist und welche Gebiete bedroht sind.

Das Riesenprojekt hat er 2002 als Projektleiter begonnen, jetzt steht er praktisch im Zieldurchlauf: Martin Tschannen, beim Wasserbau des Kantons zuständig für die Gefahrenkarte. Alle reden von Trockenheit und Wassermangel, er aber plant gegen künftige Hochwasser, kommt er sich da nicht komisch vor? «Es kann im nächsten Jahr wieder passieren, aber auch schon übermorgen», meint Tschannen trocken. Für die 200 Kilometer an Limmat, Reuss, Aare und Rhein ist kurzfristig sicher keine Überschwemmung in Sicht. Aber wenn eine Gewitterzelle stundenlang in einem Seitental dreht, kann das sehr rasch zu vollen Kellern und Millionenschäden führen. «Der Aargau hat 2800 Kilometer Bäche, durch Rheinfelden fliessen 65 Prozent des Schweizer Wassers, nur aus den drei Kantonen Genf, Basel-Stadt und Jura ist nichts dabei», erklärt Tschannen.

Auch Menschen in Gefahr

Alles fliesst, und im Wasserschloss der Schweiz fliesst alles zusammen, mit entsprechend grossem Schadenpotenzial, wenn nach tagelangen Landregen die Flussbette zu eng sind. Nach vier schweren Hochwassern seit 1994 (siehe Kasten) ist die vom Bund verlangte Gefahrenkarte jetzt praktisch fertig. 16 Teilgebiete sind definitiv, beim Plan Aare-Brugg dauert es noch ein paar Wochen. Bis Ende Mai konnten die Gemeinden Stellung dazu nehmen, aber die parzellengenauen Karten sind gemeinsam erarbeitet worden.

Projektleiter Tschannen hat die Detailfragen in rund 300 Besuchen bei den 220 Gemeinden geklärt. Methodisch wird auf den Karten in vier Farben gezeigt, wie hoch das Wasser steigt, bei einem Ereignis wie es theoretisch einmal in 30, 100, 300 oder in über 1000 Jahren vorkommt. «Bei Rot sind auch Menschen in den Häusern gefährdet, bei Blau ausserhalb der Häuser, bei Gelb kann es Überflutungen geben, Weiss zeigt die Restgefahr», erklärt der Fachmann die Farbenskala.

Schutz für die Siedlungen

Die jetzt fertige Gefahrenkarte liefert die bis ins Detail ersichtliche Basis, auf der sich alle nötigen Schutzmassnahmen aufbauen lassen. Das angestrebte Ziel ist klar: «Wir wollen alle Siedlungsgebiete im Aargau gegen ein 100-jährliches Hochwasser schützen, bei einem 300-jährlichen soll das Wasser einen halben Meter nicht übersteigen», betont Tschannen. Das zusätzliche Freibord entspricht 50 Zentimeter Reserve, bei Brücken sind es 80 Zentimeter, wenn dort mit viel Holzdurchfluss gerechnet werden muss. Die zitierten Ziele sind allerdings sehr hoch gesteckt und schwierig erreichbar.

Der grösste Fluss, der Rhein, bietet im Aargau nur punktuelle Probleme, «an der Aare gibt es ein paar Knacknüsse». Beim 2007 überschwemmten Kraftwerk Rüchlig in Aarau gibt es zusammen mit dem geplanten Neubau zwei weitere Wehröffnungen, beim Kraftwerk der Industriellen Betriebe Aarau (IBA) wird der Durchfluss ebenfalls verbessert. Millionenteure Dämme sind in den letzten Jahren realisiert worden, so an der Reuss bei Unterwindisch, an der Aare bei Döttingen und Kleindöttingen. Bereits fertig ist auch der Schutz in Brittnau. Am Bielersee, am Zürichsee und ein wenig auch am Ausfluss des Vierwaldstättersees in Luzern sind Regulierungen möglich, welche im Ernstfall die Spitze brechen können. Beim letzten grossen Aare-Hochwasser habe der Bund viel gelernt und die nötigen Organisationen aufgebaut.

Weiträumige Koordination

Die 17 Teilpläne umfassen zusammenhängende Bachläufe oder Flussabschnitte, denn ohne weiträumige Koordination - auch über die Kantonsgrenzen hinaus - wären Massnahmen ziemlich sinnlos. Äusserst wirksam sind Rückhaltebecken, durch Überflutung von Feldern, wie sie im Ehredinger Ried und oberhalb von Endingen für das Surbtal geplant sind. Hochwasserschutz kostet oftmals viel Geld, allein für das Surbtal sind 12,5 Millionen Franken nötig. In aller Regel werden die Kosten durch Bund, Kanton und Gemeinden gemeinsam getragen. Schutzprojekte mit Millionenkosten sind auch im Bünztal, am Möhlinbach, an der Suhre und im Wiggertal geplant, jenes in Hilfikon wird gebaut. Mit wenig Geld lässt sich nur bei Einzelobjekten oft eine gute Prävention erreichen.

Reusstal grösstes Sorgenkind

Grösste Knacknuss beim Hochwasser bildet die Reuss, die meist dank der Kleinen Emme zum wild tobenden Fluss wird. Der Grundsatzentscheid ist nicht gefallen, ob man im Extremfall mit Poldern die Reuss gezielt ausfliessen lässt oder mit anderen Lösungen Wasser zurückhalten kann. So oder so ist mit Kosten von 500 Millionen Franken an aufwärts zu rechnen und zeitlich weiten Horizonten. An der Kleinen Emme wird bereits für 150 Millionen Franken gebaut, darunter ein für den Aargau wichtiges Rückhaltebecken für Holz in Ettisbühl. Bei aller Prävention ist eines nicht zu vergessen: Jedes Hochwasser ist anders, und den absoluten Schutz wird es nie geben.

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