Analyse

Auch ohne Treibjagd gibt es keine Ruhe für Aargauer Wildtiere

Darf man nach einer verlorenen Volksabstimmung erneut eine identische Initiative einreichen, wie das beim «Jagen ohne tierquälerisches Treiben» der Fall ist? Man darf.

Es wird einem im Aargau ja auch kinderleicht gemacht, denn dazu genügen 3000 Unterschriften – wie vor Jahrzehnten. Mit einer doppelt oder dreifach so hohen Hürde wäre der Erfolg beim Start einer Initiative nicht garantiert. Der «Verein zum Schutz der bedrohten Wildtiere» hat seine dritte Initiative im Herbst 2010 mit 3341 gültigen Unterschriften bei der Staatskanzlei eingereicht. Die Regierung hat sie für gültig erklärt, das Parlament ebenfalls und empfiehlt mit 121 zu 4 Stimmen die Ablehnung.

Auf den Tag genau vor sechs Jahren hat das Aargauervolk am 27. November nein gestimmt, deutlich, mit 64 Prozent Ablehnung. Die neue Initiative verlangt, das erst 2010 in Kraft gesetzte neue Jagdgesetz sei so zu ändern, dass «die Treibjagd durch Hunde, Menschen oder Hilfsmittel aller Art untersagt wird». Das Umherhetzen der Wildtiere sei unethisch, tierquälerisch und unnötig. Es diene lediglich dem Vergnügen der Jäger, kritisieren die Initianten um Wildtier-Präsident Peter Suter (Kölliken). Die Gesellschaftsjagd werde mit Fanfaren, Versammlung um die erlegten Tiere bis zum Aser am Abend mit einem Brimborium zelebriert, das aus dem vorletzten Jahrhundert stamme. Heute sei das nicht mehr zeitgemäss und abzuschaffen.

Treibjagd ist keine Hetzjagd, widersprechen die 900 Aargauer Jägerinnen und Jäger vehement. Eine Kommission aus Gemeinde, Forstamt und Jägerschaft legt die Abschussziele alle zwei Jahre fest. Im ganzen Kanton sind das jährlich 5000 Rehe, 3000 Füchse und 500 bis 1500 Wildschweine, um nur die wichtigsten zu nennen. Wenn der Präsident des Aargauischen Jagdschutzvereins (AJV), Erhard Huwyler (Beinwil im Freiamt), von einer nachhaltigen Jagd spricht, meint er: Nur der jährliche Zuwachs an Wildtieren wird genutzt, der Bestand bleibt immer gleich gross. Die in 218 Jagdgesellschaften gut organisierten Jäger erfüllen einen gesetzlichen Auftrag – und dürfen dafür noch bezahlen. Bei einer Abschaffung der Jagd müssten teure staatliche Wildhüter eingesetzt werden, wie im Kanton Genf.

Die Alternative zur Treibjagd heisst Ansitzen auf dem Hochsitz und Einzeljagd. Weil die Treibjagd nur während zweier, für Wildschweine dreier Wintermonate erlaubt ist, bringe sie eine insgesamt viel geringere Beunruhigung der Wildtiere, betonen die Jäger. Auch diesmal ärgern sich viele Grünröcke rot und blau, weil sie das ganze Jahr Natur- und Tierschutz betreiben – und quasi als dank dafür an den Pranger gestellt werden.

Früher schossen sie nochmit Kanonen auf Spatzen, in diesem kurzen Abstimmungskampf ist eine gewisse Gelassenheit der Jäger spürbar. Auch die vom AJV bewilligten Mittel sind um ein Drittel auf 120000 Franken reduziert worden. Die Initianten haben laut Angaben von Peter Suter die Abstimmungskasse in den letzten Jahren mit 57000 Franken gefüllt. Über den Ausgang der Abstimmung sagen diese Zahlen nichts aus, die Stimmbürger lassen sich nicht mit Werbung ködern, sondern entscheiden nach Fakten und eigenen Überzeugungen.

Das Töten von Tieren war vor zwei Generationen noch eine Selbstverständlichkeit. Heute mag die sensible und naturfremde Gesellschaft das nicht mehr sehen, Braten und Rehpfeffer kommen ja von Coop oder Migros – da ist oft kein Zusammenhang mehr mit der Tierwelt ersichtlich. Der gesellschaftliche Wandel und die Verdrängung von Realitäten tragen wohl dazu bei, dass der kleine Wildtierverein vielen Leuten aus dem Herzen spricht. Vor sechs Jahren haben über 52000 Aargauerinnen und Aargauer ein Verbot der Treibjagd unterstützt. Bei ähnlicher Höhe und 40 Prozent Stimmbeteiligung reicht das zwar nicht für eine Mehrheit. Beachtlich sind die Zahlen vor diesem Hintergrund: Alle Parteien lehnen die Initiative ab, ebenso die vielen aktiven Tierschützer von Pro Natura und vom Aargauischen Tierschutzverein.

Fazit: Es nützt nichts, die Treibjagd zu verbieten, denn ohne Eingriffe würden Rehe und Wildschweine rasch zu einer sehr grossen Plage. Es käme zu noch mehr Tierunfällen im Verkehr – die Jäger müssen schon jetzt 3000 verletzte oder getötete Tiere jährlich bergen und entsorgen. Auch die Schäden im Wald und in der Landwirtschaft stiegen rasch auf Millionensummen, die ökologisch wichtige Naturverjüngung im Forst wäre gefährdet. Mit zu grossen Populationen stiege auch die Seuchengefahr. Gute Gründe, den Jägern das Waidwerk wie bisher zu erlauben; sie handeln meistens verantwortungsvoll und pflichtbewusst. Treiber und Jäger bringen zwar Unruhe für die Wildtiere, aber das gilt ebenso für die vielen anderen Nutzer der Freizeitarena Wald.

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