KKW
Auch Gösgen kauft Uran aus Majak

Auch das Kernkraftwerk Gösgen bezieht über seinen Lieferanten Areva Kernbrennstäbe, die teilweise Material aus der umstrittenen russischen Atomfabrik Majak enthalten. Das AKW Mühleberg verwende Natururan, heisst es dagegen zum bernischen Meiler.

Andreas Toggweiler
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Keystone

Als die Stromfirma Axpo behauptete, ihre Atomkraftwerke hätten eine CO2-Bilanz fast wie Wasserkraftwerke, schaute die Umweltorganisation Greenpeace genauer hin und fand «Dinge, die uns möglicherweise nicht gefallen», wie ein Axpo-Vertreter vorletzte Woche einräumen musste.

Dieser kündete sogleich einen eigenen Augenschein des Schweizer Konzerns in der russischen Fabrik an. Unbestritten ist, dass dort in den 1950er-Jahren die Umwelt auf beispiellose Art mit Strahlung verseucht wurde, insbesondere bei einem Unfall im Jahr 1957. Offen ist, wie gut dort die heutigen Umweltstandards eingehalten werden. Der russische Atomkonzern Rosatom gibt sich diesbezüglich zugeknöpft.

Die französische Atomfirma Areva, die die Axpo mit Brennstäben beliefert, ist auch die (heute einzige) Lieferantin der Brennstäbe für das Kernkraftwerk Gösgen, wie Unternehmenssprecher Bruno Elmiger auf Anfrage sagt.

Auch Gösgen in Majak aktiv

Gösgen habe zwar von der Areva zertifizierte Lieferanten für das Uran verlangt. Diese Zertifizierung sei mit dem russischen Lieferanten Elektrostal auch erbracht, sagt Elmiger. «Die Unterlieferanten der Lieferanten wurden uns jedoch verschwiegen.» Und so kommt es, dass ein Teil des Urans laut Greenpeace-Recherchen auch hier in Majak verarbeitet wird.

Oft ist der Weg des rezyklierten Kernbrennstoffs kompliziert. In Wiederaufbereitungsanlagen wie Sellafield (England) wird wiederverwertbares Material aus den Brennstäben isoliert, nach Russland geschickt und dort mit Material aus russischen Reaktoren (AKW oder Antrieben von U-Booten) vermischt und auf den für zivile Nutzungen nötigen Anreicherungsgrad von 5% gebracht.

Ein Teil dieses Prozesses findet in Majak statt. Nicht verwendet werde dafür hochangereichertes Uran aus der Abrüstung. «Dies ist eine Sache zwischen den USA und Russland», erklärt der KKG-Sprecher, der aber auch einräumt, dass im Zusammenhang mit der Beschaffung von Kernbrennstoff in der Vergangenheit vor allem Fragen der Non-Proliferation im Zentrum gestanden seien. Will heissen: Alle interessierten sich für die Verwendung des Urans und dass es nicht in falsche Hände gerät, nicht aber für dessen Herkunft.

Für Ordnung sorgen

Für Elmiger ist klar, dass von der Schweiz her vor allem der Druck auf den Endverkäufer Areva ausgeübt werden muss, der seinerseits bei seinen Lieferanten für Ordnung zu sorgen hat. Lieferungen aus Russland, insbesondere Majak, ganz zu boykottieren, sei zwiespältig. «Majak ist heute ein Komplex aus Anlagen mit modernem Standard und heruntergekommenen Apparaturen, ja sogar Altlasten.» Im Sinne einer Sanierung sei es womöglich besser, mit den Russen im Geschäft zu bleiben. «Allerdings klar verbunden mit den Auflagen, dass die Gewinne für die Sanierung der Altlasten eingesetzt werden.»

Ähnlich äusserte sich Bruno Pellaud, ehemaliger Mitarbeiter der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), im Rahmen eines Hintergrundgesprächs des Kernkraftwerks Mühleberg, das über sein «Brennstoffmanagement» orientierte. Dabei konnte man sich als Saubermann in Szene setzen.

BKW beschwichtigt

Zwar hat es vor neun Jahren einmal eine Lieferung gegeben, deren Spuren nach Majak zurückverfolgt werden konnten. Die BKW beziehe ihr Uran aber inzwischen aus der westlichen Hemisphäre, sagt BKW-Sprecher Antonio Sommavilla auf Anfrage. Zurzeit werde im Mühleberg-Reaktor Natururan aus einer australischen Mine verwendet. Das Uran kommt auch hier von Areva, die Brennstäbe werden vom US-Konzern GE (General Electric), dem Erbauer des Mühleberg-Reaktors, produziert.

Die BKW betont, dass sie im Gegensatz zu Axpo und Alpiq (KKW Gösgen) kein wieder angereichertes Uran und auch kein Mischoxid verwende. Die BKW setze bei der Auswahl ihrer Geschäftspartner auf international anerkannte Unternehmen mit hohen sozialen und ökologischen Standards. Dazu meint Antonio Sommavilla: «Wir wissen viel, aber nicht ganz alles.» In diesem Sinne plädiere die BKW auch für die Weiterentwicklung von Zertifizierungsstandards. Der Einfluss der BKW sei aber als kleiner Player beschränkt.

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