Armut

Arm – auch an echten Freunden

Ihre besten Freundin Jolanda zu Besuch bei Karin Seiler und ihren Kindern.

Ihre besten Freundin Jolanda zu Besuch bei Karin Seiler und ihren Kindern.

Karin Seiler hat nur zwei Menschen, denen sie wirklich vertraut. Wenige Freunde – auch das ist ein Aspekt von Armut.

Familien und Einzelpersonen, die in der Schweiz zur untersten Einkommensschicht gehören, fehlt es nie nur an Geld. Meist sind auch die Freunde nur wenige und seitens der Familie fehlt oft die Unterstützung. «Mangelnde soziale Integra-
tion» lautet der Fachbegriff. So ist es auch bei der Familie Seiler: Zu ihren eigenen Eltern hat Karin Seiler (Name geändert) kaum noch Kontakt. Sie kennt es nicht anders – schon in ihrer Kindheit wurde sie von ihrer Mutter wenig unterstützt und zu ihrem Vater hat sie später als junge Erwachsene das Vertrauen verloren.

Die Väter ihrer drei Töchter unterstützen sie zwar mit Alimenten, doch nur den Vater der jüngsten Tochter Julia sieht die Familie regelmässig alle zwei Wochen. Zu den beiden anderen hat Karin Seiler keinen Kontakt mehr.

Die einzige, beste Freundin

Ausserhalb der Familie gibt es nur zwei Personen, auf die sie sich verlassen kann: ihre einzige Freundin Jolanda und Susanne Allenbach, die Patin der achtjährigen Kim. Sie wurde durch die Caritas Aargau vermittelt.

Susanne Allenbach kennt die Seilers erst seit letztem November. Damals meldete sie sich bei der Caritas und anerbot sich, im Rahmen des Projektes «mit mir» für ein Kind mit einem belastendem Umfeld die Patenschaft zu übernehmen. Alle zwei Wochen holt sie Kim seither ab und fährt mit ihr irgendwohin. Zum Beispiel ins Dinosauriermuseum nach Frick oder einfach zum Spielen zu ihr nach Hause. Nicht selten ist auch die Julia dabei. Denn bald einmal hatte die 6-Jährige gefragt: «Darf ich auch einmal mitkommen?»

Zur achtjährigen Kim hat Susanne Allenbach ein unverkrampftes Verhältnis. Oft weist die Mutter darauf hin, dass Kim die Aufmerksamkeitsstörung ADS habe und sie warnte die Patin von Anfang an vor einem Wutausbruch. Doch Susanne Allenbach findet: «Sie ist relativ ausgeglichen und sehr anständig.»

Die 38-jährige Patin hat selbst keine Kinder und arbeitet als Kauffrau bei einer Krankenversicherung. Sie mag beide Kinder sehr und sie freute sich, als sie zu Kims Geburtstag eingeladen wurde. Sie verstand es als Zeichen, dass sie von nun an als gute Freundin zur Familie gehörte. «Wenn sie zu Besuch ist, weiss sie immer sofort, wo anpacken», lobte Karin Seiler.

Eine Freundin für die Sorgen

Eine ebenso grosse Hilfe ist ihre beste Freundin, die 28-jährige Jolanda. Die beiden haben sich gefunden, obwohl 14 Jahre Altersunterschied zwischen ihnen liegen. Vor fünf Jahren lernten sich die beiden damaligen Nachbarinnen kennen. «Sie plauderte gerne, ich plauderte gerne –so passte es», erklärt Jolanda ihre Freundschaft.

Es war Jolanda, welche die Kinder hütete, wenn Karin nicht mehr wusste, wo ihr der Kopf stand, oder wenn sie wegen ihrer Arthrose ins Spital musste. «In Notsituationen war sie da», sagt Karin Seiler, «sie machte es immer möglich.»

Seit zwei Jahren wohnt Jolanda jedoch in Aarau und hat einen eigenen kleinen Sohn. Dadurch wurden die Kontakte seltener. Sie sehen sich nur noch einmal im Monat. «Dafür telefonieren wir stundenlang, wenn die Kinder im Bett sind», sagt Jolanda. «Ich kann ihr
alles erzählen und oft weiss Karin einen guten Tipp, gerade, weil sie älter ist.»

Als Jolanda ihr klagte, ihr Mann würde die schmutzige Wäsche überall herumliegen lassen, riet Karin ihr, doch einfach nur noch jene Kleider zu waschen, die im Wäschekorb lägen. Das half. Und Jolanda ist überzeugt: «Wenn ich nicht zuvor Julia und Kim gehütet hätte, hätte ich heute mehr Probleme mit meinem eigenen Sohn.» Andererseits war es Jolanda, die Karin dazu brachte, Julia nicht mehr zu wickeln und ans WC zu gewöhnen. «Ich brauchte den Kick von ihr», sagt Karin Seiler.

Ähnliche Vergangenheit

Gestritten hätten sie sich noch nie, sagen die beiden Frauen. Sie haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint.

Auch Jolanda war einmal ein Jahr von der Sozialhilfe abhängig, als sie zu lange keine neue Stelle als Pflegeassistentin gefunden hatte. Und auch Jolanda hat keine anderen Freunde, denen sie vertraut. Beide sagen, sie hätten sich zurückgezogen, als frühere Freunde sie enttäuschten. Auch bei Nachbarn ist Karin Seiler vorsichtig. Sie sagt: «Ich habe gehört, wie Nachbarn über andere herzogen – was sagen sie wohl über mich?»

Eine beste Freundin – reicht das? «Manchmal fehlt noch jemand», sagt Karin Seiler, «aber man gewöhnt sich daran. Mit der Zeit ist man zufrieden mit dem, was man hat –ob es nun Geld oder Freunde sind.»

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