Blutrache-Prozess

Angeklagter: «Ich habe noch nie eine Waffe in den Händen gehabt»

Unter Polizeischutz muss das Gericht im Blutrache-Prozess tagen.

Unter Polizeischutz muss das Gericht im Blutrache-Prozess tagen.

Der Prozess um den mutmasslichen Blutrache-Mord geht in die nächste Runde. Erstmals erklärte der Kosovare S., weshalb sein Cousin und er selbst nicht die Mörder sein können.

Eingepackt in eine schwarze Jacke und eine schusssichere Weste stand der 32-jährige S. gestern um 11 Uhr auf einem Parkplatz an der Hauptstrasse in Gipf-Oberfrick. An diesem Ort hatten die Mörder ihrem Opfer im Juni 1997 aufgelauert.

Rund 150 Meter entfernt, bei der Bushaltestelle, hatten sie den flüchtenden Kosovaren mit 17 Schüssen exekutiert.

Die Laufenburger Bezirksrichter führten S. für einen Augenschein zurück an den Schauplatz der schrecklichen Tat – eine weitere Blutrache einer langjährigen Fehde zweier kosovarischer Clans, die insgesamt sieben Tote gefordert hat.

Während des einstündigen Aufenthalts im Fricktal trug S. Hand- und Fussfesseln, Polizisten überwachten die vorbeifahrenden Autos. Bereits am Morgen hatten die Polizisten die Umgebung überprüft, um möglichen Vergeltungsschlägen vorzubeugen.

Während der Kosovare die von einem Dolmetscher übersetzten Fragen von Gerichtspräsident Beat Ackle aufmerksam verfolgte, kam bei den anwesenden Polizisten nur kurz Aufregung auf: Ein junger Mann mit Lederjacke erschien plötzlich hinter einem Haus, offenbar wollte er aber nur zur Post.

«Wir haben ihn nicht getötet»

Handelt es sich bei den Todesschützen tatsächlich um S. und seinen Cousin, die gemäss Anklage auf Befehl eines Onkels den Mord ausgeführt haben sollen? Auf dem Parkplatz schilderte der verheiratete Hilfsarbeiter S. eine ganz andere Version von dem, was sich damals zugetragen haben soll.

Er sei mit seinem Cousin zwar mit dem Auto in Gipf-Oberfrick gewesen, dies jedoch, um auf Anweisung des Onkels, damals das Familienoberhaupt, eine Adresse und Geld abzuholen. Dabei seien sie ständig per Handy mit dem Clan-Chef in Kontakt gewesen.

Wie sicher sind der Richter und die Anwälte während des Blutrache-Prozesses?

Wie sicher sind der Richter und die Anwälte während des Blutrache-Prozesses?

Plötzlich seien dann Schüsse gefallen. «Ein Mann rannte über die Strasse, zwei Männer verfolgten ihn», erklärte der 32-jährige S. Dann fielen noch mehr Schüsse. «Wir haben ihn nicht getötet», beteuerte S. mehrmals.

Sie flüchteten über Sissach in den Kosovo

Vielmehr seien plötzlich zwei Männer am offenen Autofenster gestanden – und diese hätten ihnen die Waffen ins Auto gegeben. «Ich habe in meinem ganzen Leben nie eine Waffe in den Händen gehabt», sagte der Angeklagte.

Die Cousins starteten den Wagen und fuhren weg. Ihr Onkel habe kurz darauf per Handy durchgegeben, sie sollen flüchten. Was die beiden Kosovaren auch machten: über Sissach nach Basel, von dort mit dem Zug nach Lausanne und schliesslich in den Kosovo.

Ob er die Männer erkannt habe, wollte der Gerichtspräsident im Polizeigebäude in Schafisheim wissen, wo das Gericht unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen tagt. «Ich weiss nicht, wer die Männer waren», antwortete S. Nur so viel: Er habe später gehört, es seien Freunde seines Onkels, dem Clan-Chef, gewesen.

Dieser fiel nur einen Monat nach der Bluttat in Gipf-Oberfrick in Tschechien einem Mordanschlag zum Opfer. Immerhin: Wie zu vernehmen war, haben die zwei Clans offenbar 1998 an einer Befriedungszeremonie in ihrer Heimat ihre blutige Fehde beendet – unter Mithilfe von zwei externen Vermittlern. «Die Familien haben Frieden geschlossen», so Familienmitglied S.

Clan-Chef habe Antrag gestellt

Der Gerichtspräsident versuchte, die Erklärungen des Angeklagten zu verstehen: «Wieso haben Ihre Väter Sie 2001 vor Gericht belastet?» Die «Clan-Älteren» hätten frei sein wollen, erklärte der Kosovare. Er selber habe zu keiner Zeit an Diskussionen teilgenommen, bei denen es um Racheaktionen ging.

Wenige Tage vor dem Mord in Gipf-Oberfrick habe dann der Clan-Chef gegenüber den beiden Neffen den «Antrag» gestellt, falls es einen Toten gäbe, müssten die beiden zur Polizei gehen und die Verantwortung übernehmen. «Ich habe nichts dazu gesagt, aber wir sollten die Schuld auf uns nehmen», sagte der 32-Jährige.

Heute halten der Staatsanwalt und die Verteidigung ihre Plädoyers.

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