AKW-Debatte
Alternative Energien und effizienteres Bauen sollen Stromverbrauch reduzieren

Wieso noch mehr Strom produzieren, wenn es doch eigentlich darum ginge, weniger zu verbrauchen? Diese Frage stellt sich Gallus Cadonau, Geschäftsführer von der Solar Agentur Schweiz. Die Antwort scheint einfach.

Sven Zaugg
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Erneuerbare Energien: Das sind die Alternativen zur Kernenergie
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Wasserkraft Wasser als Energieträger hat in der Schweiz Tradition. 60 Prozent unserer Stromproduktion stammen aus Wasserkraftwerken. Gespiesen werden sie von Stauseen und Flüssen. Bei der Erneuerung bestehender Kraftwerke sind die Betreiber bestrebt, die Ansprüche von Landschaftsschutz, Fischerei und Tourismus in Einklang mit einer wirtschaftlichen Nutzung zu bringen.
Wind Wind ist eine noch nicht voll ausgeschöpfte Energiequelle, die ganzjährig, besonders aber im Winterhalbjahr zur Verfügung steht. Die Technik ist ausgereift. Die Nutzung der Windkraft hat in der Schweiz erst vor einigen Jahren begonnen. Als Standort geeignet sind Hochebenen, Kuppen und Passlagen im Alpenraum und im Jura. Bei der Realisierung von Windstromanlagen werden die Anforderungen des Natur- und Landschaftschutzes berücksichtigt.
Holz Holz ist nach Wasser die zweitwichtigste einheimische Energie. Als Energieholz findet Waldholz, Restholz aus der Industrie oder Altholz Verwendung. Eine Verdoppelung der heutigen Nutzung bei gleichzeitig optimaler Pflege des Waldes ist ohne weiteres möglich. Ob als Pelletfeuerung im Minergiehaus, Stückholzkessel im Bauernhaus oder automatische Holzfeuerung mit Nahwärmenetz in der Stadt - für jeden Bereich erlaubt die moderne Technik massgeschneiderte und komfortable Lösungen.
Geothermie Im Erdinneren sind immense Wärmemengen gespeichert. Die Temperatur im Erdkern wird auf 5000 °C geschätzt. Bereits seit vielen Jahren bewähren sich Technologien zur Nutzung der Erdwärme aus geringen Tiefen. Mit heutiger Technik sind aber auch Tiefen bis zu mehreren Tausend Metern erreichbar. Wärme aus diesen Bereichen kann zudem für die Produktion von Elektrizität genutzt werden. Hier schlummert ein bedeutendes Potenzial.
Umweltwärme Überall in unserer Umgebung - in der Luft, im Erdreich, im Abwasser, im Grund-, See- und Flusswasser - ist Sonnenwärme gespeichert. Zur Nutzung dieser natürlichen Energiequelle gibt es eine seit Jahren bewährte Technik: die Wärmepumpe. Mit diesem effizienten System ist es möglich, die Temperatur der aus der Umwelt gewonnenen Wärme noch zu erhöhen. So kann sie als ideale Heizenergie eingesetzt werden.

Erneuerbare Energien: Das sind die Alternativen zur Kernenergie

Keystone

Angesichts der in der Schweiz sehr emotional geführten Debatte über einen allfälligen Ausstieg aus der Atomenergie und den möglichen Energieengpässen eine berechtigte Frage, die sich Gallus Cadonau von der Solar Agentur Schweiz stellt und auch ganz einfach beantworten liesse: «Ein Gebäude, das dank seiner Bauweise wenig Energie verliert, muss auch nur wenig Energie zuführen», sagt er. Es bliebe daher nur noch ein geringer Restenergiebedarf zu decken. Beispielsweise mit Solarstrom (siehe Box).

Dafür seien eine kompakte Gebäudeform und eine hohe Dämmstärke (Dach, Wände, Fenster) jedoch absolut unerlässlich. «Wärmebrücken - Stellen in der Konstruktion, wo Wärme schneller abgeleitet wird als bei anderen Flächen des Gebäudes - verschlechtern die Dämmwirkung des Gebäudes und sind deshalb zu vermeiden», sagt Cadonau. Es braucht dergestalt nicht mehr Strom - sondern alternative Energien und effizienteres Bauen.

Im Widerspruch zum Bundesgesetz für Raumplanung

Bei der Energieeffizienz und beim Bau von Photovoltaik-Anlagen habe man in der Schweiz einen grossen Nachholbedarf, ist sich Cadonau sicher. Gemäss Solar Agentur Schweiz (siehe Box) zählt beispielsweise Zürich zu jenen Kantonen, in denen der Bau von Photovoltaik-Anlagen schwierig ist. Grund dafür sind kommunale Bauordnungen, die zum Schutz von Ortsbildern keine Eingriffe in der Dachlandschaft erlauben - weder bei historischen Gebäuden noch bei Neubauten.

Photovoltaik Solarzellen werden aus Silizium hergestellt. Silizium ist nach Sauerstoff das zweithäufigste Element der Erdkruste. Es wird durch chemische Behandlung aus Quarzsand gewonnen und auch in der Elektronikindustrie verwendet. Je nachdem, wie das Silizium bei diesem chemischen Prozess auskristallisiert, unterscheidet man zwischen monokristallinem, polykristallinem und amorphem Silizium, welche sich in ihrem Wirkungsgrad unterscheiden. Nach zwei bis vier Jahren hat die Photovoltaik-Anlage so viel Energie produziert, wie zu ihrer Herstellung benötigt wurde. (sza)

Photovoltaik Solarzellen werden aus Silizium hergestellt. Silizium ist nach Sauerstoff das zweithäufigste Element der Erdkruste. Es wird durch chemische Behandlung aus Quarzsand gewonnen und auch in der Elektronikindustrie verwendet. Je nachdem, wie das Silizium bei diesem chemischen Prozess auskristallisiert, unterscheidet man zwischen monokristallinem, polykristallinem und amorphem Silizium, welche sich in ihrem Wirkungsgrad unterscheiden. Nach zwei bis vier Jahren hat die Photovoltaik-Anlage so viel Energie produziert, wie zu ihrer Herstellung benötigt wurde. (sza)

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Im Widerspruch dazu sieht das Bundesgesetz für Raumplanung jedoch vor: «In Bau- und Landwirtschaftszonen sind sorgfältig in Dach- und Fassadenflächen integrierte Solaranlagen zu bewilligen, sofern keine Kultur- und Naturdenkmäler von kantonaler oder nationaler Bedeutung beeinträchtigt werden.» Laut Cadonau kommen rund die Hälfte der schweizweit abgewiesenen Baugesuche für Solaranlagen aus dem Kanton Zürich.

Besser sieht es derweil im Kanton Aargau aus. Dort gebe es lediglich mit ein bis zwei Baugesuchen «ein Problem», versichert Cadonau, ansonsten würden Solaranlagen bewilligt, so wie es vom Bundesgesetz für Raumplanung verlangt würde.

Keine umweltverträgliche Energieversorgung gewährleistet

Für das Energienutzungspotential im Gebäudebereich stehen ab 2010 rund 200 Millionen Franken aus der CO2-Abgabe zur Verfügung. Bei jährlichen Wohn- und Geschäftsbauinvestitionen von weit über 40 Milliarden Franken machen die 200 Millionen CO2-Sanierungsbeiträge lediglich 0,5 Prozent aus.

Solar Agentur Schweiz

Die gemeinnützige «Arbeitsgemeinschaft Solar 91 für eine energieunabhängigere Schweiz» (heute: Solar Agentur Schweiz) wurde 1990 gegründet. Sie strebt in jeder der rund 3000 Schweizer Gemeinden mindestens eine Solaranlage von 1 kW bis 10 MW an. Die ARGE Solar 91 lancierte deshalb den Schweizer Solarpreis. Im Rahmen dieses nationalen Projektes wurden Gemeinden, Privatunternehmungen und Einzelpersonen aufgefordert, Solaranlagen zu bauen, und zwar explizit ohne Grünflächen zu beanspruchen. (sza)

Mit über 80 Prozent importierten, nicht erneuerbarer Energien, die mehr als 45 Millionen Tonnen CO2-Emissionen und radioaktive Abfälle verursachen sowie jährlich mehr als 13,6 Milliarden Franken kosten, sei weder eine ausreichende noch breitgefächerte, sichere oder umweltverträgliche Energieversorgung gewährleistet, ist sich Cadonau sicher.

Anreize für Hauseigentümer fehlen

«Zusammengefasst bedeutet dies, dass die Bevölkerung die massive Beeinträchtigung oder Zerstörung von Erholungs-und Flusslandschaften und weitere Atomkraftwerke einerseits mit Milliarden von Franken subventioniert», betont Cadonau. Andererseits fehlten die Anreize für Hauseigentümer- und Mieter, um die Gebäude mit dem 60 Mal grösseren Energiepotential energieeffizient zu sanieren und die einheimischen Energien sinnvoll zu nutzen.

Stattdessen, so Cadonau, werden jährlich 13,4 Milliarden Franken für die Energieimporte an die arabischen Staaten und Russland überwiesen.