Leibstadt, Obere Mühle, 11.15 Uhr: Hansjörg Knecht steht in der Stube seiner Kindheit, einem kleinen Raum mit tiefer Decke und Kachelofen. Hier entdeckte er bei Gesprächen mit dem Vater sein Interesse für Politik. Heute reist der SVP-Politiker von seiner Heimat aus nach Bern, wo er zum Nationalrat vereidigt wird. «Ich habe gut geschlafen und bin überhaupt nicht nervös», sagt Knecht. «Seit 20 Jahren bin ich Politiker, und ich kenne die Abläufe.»

Leibstadt, 11.33 Uhr: Knecht setzt sich ans Steuer seines Autos und fährt los, seine Frau Rita begleitet ihn. Ein historischer Moment: Zum ersten Mal seit 52 Jahren wird wieder ein Politiker aus dem Bezirk Zurzach zum Nationalrat erhoben. Links neben der Hauptstrasse türmen sich die Dampfwolken des Atomkraftwerks Leibstadt. «Energiepolitik ist ein zentrales Thema für unsere Gegend. Es gibt derzeit keine Alternative zur Kernenergie», sagt er beim Vorbeifahren. Als Grossrat hat er sich mit Finanz- und Steuerthemen befasst. «Ich würde mich freuen, wenn ich im Parlament in der Finanz- oder Steuerkommission tätig sein könnte.» Statt den erlaubten 80 Stundenkilometern fährt Knecht nur 70. Seinen Wagen lenkt er lässig mit nur einer Hand. «Ich bin wirklich erstaunt, wie locker und gelassen mein Mann an solch wichtigen Tagen bleibt», sagt seine Frau.

Brugg, Zentrum, 11.58 Uhr: Knecht parkt sein Auto in der Tiefgarage. Seine Frau hilft ihm ins Jackett. Das 1.-Klass-Generalabonnement, das jeder Parlamentarier erhält, ist noch nicht in seinem Briefkasten eingetroffen. «Ich habe das Passfoto zu spät eingeschickt.» Darum kauft er am Schalter ein Ticket nach Bern – und zurück. «Ich werde diese Woche jeden Abend nach Leibstadt zurückkehren, weil ich Sitzungen habe fürs Geschäft oder auch für den Hauseigentümerverband.» Er spricht über die Vorbereitungszeit der letzten Wochen. «Ich habe schon diverse Dossiers erhalten zu laufenden Geschäften. Man darf sich einfach nicht erschlagen lassen vom vielen Papier. Alles kein Problem, schon als Grossrat habe ich viel lesen müssen.»

Worauf sich Nationalrat Hansjörg Knecht in den nächsten vier Jahren freut

Worauf sich Nationalrat Hansjörg Knecht in den nächsten vier Jahren freut

Brugg, Bahnhof, Gleis 4, 12.32 Uhr: Der Zug nach Bern rollt los. «Respekt habe ich vor den grossen Erwartungen, die viele an mich stellen. Zum Beispiel die Menschen im Bezirk Zurzach oder auch die Vertreter der Landwirtschaft, zu denen ich wegen meines Berufs als Müllerei-Unternehmer ein gutes Verhältnis habe.» Es werde nicht leicht, alle zufriedenzustellen. «Ich werde erst Netzwerke knüpfen müssen. Ich kann nicht von Beginn an einen Vorstoss nach dem anderen einreichen. Es ist in der Politik wie im Leben: Man muss sich hocharbeiten und hochkämpfen.»

Bern, Bahnhof, 13.30 Uhr: Knecht war vergangene Woche letztmals in Bern, als die Fraktion die Bundesratskandidaten bestimmte. «Ein paar Medien haben mich danach angerufen und wohl gehofft, dass ich mich verplappere, als Neuling etwas Ungeschicktes zu den Wahlen sage und in Fettnäpfchen trete. Man muss vorsichtig sein im Umgang mit den Medien, das habe ich in den letzten Wochen gelernt.» Knecht läuft schnurstracks Richtung Bundeshaus. «Ich kenne den schnellsten Weg und weiss genau, welche Rolltreppe ich nehmen muss», sagt er.

Bern, Bundeshaus, 14.30: Knecht hat im Parlament Platz genommen. Seine Frau Rita sitzt auf der Tribüne. «Ich freue mich sehr für ihn.» Dann der grosse Moment: Knecht wird als Nationalrat vereidigt. «Ich schwöre vor Gott dem Allmächtigen, die Verfassung und die Gesetze zu beachten und die Pflichten meines Amtes gewissenhaft zu erfüllen», spricht er, und später: «Es war ein schöner Moment, mehr nicht.» Seine Frau sagt: «Wir Frauen empfinden ein bisschen anders. Für mich war es ein sehr emotionaler Augenblick.»