Remo Lütolf kann seinen Wagen an der Elektrotankstelle der eigenen Firma aufladen. Bei der ABB in Baden steht eine Ladestation für Elektroautos. Lütolf ist ein überzeugter Fahrer eines Elektroautos – und er unterstützt die Energiestrategie 2050.


Herr Lütolf, 2015 wandten sich über 100 Firmen, darunter ABB, in einem Inserat zur Energiestrategie an den Ständerat. Sie sorgten sich sehr um die Wettbewerbsfähigkeit. Was genau störte Sie?

Remo Lütolf: Eins vorweg: ABB befürwortete grundsätzlich von Anfang an die Energiestrategie 2050. Denn sie ist technisch machbar. Damals warnten wir vor einer allzu grossen Erhöhung der Kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) und forderten namentlich eine Befristung dieser Fördermittel. 2015 war das Jahr des Frankenschocks, viele Firmen hatten sehr zu kämpfen.

Und was hat das Inserat gebracht?

Es hat genützt. Das Parlament hat reagiert und eine sogenannte Sunset-Klausel, also eine klare zeitliche Befristung für die Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV), eingebaut. Das war unser wichtigstes Anliegen. In der aktuellen Gesetzgebung ist diese nämlich zeitlich nicht begrenzt. Die KEV soll zwar jetzt etwas erhöht werden, aber dafür ist die Unterstützung für die Wasserkraft darin eingeschlossen.

Die Befristung der KEV ist Ihnen sehr wichtig. Viele Gegner befürchten aber, dass der Politik dereinst, wenn sie ausläuft, etwas einfällt, um diese wieder aufzuheben.

Wir verlassen uns auf den Gesetzestext und gehen davon aus, dass auch die Politik dies respektiert. Sollte es wider Erwarten anders kommen, müsste dies wohl mit einem Referendum und einer Volksabstimmung hinterfragt werden. Diese Begrenzung der KEV war entscheidend dafür, dass wir Ja sagen zur Vorlage vom 21. Mai.

ABB ist Mitglied des Branchenverbandes Swissmem. Er lehnt die Vorlage ab, Economiesuisse fasste keine Parole. So klar sind die Vorteile aus Wirtschaftssicht offenbar nicht?

Ich war in der Entscheidungsfindung in beiden Verbänden dabei. Bei dieser Vorlage gehen die Pro- und Kontra-Positionen querbeet durch die Wirtschaft. Dies aus unterschiedlichen Einschätzungen, Betroffenheiten und Interessenlagen heraus. Wir respektieren das gegenseitig. Es stehen ja auch mehrere Parteien nicht geschlossen auf einer Seite. Energie ist kein rein politisches oder wirtschaftliches Thema. Vielmehr geht es auch um Nachhaltigkeit.

Was spricht denn für Sie grundsätzlich für die Vorlage?

Wir müssen unbedingt nachhaltiger mit unseren Ressourcen umgehen. Als Technologiefirma wissen wir, dass vieles bereits heute möglich ist und die Technologien zur Erreichung der Ziele schon weitgehend vorhanden sind. Dabei vertraue ich auch weiter auf die Innovations- und Forschungskraft der Schweiz. Das bekommen wir bis 2050 hin.

Von 2000 bis 2035 sollen wir pro Kopf 43 Prozent weniger Energie brauchen. Das ist schwer vorstellbar, ist der Verbrauch doch jahrzehntelang stetig angestiegen.

Energieeffizienz heisst die Losung und nicht Komfortverzicht. Auf dem Weg von der Gewinnung der Primärenergie über die Stromerzeugung, -übertragung und -verteilung bis zur Nutzung in Industrie, Verkehr und Gebäuden gehen bis zu 80 Prozent der Energie verloren. Beginnen wir mit der Beleuchtung. Ob bei Strassenlampen oder zu Hause, LED-Leuchten sparen bis 80 Prozent Strom. Wer das Warmwasser statt mit einem Elektroboiler neu mit einer Wärmepumpe aufheizt, spart elektrische Energie um einen Faktor 3 bis 4. Ein Elektroauto braucht ohne weiteres um einen Faktor 3 weniger Energie zur Fortbewegung als ein Benziner. Neue Häuser sind wesentlich energieeffizienter, und auch mit der Sanierung älterer Häuser kann viel Energie gespart werden.

Das kostet aber viel Geld, das erst verdient sein muss. Und es dauert Jahrzehnte.

Deshalb nennen wir sie Energiestrategie 2050. Wir haben gut 30 Jahre Zeit, um den Energieverbrauch zu reduzieren und die Energieversorgung auf Nachhaltigkeit zu trimmen. Eine Trendwende ist seit einigen Jahren sichtbar. Das kostet zweifellos viel Geld, doch auch in den vergangenen Jahrzehnten wurden Milliardensummen in die Energieversorgung investiert. Mit gesteigerter Energieeffizienz lassen sich die Energiekosten massiv senken und Mittel für Investitionen freispielen. Zudem werden neue Technologien wie Solarpanels immer günstiger und vielseitig verwendbar.

Wie beim Haus in Brütten, das in der Regie der Umweltarena entstand?

Ja, in Brütten bei Winterthur steht sogar das erste energieautarke Mehrfamilienhaus. Es produziert alle Energie selbst und hat keinen Stromanschluss oder andere Energiequellen als die Sonne. Doch es hat allen Komfort eines modernen Hauses, auch einen Lift. Es reicht sogar, um Elektroautos der Bewohner aufzuladen. Das Haus kostete ca. 15 Prozent mehr. Aber dafür hat man keine laufenden Energieausgaben mehr. Keine Rede von kalt duschen! Das rechnet sich.

Aber funktioniert es auch?

Ja. Wir verfolgen das auch deshalb sehr genau, weil ABB Steuerungssysteme, Solarwechselrichter und weitere Hightech-Komponenten liefern konnte. Der vergangene Winter war sehr kalt. Doch niemand in diesem Haus musste frieren. Sie haben genug Energie. Doch nochmals zu den Kosten: Unabhängig von der kommenden Abstimmung müssen wir fortlaufend in die Erneuerung der Kraftwerke und der Übertragungs- und Verteilnetze investieren oder «stromfressende» Verbraucher ersetzen. Insbesondere müssen längerfristig die Kernkraftwerke ersetzt werden.

Die Vorlage vom 21. Mai enthält ein Technologieverbot. Das muss Sie doch stören.

Es dürfen keine neuen Kernkraftwerke gebaut werden, ja. Damit können wir leben. Forschung ist aber weiter erlaubt, ja gefordert, damit wir die heutigen KKW weiter sicher betreiben und auch mal zurückbauen können. Aber sehen Sie, ein neues KKW kann man mit heutiger Technologie nicht mehr wirtschaftlich erstellen, es wäre nicht wettbewerbsfähig. Es könnte in 30, oder 50 Jahren aber weiterentwickelte attraktive Lösungen geben, da muss man dann offen sein.

Abstimmung zum Energiegesetz: Darum geht es

Riesige Hoffnungen ruhen auf der Solarenergie. Ihr Potenzial ist enorm, aber wir haben dann im Winter zu wenig Strom.

Die Sonne strahlt in einer Stunde so viel Energie auf die Erde ein, wie wir in einem ganzen Jahr benötigen. Die Frage ist, wie wir dieses enorme Potenzial wirtschaftlich nutzen. Die Photovoltaik ist kostenmässig schon recht kompetitiv. Solarelemente kann man inzwischen in Hausfassaden integrieren, dass es nicht einmal auffällt.

Aber wir können den Strom noch zu wenig lange speichern.

Dieser Strom fällt wetter-, tages- und jahreszeitabhängig an. Doch insbesondere in der Schweiz haben wir mit unseren Speicherseen in den Alpen einen Vorteil. Konkret mit Pumpspeicherkraftwerken wie das neue Linth-Limmern-Kraftwerk in Glarus oder Nant de Drance im Wallis. Zudem braucht es auch dezentrale Speicher.

Und wie funktioniert das?

Es gibt heute schon Speicherbatterien für weniger als 10 000 Franken, die man im Keller aufstellen und damit den eigenen Strom über Tage speichern kann. Das entlastet das Netz. Solche Speicher sind schon nahe an der Wirtschaftlichkeit, da keine Netzgebühren mehr anfallen. Zudem verspreche ich mir auch viel von «Power-to-Gas» und dem Verbund verschiedener Energieträger.

«Power to gas» müssen Sie erklären.

Überschüssiger Strom kann in Wasserstoff, Methangas oder auch in synthetische Treibstoffe umgewandelt werden. Diese Energie kann man einfach speichern und in Strom zurückwandeln, wenn dieser tatsächlich gebraucht wird, oder das Gas direkt ins Gasnetz einspeisen. Damit können wir übrigens unsere Auslandabhängigkeit verringern, was zu den Zielen der Energiestrategie gehört.

Power-to-Gas ist aber noch Zukunft, derweil gerade die Industrie Versorgungssicherheit braucht.

Versorgungssicherheit ist ganz wichtig, besonders mit Strom, der vielfältigst verwendbaren Energie. Die muss zweifellos sichergestellt sein. Doch wir müssen auch über unsere Landesgrenzen hinaus schauen. Die Schweiz ist in einem grossen europäischen Stromverbund. Je grösser das Netz, desto stabiler ist es. Wenn es hier regnet und die Solaranlagen wenig bringen, bläst dafür womöglich an der Nordsee viel Wind, oder die Sonne scheint stark in Italien. Damit kann man im Netz den Ausgleich schaffen. Oder bei Bedarf auch einen Stausee oder einen anderen Speicher einsetzen.

Trotzdem sind grosse Ängste da, dass dereinst bei Knappheit angeordnet werden könnte, wann man beispielsweise kochen oder waschen darf.

Gegen solche Einschränkungen würde ich mich auch wehren. Das sind aber bloss Schreckgespenster. Wir können nämlich künftig den Stromverbrauch dank Smart Grid Technologien intelligent steuern, ohne wesentliche Einschränkungen hinnehmen zu müssen. Ein Beispiel: Heute lässt man das Boilerwasser nachts aufheizen, weil aktuell dann der Strom noch günstiger ist. Künftig erkennt der Boiler dank Smart Grid, wann Stromüberschuss herrscht bzw. der Preis am tiefsten ist, und schaltet sich zum Beispiel um die Mittagszeit selbst ein.