Zahnarzt-Mobbing
Aargauer Zahnarzt klagt gegen den eigenen Verband

Ein jahrelanger und mit «harten Bandagen» geführter Zivilstreit zwischen dem Zahnärzteverband und einem Mitglied beschäftigt die Justiz. Ein Konflikt mit einer Vorgeschichte, die es in sich hat.

Michael Spillmann
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Ein Aargauer Zahnarzt klagt gegen seinen eigenen Verband – seit Jahren. (Symbolbild)

Ein Aargauer Zahnarzt klagt gegen seinen eigenen Verband – seit Jahren. (Symbolbild)

Keystone

Ein Zahnarzt aus der Region Lenzburg und der kantonale Berufsverband der Zahnärztinnen und Zahnärzte liefern sich seit nunmehr acht Jahren einen Zivilstreit. Es geht um Persönlichkeitsverletzungen und Mobbing und es geht um Schadenersatzforderungen des Zahnarzts an die Adresse des Berufsverbands.

Nun trafen sich die Parteien in zweiter Instanz vor Obergericht. Dort zeigte sich: Die Fronten sind so verhärtet wie der schlimmste Zahnstein.

«Ungerechtfertigte Zitierung»

Wie vor Obergericht zu vernehmen war, hatte als Auslöser für den Streit ein Honorarstreit genügt. Die Mutter einer jungen Patientin wollte demnach eine Rechnung prüfen lassen, was durchaus «gerechtfertigt» gewesen sei, wie der Anwalt des Zahnarzts erläuterte.

Hierfür zuständig ist eine Schlichtungskommission. Wie der Rechtsanwalt hingegen bemängelte, sei das Dossier der Patientin an die Kommission übergegangen, die sich mit Reklamationen bezüglich der Qualität der Arbeit auseinanderzusetzen hat.

Schliesslich musste auch der Zahnarzt vor der Kommission antraben. «Eine ungerechtfertigte Zitierung», betonte sein Anwalt. Der Verband liess in der Sache zudem ein Gutachten bei einem ausserkantonalen Zahnarzt in Auftrag gegeben. Der begutachtete Zahnarzt, spezialisiert auf Oralchirurgie, setzte sich zur Wehr.

«Fehlender Realitätssinn»

Als die Ergebnisse vorlagen, eskalierte der Streit endgültig. 2006 klagte der Zahnarzt, heute gemäss IV-Vorbescheid wegen der psychischen Belastung teilweise arbeitsunfähig, auf Persönlichkeitsverletzung. Hintergrund: Im Gutachten wurden dem Oralchirurgen fachliche sowie diagnostische und apparative Inkompetenz, ein Defizit an moralisch-ethischem Empfinden, fehlender Realitätssinn und ein gesellschaftsschädigendes Verhalten (für den Verband) vorgeworfen.

Harsche Kritik an der Justiz

Nach langwierigen Schriftenwechseln und einer Verhandlung vor Bezirksgericht Aarau unterbreiteten die Richter einen Vergleichsvorschlag - ohne Erfolg. Im Frühjahr 2010 urteilte das Bezirksgericht: Eine Persönlichkeitsverletzung liege vor, Schadenersatz gibt es aber keinen.

Hier setzte die Klägerseite vor Obergericht mit der Kritik an der Justiz ein. Dies, da im formellen Gerichtsbeschluss ursprünglich von «schweren Persönlichkeitsverletzungen» die Rede gewesen, später aber eine «Kehrtwende» gemacht und die Schwere herabgesetzt worden sei.

Der Anwalt rügte weiter: «Es wurden nachträglich Richter ausgetauscht.» Das Gericht sei schliesslich zur Mehrheit mit SVP-Richtern besetzt gewesen. «Wir wissen, wie diese Partei zu Mobbing und IV steht», mutmasste der Anwalt. Der Zahnarzt, bis heute Mitglied im Verband, hatte aus diesen Gründen am Obergericht appelliert - inklusive Schadenersatzforderung. Der Verband seinerseits hatte das Urteil akzeptiert.

Ein Kampf mit «harten Bandagen»

Der Anwalt des Lenzburgers wiederholte den Vorwurf eines «systematischen Mobbings». Die Gegenseite warf dem Zahnarzt vor, «mit harten Bandagen» zu kämpfen. Die vorgeworfene «Mobbing-Strategie» sei nur in einem arbeitsrechtlichen Verhältnis möglich, was hier «unbestrittenermassen nicht vorlag».

Und: Der belastende Rechtsstreit habe der klagende Zahnarzt «seinem eigenen Verhalten und seinen eigenen Äusserungen zu verdanken». Das Urteil der Oberrichter im Zivilstreit wird schriftlich eröffnet.