Ein Schrei des Entsetzens erfasste die Aargauer Kulturszene, als der «interkantonale Kulturlastenausgleich» erstmals auf den Tisch kam. Millionen von Steuergeldern für Opernhaus, Schauspielhaus und Tonhalle in Zürich, Hunderttausende für KKL, Theater und Sinfonieorchester in Luzern.

Alles in allem satte 5 Millionen Franken, gestützt auf theoretische Zahlen. Weil aber die Aargauer 2009 intensiver fern der Heimat fremde Kultur genossen, steigt die Abgeltung um eine volle Million. «Die Regierung war auch erstaunt, die Erhöhung ist überraschend», sagt Peter Reimann, Leiter der Finanzverwaltung. Nach Briefen und Abklärungen steht jetzt zweifelsfrei fest: Alles entspricht den Vereinbarungen.

Kultur ist ein teures Gut

Die grossen Kulturtempel verschlingen horrende Summen, allein an die ungedeckten Kosten von Opernhaus und Schauspielhaus zahlt die öffentliche Hand 110 Millionen, für alle drei Zürcher Institutionen sind es 130 Millionen Franken. Und in Luzern machen die Kultur-Subventionen für drei Häuser 35 Millionen Franken aus.

Lediglich mit 2 Prozent Kostensteigerung hat die Regierung für 2010 gerechnet, erklärt Reimann, «ein Prozent für die Teuerung, ein Prozent für das Wachstum». Doch in der Theater-Realität von 2009 haben sich mehr Aargauer in Zürich vergnügt, als in sämtlichen Prognosen. «Es kamen mehr Aargauer und die anrechenbaren Kosten waren höher», begründet Othmar Filliger von der Geschäftsstelle Kulturlastenausgleich den happigen Aufschlag um 20 Prozent.

Berechnet wird die aufwändige Beitragszahlerei nach dem Wohnort aller Abonnementsinhaber, bei den Einzeleintritten gibt es viele Stichproben. «Aber wir haben keine absoluten Zahlen, sonst müssten wir alle Besucher nach ihrer Herkunft befragen», betont Filliger. Die Aargauer sind nicht die einzigen Ausserkantonalen, Zug zahlt an alle sechs Kulturhäuser total 2,8 Millionen, Nidwalden 1,0 und Schwyz 2,1 Millionen Franken Lastenausgleich.

Der Kanton Uri bekommt eine Rechnung von 296000 Franken. Pikant am komplizierten Kostenverteiler: Die Luzerner bezahlen den Zürchern 1,3 Millionen, die Zürcher den Luzernern 1,9 Millionen Franken Kulturausgleich.

Zu Vertrag Ja gesagt

In politischen Kreisen sorgt die Zusatzmillion zumindest für ein Nasenrümpfen. «Die ganze Berechnungsübung ist undurchsichtig, wer eine Oper in Zürich besuchen will, soll es auch selber bezahlen», sagt SVP-Parteisekretär und Grossrat Pascal Furer (Staufen). Auch im Aargau gebe es Opern und Operetten, für die der Staat nichts bezahle. Zudem «benützen die Zürcher auch unsere Autobahnen und brauchen den Strom aus den Atomkraftwerken», kritisiert Furer.

Anderseits könne man die Übung auch als Goodwillaktion abbuchen. «Mit Erstaunen und Befremden» nimmt FDP-Präsident Thierry Burkart (Baden) die Erhöhung zur Kenntnis, «aber wir haben zum Vertrag grundsätzlich Ja gesagt». Weil man von reinen Annahmen ausging, sei man im Prinzip nicht so weit vom Budget entfernt, findet CVP-Präsident Franz Hollinger.

Die Leuchttürme der Kultur im Aargau würden weit unter ihrem Wert geschlagen, meinen die Kulturschaffenden selber, mit ihnen auch etliche Politiker. Tatsache ist: Für das Kunsthaus Aargau und das Museum Aargau (Schlösser Lenzburg, Hallwyl, Habsburg und Kloster Königsfelden) gibt es einen Pauschalabzug von 10 Prozent der Abgeltung.

Kulturlasten sind Bestandteil des Finanzausgleichs

Ab 2011 wird zusätzlich das Schloss Wildegg angerechnet, den Zürchern mit 2, den Luzernern mit 5 Prozent Lasten-Gegenausgleich. «Kultur darf grundsätzlich etwas kosten», findet SP-Präsident Marco Hardmeier (Aarau), der sich nur über die massive Aufstockung wundert.

Auf ein allzu lautes Husten sollten die Aargauer besser verzichten, meinen gute Kenner des Vertrags. Denn der Ausgleich der Kulturlasten ist integraler Bestandteil der Neuordnung von Finanzen und Ausgaben (NFA), «von dem wir sehr stark profitieren». Das unterstreicht CVP-Präsident Franz Hollinger (Brugg), da dürften wir uns auch bei der Kultur «durchaus erkenntlich zeigen».

Im laufenden Jahr kassiert der Aargau 220 statt der budgetierten 170 Millionen Franken. Zu den grossen Nettozahlern gehört übrigens Zürich. Bei den bisher 10 Prozent Abzug für die Aargauer Kultur könne man sich sogar fragen, ob die Nachbarn in diesem Ausmass kommen. Fest steht: Für 2011 und 2012 gibt es keine Erhöhung - die Zahlen gelten für drei Jahre.