Hochwasser

Aargauer bauen Dämme gegen neue Sintfluten

Die Reuss wird nach dem Hochwasser 2005 ausgebaggert

Die Reuss wird nach dem Hochwasser 2005 ausgebaggert

Die neue Gefahrenkarte des Kantons Aargau bietet Schutz gegen immer schlimmere Überschwemmungen der 3000 Kilometer Flüsse und Bäche. Handlungsbedarf besteht für die meisten der 220 Gemeinden im Aargau.

«Darauf bin ich stolz: Der Aargau ist der erste grosse Kanton mit einer fertigen Gefahrenkarte Hochwasser», sagt Baudirektor Peter C. Beyeler bei der Präsentation. Es ist auch der wichtigste Kanton, drei Viertel aller Oberflächengewässer der Schweiz fliessen via den Aargau Richtung Meer. In 20 Jahren gab es vier Ereignisse, wie sie nur alle 100 Jahre fällig wären: 1994, 1999, 2005, 2007 – mit jeweils 40 bis 60 Millionen Franken Schäden. Die Gefahrenkarte bildet die Basis, um künftige Schäden in den Bauzonen vermeiden zu können.

Zum Management gehören die Vorsorge, der Schutz durch Wasserbau, Prävention via Versicherung und der Katastrophenschutz im Ernstfall. Der ganze Kanton ist bis zur einzelnen Bauparzelle flächendeckend erfasst: Zu den 200 Kilometern Aare, Limmat, Reuss und Rhein kommen 2800 Kilometer Bäche und Bächlein. Bei örtlichen Sintfluten können auch sie riesige Schäden anrichten.

Teilkarten nach den Flusstälern

Das Parlament hat vor Jahren 5,8 Millionen Franken bewilligt, um die vom Bund verordnete Arbeit in nützlicher Frist bewältigen zu können. In Wirklichkeit besteht «die Karte» aus 17 Teilprojekten, von denen jedes ganze Ordner füllt. «Wir haben uns nach den Flusstälern ausgerichtet, das Wasser hält sich nicht an Gemeindegrenzen», sagt Projektleiter Martin Tschannen vom Departement

Bau, Verkehr und Umwelt (BVU). Er hat 50 grosse Orientierungen und 300 Absprachen mit den Gemeinden durchgeführt. Mit den am Computer simulierten Überschwemmungen zeigt er realitätsnah, welche Gebiete im Katastrophenfall wie schnell und wie tief überflutet werden. Berechnungen und Schutz basieren auf einem 100-jährlichen Hochwasser, «den absoluten Schutz gibt es nicht, das wäre unbezahlbar». Aber per Mausklick ist ersichtlich, wie hoch die braune Flut bei einem 300-jährlichen Hochwasser oder im extremsten Fall Häuser, Keller und Strassen unter Wasser setzen würde.

Für fast alle Gemeinden gültig

Handlungsbedarf besteht für die meisten der 220 Aargauer Gemeinden, konkret «müssen 201 Gemeinden etwas unternehmen», betont der Projektleiter. Denn sie müssen via Nutzungsplanung die nötigen Massnahmen eigentümerverbindlich festlegen. Vorbei sind auch die Zeiten, als jeder Bauherr Häuser und Fabriken schutzlos an Bäche und Flüsse stellen konnte: Neubauten dürfen nur dort entstehen, wo sie vor Naturgefahren geschützt sind. Potenziell hochwassergefährdet sind 3400 Hektaren oder 17 Prozent der Bauzonen. Handlungsbedarf besteht für insgesamt 1500 Hektaren, wobei drei Viertel nur mit 25 Zentimeter Überflutung rechnen müssen. Bei 3,6 Prozent der Gefahrenzonen steigt das Hochwasser auf einen bis zwei Meter, bei 0,9 Prozent auf über zwei Meter. Das betrifft nur Bauzonen, denn für Wälder, Naturlandschaften und die extensive Landwirtschaft bestehen keine Schutzziele.

Unwetter häufiger und schlimmer

Mit einer optisch dokumentierten Überraschung wartet Markus Zumsteg auf, Leiter der Fachstelle Wasserbau: «Die Seine in Paris führt gleich viel Wasser, wie die Aare bei Brugg». Nur ist die Seine doppelt bis dreifach so breit, bei der Aare fliesst das Wasser viel schneller über die Ufer. Im August 2007 versank das ganze Wasserschloss bis mannshoch unter den braunen Fluten. «Im letzten Jahrhundert war es vorerst relativ ruhig, erst in den letzten zehn Jahren stieg das 100-jährliche Hochwasser in Brugg von 1200 auf 1500 Kubikmeter pro Sekunde. Die Unwetter werden häufiger und schlimmer. Das bedeutet: «Ohne zusätzliche Massnahmen sind wir weniger gut geschützt», erklärt Wasserbauer Zumsteg. Alle zehn Jahre sei allein aus den grossen Ereignissen mit 100 Millionen Franken Schäden zu rechnen.

Rückhaltung der Spitzenflut

Sinnvoll sind alle wasserbaulichen Eingriffe, welche die Spitzenfluten in den entscheidenden Stunden zurückhalten. Projekte dafür gibt es im Umfang von 172 Millionen Franken (Karte oben und Text rechts), die von besseren Durchflüssen bis zu grossen Rückhaltebecken reichen.

Besser wird auch die Vorsorge, Hausbesitzer sollen sich künftig daran beteiligen: «Mit relativ einfachen Massnahmen kann der Schutz von Kellern oder Garagen oft massiv verbessert werden», versichert Direktor Urs Graf von der Aargauischen Gebäudeversicherung. Die im neuen Gesetz festgeschriebene Verpflichtung zur Prävention bedeutet: Bau der nötigen Massnahmen – oder Kürzung der Leistung im Ernstfall.

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