Energiekanton. Dieses Etikett gibt man sich im Aargau selber gern. Dies durchaus mit Stolz und zu Recht. Der Energiekanton ist der Aargau zwar nicht nur, aber vor allem deshalb, weil hier drei der fünf Schweizer Kernreaktoren laufen. Und jetzt das. Vielleicht schon in acht Jahren soll Beznau I abgeschaltet werden, in elf Jahren Beznau II vom Netz gehen und in 23 Jahren Leibstadt stillstehen. Der Bundesrat ist entschlossen, das Ende des Atomzeitalters zu besiegeln.

Was wird aus dem Aargau? Wird er zum Alternativ-Energiekanton, bietet er sich auch als Standort für ein Gas-Kombikraftwerk an, das den Treibhaus-Effekt anheizt? Oder gedenkt er etwa gegen die Ausstiegspläne des Bundesrats zu protestieren und die Aargauer Energieministerin zurück auf den Atompfad zu bringen? Vor Fukushima sprachen sich in einer von der Axpo bestellten Umfrage immerhin 55 Prozent der Aargauer Bevölkerung für den Bau eines neuen Kernkraftwerks Beznau III aus, in den umliegenden Gemeinden waren es sogar 77 Prozent.

Kein Argauer Regierungsmitglied erreichbar

Die Regierung schweigt. Am historischen Tag, der weitreichende Konsequenzen für den Aargau haben wird wie kaum für einen anderen Kanton, verbreitete sie ein dürres Communiqué: Er werde nun die ökonomischen und ökologischen Auswirkungen genau analysieren, liess der Regierungsrat verlauten. Aha. Der zuständige Baudirektor Peter C. Beyeler war nicht zu einer etwas weniger nichtssagenden Einschätzung zu bewegen. Kein Regierungsmitglied hielt es für nötig, sich der Aargauer Bevölkerung zu zeigen und sich dazu zu erklären, was es bedeuten mag, dass nichts mehr gelten soll, worauf das Label des Aargaus als Energiekanton massgeblich fusst.

Staatsschreiber Peter Grünenfelder, Regierungsrat Roland Brogli, Frau Landstatthalter Susanne Hochuli, Landammann Urs Hofmann, Regierungsrat Peter C. Beyeler, Regierungsrat Alex Hürzeler.  (v.l.)

Der Aargauer Regierungsrat im Bahnhof Aarau

Staatsschreiber Peter Grünenfelder, Regierungsrat Roland Brogli, Frau Landstatthalter Susanne Hochuli, Landammann Urs Hofmann, Regierungsrat Peter C. Beyeler, Regierungsrat Alex Hürzeler. (v.l.)

Das ist peinlich. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Kein Mensch erwartet, dass heute die Antworten auf alle Fragen vorliegen, die das Land Jahre und Jahrzehnte vor grosse Herausforderungen stellen werden. Aber seine Bevölkerung in so einem Moment einfach mit der Feststellung allein lassen, dass man von der «wichtigen Weichenstellung auch für den Aargau» Kenntnis genommen hat und dann in der zweiten Junihälfte eine energiepolitische Standortbestimmung vornehmen wird: Dasgeht ganz einfach nicht. Das hat nichts mit Führung zu tun. In so einem Moment gehört der Kapitän auf die Brücke und nicht auf Tauchstation – es sei denn er weiss, da tobt gar kein Sturm, da bläst nur ein laues Lüftchen.

Keine Antworten auf die drängenden Fragen

Gut oder schlecht? Diese Frage hätte man der Regierung natürlich gestellt, wenn sie sich denn hätte blicken lassen. Das wussten die Magistraten selbstverständlich ganz genau und die Frage wird sie auch in ihrer Sitzung am Mittwoch umgetrieben haben. Man kann nur mutmassen, wie das Schweigen zu deuten ist. Allgemeine Ratlosigkeit? Triumph von rot-grün über den Atomblock, aber die Kommunikationshoheit liegt beim unterlegenen «Energieminister»? Oder umgekehrt: Zwar hält der Bürgerblock noch, aber der rote Landammann bestimmt, wann die Schlacht endgültig geschlagen ist?

So oder so: Wenn schon die vergleichsweise unbedeutende Waffeninitiative das Allparteienkollegium der Aargauer Regierung mächtig zu strapazieren vermochte, dann ist die Energiefrage mit Sicherheit eine gewaltige Zerreissprobe. Seien wir mal gespannt, ob der Druckbehälter bis Mitte Juni hält.