Wie soll die Alterspolitik des Kantons Aargau künftig aussehen? Dieser Frage näherten sich um die 300 Teilnehmer des ersten kantonalen Alterskongresses an – Politiker aller Stufen, Gemeindevertreter, Funktionäre von Pro Senectute, Spitex-Organisationen und anderen Institutionen oder auch ganz einfach interessierte Senioren. Dass das Thema eine hohe Bedeutung hat, zeigt sich nicht nur in der Tatsache, dass sich im Aargau die Zahl der über 65-jährigen Einwohnerinnen und Einwohner bis zum Jahr 2035 auf 200'000 verdoppeln dürfte.

Es manifestierte sich auch darin, dass der Grossteil der um die 300 Kongressteilnehmer an einem prächtigen Frühsommertag mit hochsommerlichen Temperaturen vom Anfang um halb zehn Uhr vormittags bis zum Schluss um fünf Uhr nachmittags bei der Sache blieb.

Die Möglichkeiten nutzen

Der Kongress stand unter dem Titel «60 plus – na und?». Wie das Schlagwort vermuten lässt, ging es nicht darum, wie die Folgen der vielfach beklagten «Überalterung» der Gesellschaft als Belastung etwa für die Sozialwerke zu meistern ist. Vielmehr stand das Potenzial im Vordergrund, über das heute immer mehr Menschen bis in ein immer höheres Alter noch verfügen. «60 plus bedeutet für mich, dass das Alter kein Zustand mehr ist, der ein Defizit beschreibt, sondern eine Entwicklung, die neue Möglichkeiten eröffnet», so Regierungsrätin Susanne Hochuli, die den Kongress eröffnete.

Statt sich ausschliesslich auf die Defizite der älteren Menschen und die Pflege- und Versorgungsengpässe zu konzentrieren, habe die Diskussion künftig insbesondere auch die Ressourcen der älteren Bevölkerung zu erfassen, skizzierte sie ihre Vorstellungen einer neuen Alterspolitik.

Die Berner Universitätsprofessorin und Stiftungsrätin von Pro Senectute Pasqualina Perrig-Chiello kann das nur unterstützen. Obwohl die Lebenserwartung – und zwar die Lebenserwartung bei guter Gesundheit – in der Schweiz eine der höchsten in der Welt sei, werde das Alter(n) noch immer zu stark nur als Problem wahrgenommen, Stärken und Ressourcen zu wenig wahrgenommen. Und zu wenig honoriert. Die Gesellschaft sei noch nicht eingestellt auf aktive Senioren, auch die Freiwilligenarbeit, die sie häufig leisten, sei schlecht anerkannt. Hier sei ein Umdenken und eine stärkere Förderung des Dialogs zwischen den Generationen fällig, forderte Perrig-Chiello.

Erfolgskontrolle in zwei Jahren

Anreize, ältere Menschen über das Pensionierungsalter hinaus im Erwerbsleben zu behalten oder sie für freiwillige Dienste heranzuziehen auf der einen, Anreize zur Bereitschaft für ein lebenslanges Lernen oder die Gesundheitsförderung im Alter auf der anderen Seite waren Themen, die im Rahmen des Alterskongresses in zwölf Ateliers diskutiert wurden. Dort ging es auch um die Rolle des Kantons bei der Steuerung der Alterspolitik, den Gestaltungsspielraum der Gemeinden in der kommunalen Alterspolitik, die Umsetzung des Grundsatzes «ambulant vor stationär», die Rolle von professionellen Pflegekräften und von pflegenden Angehörigen sowie um den Aufbau von altersgerechten Infrastrukturen.

Obwohl der Paradigmenwechsel weg von einer defizitorientierten hin zu einer ressourcenorientierten Sichtweise, zu einem positiven Blick auf das Alter im Zentrum stand: die problematischen Herausforderungen wurden in der Diskussion auch nicht ausgeklammert. So werden zwar immer mehr Menschen bei guter Gesundheit immer älter, aber bei den über 90-Jährigen steigt der Anteil jener mit einer demenziellen Störung rapid auf über 40 Prozent.

Was wurde beschlossen?

Hier wurde zum Beispiel auf ein spezielles Phänomen hingewiesen, dass die Pflegeinstitutionen vor neue Herausforderungen stellt: Es ist zu beobachten, dass vor langer Zeit eingewanderte Menschen in dieser Phase ihre Integration «vergessen» und wieder nur noch in ihrer ursprünglichen Muttersprache kommunizieren.

Die Resultate der Diskussionen dienen nun in der Nachbearbeitung als Empfehlungen für die Erarbeitung der neuen kantonalen Alterspolitik. «Wir haben uns zum Ziel gesetzt, möglichst rasch konkrete Lösungen vorzuschlagen und entsprechende Massnahmen umzusetzen», versprach Landammann Urs Hofmann, der den Kongress beendete.

Vor diesem Hintergrund wird der Alterskongress in zwei Jahren neuerlich einberufen, um den mit der ersten Tagung lancierten Prozess weiter zu konkretisieren und eine Standortbestimmung vorzunehmen.