Nepal

Zwei Aargauer Bergsteiger waren am Mount Everest, als die Erde bebte

Bergsteiger-Paar aus Küttigen war am Mount Everest, als die Erde bebte.

Bergsteiger-Paar aus Küttigen war am Mount Everest, als die Erde bebte.

Silvan Schenk und Verena Rohrer befanden sich auf 6400 Metern an der Nordflanke des Mount Everest, als am 25. April das erste Erdbeben den Himalaja erschütterte.

Irgendwann waren sie reif für den Everest. Sie hatten die meisten 4000er in der Schweiz und mit Expeditionen auch Gipfel in Südamerika und Kasachstan erreicht. «Das wärs doch noch, der Everest», sagte Silvan Schenk zu seiner Partnerin Verena Rohrer.

Die beiden wohnen im Ortsteil Rombach von Küttigen, beide sind Tourenleiter beim SAC Aarau. Sie leitet beruflich die Regionale Standortförderung Brugg, er ist Berufsschullehrer in Aarau. Jetzt haben sie beide zwei Wochen Ferien vor sich, die sie neu planen müssen. So früh wollten sie nicht vom Everest zurück sein.

«Der Berg hat uns abgeschüttelt», sagt Silvan Schenk. «Wir hatten schon oft Gipfelglück, nun hatten wir ein anderes Glück», fügt Verena Rohrer an. Ihr Glück war, dass sie den Everest zusammen mit einer Schweizer Expedition von der Nordseite her besteigen wollten.

Von einer Lawine überrollt im Everest Basecamp 25.04.2015

Von einer Lawine überrollt im Everest Basecamp 25.04.2015.

Die beiden waren perfekt vorbereitet und gut akklimatisiert, sodass ein Bergführer mit ihnen alleine schon vom Basislager auf 5200 Meter ins nächste auf 6400 Meter aufgestiegen war. Von dort machten sie am 25. April eine Erkundungstour zum Fuss einer steilen Eisflanke. «Es war Mittag, wir waren eben zurück zu den Zelten gekommen, als der Berg zu rumpeln begann», erzählen die beiden. «Die Sherpas sprangen zuerst aus den Zelten, es war, als würde der Boden wegschwimmen. Etwa eine Minute lang dauerte das Rollen und eine grosse Unsicherheit war da: was passiert?» Als klar wurde, dass die Erde bebt, schauten die Bergsteiger angsterfüllt die Hänge hinauf: Was würde da noch runterkommen? «Ich schaute auch ständig hoch», sagt Verena Rohrer, «dabei hätte ich wohl kaum ausweichen können, wenn etwas gekommen wäre.»

Ihr Lager und auch das Basislager der Nordseite sollten von Lawinen verschont bleiben. Aber das wussten die beiden noch nicht. «Es herrschte im Lager eine grosse Ratlosigkeit, wir warteten auf Informationen», sagt Schenk. «Drei Sherpas installierten an diesem Tag weiter oben Fixseile. Sie kamen heil zurück. Aber man sah ihnen die Angst an.»

Der Abstieg kam wegen drohender Nachbeben vorerst nicht infrage. Die Sherpas telefonierten mit ihren Angehörigen: Häuser waren zerstört, aber niemand tot. «Die Stimmung im Lager wäre ganz anders gewesen, wenn jemand gestorben wäre», sagt Schenk. Nach zwei Tagen stieg ihr Bergführer ins Basislager ab, um an einem Treffen mit der chinesischen Regierung und Seismologen teilzunehmen. Nach insgesamt sechs Tagen war klar: Heftige Nachbeben drohen, der Berg wird geschlossen. Sechs Tage lang hatten Silvan Schenk und Verena Rohrer gehofft, vielleicht doch noch zum Gipfel aufsteigen zu können. «Im oberen Lager haben wir das Ausmass der Katastrophe gar nicht erfasst», sagen sie. Sie packten ihre Sachen und stiegen nur noch zu zweit vor dem zweiten Bergführer und der Küchenequipe ins Basislager ab.

«Es hat alles gestimmt – bis das Erdbeben kam», sagt Verena Rohrer, «die Natur ist definitiv stärker als der Mensch.» Das habe sie gedacht, als klar wurde, dass sie nicht auf dem höchsten Punkt der Welt stehen würden. «Wir wären schon gerne rauf», sagt Schenk, «aber so verrückt wie ein russischer Expeditionsleiter, der noch hochwollte, sind wir nicht. Er sagte: ‹We are mountaineers, we are ready to die.›» Schenk sagt: «Das wars.» Er glaubt nicht, dass er einen zweiten Versuch unternehmen wird. «Für uns ist das Erdbeben keine Katastrophe, für die Nepalesen schon.»

Zurück nach Kathmandu zu gelangen, war nicht möglich. Fürs Basislager an der Nordflanke auf tibetischem Boden standen anders als in Nepal keine Helikopter zur Verfügung. So fuhr die Expeditionsgruppe zwei Tage lang mit einem Bus nach Lhasa. Anfangs war der Weg teilweise verschüttet, aber sie kamen durch. Von Lhasa nahmen die Küttiger Bergsteiger den Zug nach Peking, um nach dem verfrühten Ende ihrer Tour noch etwas anderes zu sehen.

Letzte Woche kamen sie zurück. Am Mittwoch packten sie den Rucksack wieder und fuhren nach Saas-Fee zum Alphubel. Zweimal hatte Verena Rohrer an diesem 4000er schon umkehren müssen, weil es mal zu viel Schnee, mal Nebel hatte. Hier hatten sie Gipfelglück.

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