Aarau
Zurück zur Begegnungszone: In der Vorderen Vorstadt sollen die Leute bald wieder gemütlich flanieren

Im Stadtbüro liegt eines der wichtigsten Aarauer Strassenbauprojekte der laufenden Legislatur auf: die Umgestaltung der Vorderen Vorstadt. Künftig gilt hier, wie auch am Graben, Tempo 20. Der Rain wird ebenfalls in das neue Regime miteinbezogen.

Nadja Rohner
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Über 90 Jahre später soll die Vordere Vorstadt nun wieder zur Begegnungszone werden. Allerdings ohne Pflästerung (und wohl auch ohne Vieh). Ueli Wild

Über 90 Jahre später soll die Vordere Vorstadt nun wieder zur Begegnungszone werden. Allerdings ohne Pflästerung (und wohl auch ohne Vieh). Ueli Wild

Ueli Wild

Diese wird nicht nur gemacht, weil der heutige Pflasterstein-Belag sehr schadhaft ist, sondern auch, weil die Strasse zur Begegnungszone werden soll. Und in der Begegnungszone gilt: Fussgänger haben überall Vortritt. Nur am Südende der Vorderen Vorstadt, direkt beim Aargauer Platz, verbleibt ein Fussgängerstreifen, alle anderen kommen weg.

Seit die Altstadt verkehrsfrei ist, hat der durchschnittliche tägliche Verkehr auf der Vorderen Vorstadt von 11 500 auf etwa 8000 Fahrzeuge abgenommen. Die Fahrbahn ist heute 8,5 bis 11 Meter breit und «für die heutige und künftige Nutzung überdimensioniert», heisst es im Projektbericht. Demgegenüber sind die Trottoirs nur 1,75 bis 2,5 Meter breit – «sehr bescheiden». Das soll mit der Umgestaltung nun ins Gegenteil verkehrt werden: Die Fahrbahn, zweispurig und mittig angelegt, soll künftig maximal sieben Meter breit sein, dafür gibts grosszügige Fussgängerbereiche vor den Häusern, die teilweise Aussennutzungen durch die Geschäfte zulassen. Konkret sollen die Seitenbereiche «zugunsten des Langsamverkehrs und weiterer Nutzung maximal breit gehalten» werden können», so der Projektbeschrieb, der dem Baugesuch beiliegt. Auf der Ostseite gibt es einen breiten Rinnestreifen.

Dieses Bild – es zierte eine Postkarte von 1927 – zeigt, dass die Vordere Vorstadt früher schon eine «Begegnungszone» (sogar für Vieh) war.

Dieses Bild – es zierte eine Postkarte von 1927 – zeigt, dass die Vordere Vorstadt früher schon eine «Begegnungszone» (sogar für Vieh) war.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchi

Die heutige Pflästerung wird durch Asphalt ersetzt, das sei «kostengünstig, geräuscharm und praktisch». Fixe Bänkli und dergleichen gibt es nicht, damit die Gasse flexibel nutzbar bleibt.

In der Vorderen Vorstadt fallen alle Auto-Parkfelder für den Warenumschlag weg; Anlieferung und Warenumschlag sei in den Seitenbereichen möglich, heisst es im Projektbericht. Am Rain wird es weiterhin Parkplätze geben, teils müssen sie während der Bauphase temporär aufgehoben werden.

Verkehr wird eingeschränkt

Es wird mit einer Bauzeit von gesamthaft acht bis neun Monaten gerechnet. Der Verkehr in der Vorderen Vorstadt wird etwa fünf Monate lang als Einbahnverkehr geführt und teils über den Rain umgeleitet. Während der Bauphase 3, wenn das Teilstück zwischen Abzweigung Rain und dem Graben gebaut wird, gibt es kein Durchkommen. Der Verkehr – inklusive Bus – wird grossräumig umgeleitet. Diese Phase soll im Sommer stattfinden und zwei bis drei Monate dauern. In der Bauphase 4 (Umgestaltung Einlenkerbereich Rain) wird über den Rain ein Fahrverbot verhängt.

Bus und Postauto sind während der Bauphasen 1 und 2 nur leicht betroffen. Während der Bauphase 3 werden sie grossräumig umgeleitet (Haltestellen Kunsthaus und Holzmarkt nicht in Betrieb).

Die Kosten belaufen sich auf rund 1,8 Mio. für die Strassensanierung und 3,93 Mio. für Hochwasserschutzmassnahmen am unter der Strasse verlaufenden Stadtbach. Letztere sind im Herbst 2018 vom Einwohnerrat genehmigt worden. Der Auftrag, die Hochwasserschutzmassnahmen auch gleich anzupacken, trug dazu bei, dass das Projekt «Vordere Vorstadt» mittlerweile rund drei Jahre verspätet ist.

Deko-Elemente fielen dem Sparen zum Opfer

Keine Pflastersteine, kein offener Stadtbach

Dass die Vordere Vorstadt einiges weniger romantisch daherkommen wird als die Altstadt, hat der Einwohnerrat bewusst entschieden. Denn während der Kreditberatungen kam sowohl das Thema «Pflastersteine» als auch das des Stadtbachs auf.

Dass Aarauer an Pflastersteinen hängen, zeigte sich schon 2003 bei der Kreditabstimmung für die Sanierung der Altstadtgassen. Dass diese an der Urne zunächst scheiterte, lag unter anderem daran, dass die Pflastersteine hätten durch Asphalt ersetzt werden sollen. Für die Vordere Vorstadt liess der Stadtrat zwar eine erneute Pflästerung prüfen, er entschied sich dann aber dagegen. In der Maximalvariante wären Mehrkosten von knapp 1,3 Mio. Franken entstanden. Im Einwohnerrat rief das Bedauern hervor, aber keinen grossen Widerstand.

Auch eine Öffnung des Stadtbachs analog zu den Altstadtgassen war im Einwohnerrat ein Thema – sogar zweimal. Erste Bestrebungen für die Offenlegung scheiterten in der Projektierungsphase (2014) deutlich, primär aus finanziellen Gründen. Als der Kredit für die Hochwasserschutz-Massnahmen 2018 in den Einwohnerrat kam, versuchte Ueli Hertig (Pro Aarau), mit einem Rückweisungsantrag doch noch eine Stadtbach-Öffnung zu erreichen. Vizestadtpräsident Werner Schib warnte dieses Mal nicht nur vor Mehrkosten, sondern auch vor weiteren erheblichen Verzögerungen eines Projekts, auf das insbesondere viele ansässige Detaillisten schon lange warten. Der Rückweisungsantrag wurde hauchdünn mit 24 Ja zu 25 Nein abgelehnt. (NRO)

33 historische Bilder von Aarau:

Kettenbrücke ca. 1860 Blick vom Zollrain auf die Kettenbrücke und den dazugehörigen Gasthof.
33 Bilder
Die Maturandenklasse der Kantonsschule Aarau von 1896. Der Herr links in der vorderen Reihe ist übrigens Albert Einstein.
Bahnhofstrasse 1915 Das Postgebäude wurde in diesem Jahr eröffnet.
Postkarte 1916 Die Stadt Aarau vor rund 100 Jahren.
Im Torfeld, irgendwann zwischen 1918 und 1937. Mit den Werkhallen der Firma Oehler & Cie.
Bahnhofplatz 1918 Der Bahnhofplatz mit einem Zug der Wynentalbahn.
Postkarte 1918 Der Stempel datiert vom 12. Juni 1918.
Schachen 1919 Der Aarauer Schachen von der Luft aus 600 Metern.
Postkarte 1919 Aufgenommen an der Kreuzung Pestalozzi-/Schanzmättelistrasse. Das 1911 erbaute Schulhaus war noch fast neu.
Luftaufnahme 1919
Postkarte 1919 Der Rathausplatz mit Kindern und einem Fahrzeug.
Am Rain um 1919. Im Hintergrund der Turm des Obertors.
Aarau anno dazumals
Luftaufnahme 1919 Der Rain und Vorstadt aus der Vogelperspektive. Die Fussgänger sind noch klar in der Überzahl.
Luftaufnahme 1919 Das grosse Gebäude unten rechts ist das Zelglischulhaus.
Die Obere Vorstadt um 1921. So leer sieht man die Strasse heute selten.
Kettenbrücke 1921 Die Hängebrücke mit Stahlketten stand fast 100 Jahre lang. Ihr Nachfolger behielt im Volksmund den Namen «Kettenbrücke». In den kommenden Jahren wird auch dieser durch einen Neubau ersetzt.
Ein Blick in die Rathausgasse (1921) An den Gebäuden links erkennt man die bemalten Dachgiebel. Nicht umsonst gilt Aarau als «Stadt der schönen Giebel». Die Rathausuhr ist noch üppig dekoriert.
Steinbruch Zurlinden 1923 Der Grundstein für die späteren Jura-Cement-Fabriken.
Postkarte 1927 Blick vom Stadtturm Richtung Regierungsgebäude.
Postkarte1928 Die Stadt Aarau um 1928.
Kettenbrücke ca. 1930 Auffällig sind die markanten Torbögen der Brücke.
Die alte Badi (1932) Das Schwimmbad lag früher noch am linken Aareufer.
Alpenzeiger 1947 Ein Spaziergang zu diesem Aussichtspunkt lohnt sich auch heute noch.
Kettenbrücke 1948 Die Kettenbrücke wird abgerissen.
Katholische Kirche 1948
Aarebrücke 1948/49 Bald sieht es wohl wieder so ähnlich aus.
Luftaufnahme 1958 Der Kantonsspital Aarau sah früher noch ganz anders aus.
Maienzug 1964
Telli 1964 Die Kunath Futterfabrik in der Telli. Heute ist dieser Ort weit über die Region als Konzertlokal «Kiff» (Kultur in der Futterfabrik) bekannt.
Schachen 1964 Tausende pilgerten an das Schwing- und Älplerfest im Schachen.
Luftaufnahme 1966 Der Aarauer Bahnhof aus der Luft.
Luftaufnahme 1979 Die Stadt Aarau vor knapp 40 Jahren.

Kettenbrücke ca. 1860 Blick vom Zollrain auf die Kettenbrücke und den dazugehörigen Gasthof.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Friedrich Gysi