Dass im Graben zwischen Schlossplatz und Holzmarkt Hirschen gehalten wurden, das kann mitunter auch eingefleischte Aarauer überraschen: Im rund 20 Meter tiefen Trockengraben, der im Mittelalter als Teil der Stadtbefestigung diente, zogen nämlich die praktisch veranlagten Aarauer die Braten, mit denen sie sich am Maienzug oder am Bachfischet die Bäuche voll schlugen.

Mit diesem Exkurs in die Geschichte hatte Stadtführerin Agnes Henz die Einleitung zum kulinarisch-historischen Stadtrundgang, an dem am Mittwochabend drei Dutzend Mitglieder der Detaillisten-Vereinigung Zentrum teilgenommen haben, blendend geschafft. Agnes Henz, die auch mit Stöckelschuhen so trittsicher über das Kopfsteinpflaster der Altstadt marschiert, als hätte sie pressluftgedämpftes und aufgeschäumtes Schuhwerk an den Füssen, oblag denn auch der historische Part der Führung, während Albi von Felten vom «Hirschen» Erlinsbach im Innenhof zum Golatti und später im Tourismusbüro an der Metzgergasse exquisite Häppchen auftischte.

Dass ein Metzger, der sich nicht ans Wirtshausverbot gehalten hatte, zur Strafe mit blossen Händen im Graben Brennnesseln ausreissen musste. Oder dass im Haus Golattenmattgasse 1 früher nicht zu hygienischen Zwecken gebadet wurde, sondern weil man krank war, solche doch etwas unappetitliche Geschichten, von der Stadtführerin aufgetischt, spülte der RieslingxSilvaner aus dem Keller von Peter Wehrli, Küttigen, im Nu weg.

Salami vom Galloway-Rind

Der Geisskäse und die Salami mit Chili von Galloway-Rindern, die der Erlinsbacher Toni Haltiner auf seinen Weiden so umsichtig genährt hat, wie das von Felten mit seinen Gästen tut, schmecken ganz speziell gut. Das feine Brot tunkten die Gäste in sanft gepresstem, leicht nussigem Rapsöl aus dem Seetal, das, so von Felten, ernährungsphysiologisch noch um einiges besser ist als Olivenöl.

Albi von Felten, der leidenschaftliche Gastronom, legt Wert auf geschmacklich authentische, traditionell hergestellte regionale Produkte und ist immer auf der Suche. Nicht umsonst ist er Mitinitiant der Genussstrasse, die über 170 Kilometer durch den Aargauer Jura zu Winzern, Brennereien, Bauernhöfen und innovativen Restaurants führt.

Endgültig ins Schwärmen kommt von von Felten, wenn er von den Wollschweinen vom Bio-Hof Kasteln berichtet. Die Wollsau-Coppa, in Maische mariniert, ist denn auch etwas vom Feinsten. Ebenso die Kartoffelsuppe, abgeschmeckt mit Trüffeln aus dem Fricktal.

Der Wollsau-Schinken, soviel ist sicher, muss jedenfalls um Welten besser schmecken als der Speck jener Säue, die vor ewigen Zeiten zwischen den engen Häuserschluchten im Geviert zwischen Adelbändli und Kirchgasse mit Abfällen gefüttert wurden. Es muss fürchterlich gestunken haben, wie Agnes Henz erklärte, nicht nur von den Schweinen.

Nun, die Sinnenfreuden, zu denen die Stadtführerinnen begleiten, sprechen ja nicht unbedingt die Geruchs- und Geschmacksnerven an, sondern vielmehr die Augen. Zum Beispiel die Glasgemälde von Felix Hoffmann in der Stadtkirche oder die pittoresken Giebel, welche die Stadt Aarau berühmt gemacht haben.