Gebären wie zu Hause, aber in unmittelbarer Nähe zu Kinder- und Frauenärzten. Das will das Kantonsspital Aarau in einem Pilotversuch anbieten und spannt dafür mit freischaffenden Hebammen zusammen. Das Konzept ist völlig neu: Zwei Geburtszimmer auf dem Spitalgelände, eingerichtet wie normale Schlafzimmer. Doppelbett, ein Tischli mit Stühlen, Wickeltisch. Kein Pool für Wassergeburten, keine Sprossenwand und keine von der Decke baumelnden Seile, in die sich die Gebärende hängen kann. Das KSA stellt eine Haushälterin zur Verfügung, die für saubere Zimmer und einen vollen Kühlschrank sorgt. Geboren wird hier aber absolut ohne medizinische Intervention.

Schwangeren wird Angst gemacht

Vorerst werden die Räume von drei freischaffenden Hebammen genutzt: Gillian Bäni (Muhen), Tanja Fögele (Lenzburg) und Susanna Diemling (Rombach). Sie alle sind spezialisiert auf Hausgeburten. Zwischen 20 und 30 begleiten sie pro Jahr. «Es ist eine ganz andere Form von Geburtshilfe», sagt Monya Todesco Bernasconi, Chefärztin Geburtshilfe und Perinatalmedizin am KSA. «Wir bieten bei uns auf der Station die ganze Palette an Spitzenmedizin. Das ist aber für normale Frauen mit normalen Schwangerschaften völlig übertrieben.» Der Geburtsverlauf werde zudem positiv beeinflusst, wenn die Gebärende eine persönliche Betreuung durch eine Hebamme erfährt, die sie kennt und der sie vertraut – was im Spital mit den Schichtwechseln oft nicht gewährleistet werden kann.

Die Idee, Geburtszimmer auf dem Spitalgelände einzurichten, kam von der Chefärztin selber: «Viele Frauen ziehen zwar eine Hausgeburt in Betracht, trauen sich dann aber doch nicht – weil sie Angst haben, ihnen oder dem Kind könnte etwas passieren. Dann ist man unter Umständen weit weg von einer Geburtenabteilung. Hier sind es nur 50 Meter.»

Dem pflichtet Hebamme Tanja Fögele bei. Die Lenzburgerin war direkt angetan von Todescos Idee: «Auch ich beobachte, dass Frauen vor allem zu Beginn ihrer Schwangerschaft offen wären für eine Hausgeburt. Im Verlauf der Schwangerschaft wird ihnen dann aber eingeredet – von Gynäkologen, der Familie oder dem Partner – dass das unverantwortlich sei.» Kollegin Susanna Diemling hat das auch schon erlebt: «Hausgeburten sind heute etwas Exotisches. Normalerweise mögen wir Schweizer das. Aber in dieser Hinsicht sind wir stockkonservativ.»

Schmerzmittel gibts nicht

Die neuen Geburtszimmer sind also eine Art Kompromiss zwischen Hausgeburt und Spitalgeburt. Hier wird ganz auf hebammengeleitete Geburtshilfe gesetzt. Denn bei normalen Geburten (37. bis 42. Schwangerschaftswoche, richtige Lage des Kindes, gesunde Mutter und gesundes Kind) sind die Fachfrauen in der Lage, die Geburt selbstständig zu begleiten. Schmerzmittel geben die Hebammen keine ab. «Wir haben andere Möglichkeiten: Wärme, Akupunktur, Massagen», sagt Susanna Diemling. «Wenn die Frau in den Flow kommt, werden sowieso körpereigene Endorphine ausgeschüttet, die wie Opiate wirken.» Nur, falls die Hebamme im Verlauf der Geburt entscheidet, dass doch medizinische Interventionen nötig sind – zum Beispiel Anästhesie, Saugglocke oder gar Kaiserschnitt – , wird die Frau rüber in die Geburtenabteilung verlegt. Ab dann übernehmen Ärzte und die Spitalhebamme.

Wer nun also sein Kind in einem der neuen Geburtszimmer auf die Welt bringen will, meldet sich etwa in der Mitte der Schwangerschaft bei einer der freischaffenden Hebammen. Sie lernt die Schwangere und ihr Umfeld kennen und kann auch die Voruntersuchungen durchführen. Steht die Geburt an, ist die Hebamme rund um die Uhr erreichbar. Nach der Geburt bleibt die Frau eine Nacht im Geburtszimmer, danach kann sie im Regelfall wieder nach Hause. Dort wird sie von ihrer Hebamme weiterbetreut. Ziel sei ein gut betreuter Start ins neue Familienleben in den eigenen vier Wänden, betonen sowohl die drei Hebammen als auch die Chefärztin.

Die Geburtszimmer sind noch nicht einmal eingerichtet (Eröffnung im Mai), schon haben sich zahlreiche werdende Mütter nach dem Angebot erkundigt. «Als hätten die Frauen darauf gewartet», sagt Todesco. «Wir sind sehr zuversichtlich, dass sich das Angebot innert kürzester Zeit etabliert.» Dann, so stellt sie in Aussicht, könnten weitere Räume eingerichtet werden. Auch das Hebammen-Team will man vergrössern und Studentinnen ausbilden.