Rüeblimärt Aarau

Zum Reinbeissen! Heute reissen sich die Kunden um das Pferdefutter

Am Mittwoch ist Rüeblimärt – Zeit für die Küttiger Landfrauen, ihre Rüebli aus dem Boden zu ziehen.

Mit runden Rücken stechen die Männer die Spaten in die Erde, wuchten sie um und ziehen am Kraut die weissen Rüebli aus dem Boden. Feucht und schwer ist die Erde, klebt in Klumpen an den Rüebli. Das Gröbste schütteln die Männer ab, dann werfen sie die Rüebli hinter sich in eine Reihe. Da stehen die Frauen, säbeln das Kraut ab – so nah wie möglich am Rüebli, aber just so, dass es nicht verletzt wird – und sortieren; was zu viele Beine hat oder aufgeplatzt ist, Schrammen hat oder krumm ist, landet mit Gepolter im Futterkübel. «Die Männer haben das bessere Gspüri, um die Rüebli auszutun», flachst eine der Rüeblifrauen. «Mit Gspüri hat das gar nichts zu tun», brummt einer der krummen Rücken. «Es isch eifach e Chrampf.» Die Frauen lachen schallend.

Küttiger Landfrauen ernten mit Hilfe der Fünftklässler und ihren Männern die berühmtesten Aargauer Rüebli.

Küttiger Landfrauen ernten mit Hilfe der Fünftklässler und ihren Männern die berühmtesten Aargauer Rüebli.

Es ist Erntetag auf dem Rüebliblätz am Goldackerweg. Die Küttiger holen ihre Rüebli aus dem Boden, dieses weisse Gewächs mit dem erdigen, leicht bitteren Geschmack, ureigen und etwas knorrig, wie die Küttiger selbst, so munkelt man. Das einstige Pferdefutter, das heute Liebhaber aus der ganzen Schweiz an den Rüeblimärt nach Aarau lockt; das Rüebli, das man bloss nicht rädeln und in Öl anbraten darf, sondern in Späne geschnitten in Butter, am besten mit grünem Speck dazu.

Schulklasse hilft mit

Auf dem Acker stehen nicht nur die Landfrauen, auch zusätzliche Helfer sind gekommen, dazu eine ganze Schulklasse. «Es het bald meh Lüüt als Rüebli», meint Beatrice «Trix» Wernli, Präsidentin der Küttiger Landfrauen. Aber ihr ists recht, Helfer sind stets willkommen. Diese Fünftklässler waren es schliesslich auch, die im Frühling geholfen hatten, die Samen zu stecken. «Das ist jetzt der Lohn für die Arbeit, die wir seit dem Frühling geleistet haben», sagt Trix Wernli vor den Kindern. «Das heisst: Wir gehen sorgfältig mit den Rüebli um.»

Bevor die Kinder loslegen dürfen, müssen sie eine Probe bestehen. Nur wer das Kraut am richtigen Ort kappt, darf aufs Feld. Da ist Trix Wernli streng. Ausserdem erklärt sie noch einmal, worauf es ankommt, welche Rüebli denn nun im Kessel mit der Marktware, welche im Kessel mit den Futterrüebli und welche gar auf dem Haufen der besonders Schönen landen. Die werden nicht verkauft, sondern kommen ins Laub, ins Nusslaub zum Ausschlagen. «Das ist so ein Samenrüebli», sagt Trix Wernli und streichelt eines liebevoll. Ein Rüebli mit gutem Spitz und gesundem Kraut, mit sauberem Ansatz, perfekt konisch. «Einfach ein wunderschönes Rüebli.» Da handhabe man es mit wie mit den Tieren, aus den allerschönsten gibt es die nächste Generation.

Regen schadet nur den Helfern

Es ist schwere Arbeit, die die Frauen und Männer auf diesem Feld leisten. «Man muss sich gerne bücken. Hier muss keiner zum Jammern herkommen», sagt Olga Wehrli und lacht. Aber es sei nicht nur eine harte, es sei vor allem eine lustige, gesellige Arbeit. Und Herta Haas sagt: «Seit ich keinen eigenen Garten mehr habe, helfe ich hier gerne mit.» Insbesondere, wenn man dabei noch fast einen Sonnenbrand einfängt, und das Ende Oktober. «Ein perfekter Erntetag», sagt auch Trix Wernli und blinzelt in die Sonne. Schlechtes Wetter wäre nicht gut. Nicht etwa, weil es den Rüebli schadet. «Denen passiert nichts, aber meinen Helfern würde es in den Nacken regnen.» Trix Wernlis Mann Otti, der gerade kopfüber an einem Bund Rüebli zerrt, nickt. Furchtbar sei es, wenn es regne, dann rinne das Wasser vom Nacken quer durchs ganze Gesicht.

Für Trix Wernli ist diese Ernte ein Jubiläum; es ist die 40. Ernte. 1978 hatte Wernli mit ihren Landfrauen angefangen, das Rüebli wieder im grossen Stil anzubauen, nachdem es – damals noch bekannt unter dem Namen «Gerstenrüebli» – fast in Vergessenheit geraten war. 40 Jahre, wer hätte das gedacht. Trix Wernli lächelt. Es wäre langsam so weit, eine Nachfolgerin zu finden, seit zwei, drei Jahren schon sucht sie danach. «Aber das ist nicht einfach.»

Und wie zufrieden ist Trix Wernli mit ihrer Jubiläumsernte? Es seien schöne Rüebli, sagt sie, «aber etwas grosse». Die Hitze im Sommer habe nicht allen gut getan. «Prall gefüllt mit Wasser, sind sie in der Hitze geplatzt.» Ein gutes Drittel der Ernte landet deshalb schon am Feldrand in den Kübeln fürs Pferdefutter. Trotzdem rechnet Trix Wernli mit rund 1,2 Tonnen Rüebli, die sie am Mittwoch in Aarau verkaufen kann. Weg gehen sie immer alle, für Fr. 3.50 das Kilo. Ein Spottpreis für ein Bio-Rüebli. «Es ist wenig, ja», sagt Trix Wernli und grinst. «Aber mit Fr. 3.80 wird das Rechnen so kompliziert.»

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