Aarau
Zum Ende des KBA gibts einen Herzinfarkt in vier Etappen

Nach 13 Jahren ist Schluss. Das KBA schliesst endgültig. Die Opium Lounge wird schon geräumt – im Club Kettenbrücke steigt von Donnerstag bis Sonntag die letzte Partyreihe.

Katja Schlegel
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Ausgefeiert: Die Kettenbrücke schliesst kommendes Wochenende definitiv.
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Die letzten Gäste haben ihre Abschiedsgrüsse hinterlassen.
Lampen warten auf Käufer.
Eine Opium-Teekanne für daheim.
Eine Liebeserklärung in Orange.

Ausgefeiert: Die Kettenbrücke schliesst kommendes Wochenende definitiv.

Katja Schlegel

Die Tischplatte ist klebrig von den ausgeleerten Getränken, an der Fensterscheibe hat eine Gel-Frisur ihre Spuren hinterlassen.

Am Sonntagabend liegt der Dunst der letzten Partynacht noch im Raum; der süsse Rauch der Wasserpfeifen, Alkohol, ein Hauch von Schweiss. Es war eine rauschende Nacht mit viel Wehmut.

Auf einer Wand haben die Besucher mit Filzstift ihre Abschiedsgrüsse hinterlassen. Einer sticht ins Auge: «Opianier, super Zit gsi met öich.»

Die Leute, die am Abend nach der Abschiedsparty die Opium-Lounge verlassen, tragen aber nicht blosse Erinnerungen nach Hause, sondern handfeste Erinnerungsstücke: Tische, Hocker, Lampen, Kissen, Shishas, Teekännchen. Alles muss raus, alles wird verkauft.

Das Opium ist Geschichte, der Club Kettenbrücke, kurz KBA, wird ihm am Wochenende folgen.

«Wir hatten hier eine super Zeit», sagt eine junge Frau, die mit ihrem Handy die Wand mit den Abschiedsgrüssen fotografiert. Jahrelang hat sie hier an der Bar gearbeitet, hat hier praktisch gewohnt.

«Es ging so weit, dass ich die Haustüre mit dem Opium-Schlüssel öffnen wollte», sagt sie und lacht.

Dass das Opium nun seine Türen für immer schliesst, finde sie schade.

«In Aarau gibt es sonst nicht mehr viel Clubs für die Jungen.»

In die gleiche Kerbe schlägt eine Besucherin, seit der Eröffnung vor gut elf Jahren Stammgast. «Es gibt nichts Vergleichbares im Raum Aarau. Dass das Opium schliesst, ist traurig.»

Jeden Tag bei null anfangen

Fabian Bürkli trinkt Kaffee. Es ist spät geworden letzte Nacht. Spät und traurig.

Der Chamer hat den Club Kettenbrücke im Jahr 2000 und die Opium Lounge 2001 mit seinen Kollegen Georgios Antoniadis und Gusti Burkart im denkmalgeschützten ehemaligen Hotel «Kettenbrücke» am Zollrain eröffnet.

Übergangsweise für ein Jahr, wie das Trio damals dachte, bis den Liegenschaftseigentümern die Lizenz für ein Casino erteilt würde.

«Die Aarauer Gastroleute haben uns ausgelacht, haben über uns auswärtige Club-Betreiber gefrotzelt», sagt Bürkli.

Es kam alles anders: Aus dem Casino wurde nichts und aus dem Club laut Bürkli der erfolgreichste im ganzen Mittelland.

Mit «Perfect Friday» durchgestartet

Die ersten paar Monate verliefen harzig. Dann schlug ein neues Partyformat wie eine Bombe ein: Nach der Einführung von «Perfect Friday», bei dem Frauen am Freitagabend keinen Eintritt zahlten und einen Gratisdrink erhielten, standen die Gäste Schlange.

Bürkli beschreibt es so: «Man gibt einen Lottoschein ab, hofft auf vier Richtige und bekommt sechs.»

Bürkli, Antoniadis und Burkart gründeten die Pop Art Veranstaltungen GmbH. Weil der Club so gut lief, eröffneten die drei in der Kopfbaute des Gebäudes die Opium Lounge.

Abend für Abend pilgerten Hunderte an den Aarauer Zollrain, erlebten unvergessliche Nächte. Grosse Namen gaben sich am DJ-Pult die Ehre, der Club mit Platz für 500 Leute stiess regelmässig an seine Grenzen.

Bürkli erinnert sich: so viele gute Leute, so viele Freunde, so viele gute Erfahrungen.

Aber auch ein knochenharter Job. Jeden Abend sei die Party vom Vorabend Geschichte, jeden Tag beginne die Arbeit bei null. «Ich habe 20-Stunden-Schichten geschoben, habe hier gegessen, hier geschlafen.»

Das Party-Machen veränderte sich im Laufe der Jahre: Die Ansprüche stiegen, die Hemmschwelle sank.

Ein gesellschaftliches Phänomen, das sich im Ausgangsverhalten widerspiegelt – insbesondere dann, wenn Alkohol ins Spiel kommt.

Es kam, was kommen musste: Unschöne Geschichten, im Zuge derer die Geschäftsleitung hinstehen musste; Schlägereien, der Fall Nicky, der Petardenzünder nach der FCA-Aufstiegsfeier.

«Da kommen in all den Jahren Millionen Leute her und ein paar wenige Geschichten und tragische Zufälle ziehen den Ruf des Clubs in Mitleidenschaft», sagt Bürkli. Damit müsse man als Partyveranstalter umgehen können.

Ein Ende in vier Etappen

Und jetzt ist alles vorbei. Aus dem Eventlokal wird wieder ein Hotel. «Wir wussten immer, dass es einmal vorbei sein wird», sagt Bürkli. Das Angebot, das Gebäude zu kaufen, hat das Trio vor Jahren ausgeschlagen.

«Uns fehlte das nötige Kleingeld, um das Gebäude mit seiner alten Bausubstanz zu übernehmen und in Schuss zu halten», sagt Bürkli. Einen Ersatz gibt es nicht, obwohl die Schliessung seit Monaten, gar Jahren bekannt ist.

Ist es so schwierig, etwas Passendes zu finden? «Es braucht eine gute Lüftung, schalldichte Mauern, Parkplätze, eine gute Lage und sollte bezahlbar sein. So etwas findet sich nicht einfach so.» Ausserdem sei der Raum mit dem Immobilienboom immer knapper geworden.

«Wir haben damals genau den richtigen Moment erwischt und unvergessliche Jahre erleben dürfen», sagt Bürkli. Das Ende naht: Ein Partymarathon über vier Tage hinweg, Donnerstag bis Sonntag, fast jeder Abend ist ausverkauft. Bürkli lacht. «Das wird ein Herzinfarkt in vier Etappen.»