Der Weg zu den Clara-Schwestern windet sich den Jurahang hinauf; und wenn man die Abzweigung erwischt, wartet im Tal des jungen Erzbachs das Laurenzenbad. Im fünfzehnten Jahrhundert stand hier eine Kapelle, die dem heiligen Laurentius geweiht war. Das Wasser der Quelle galt als heilend, weshalb im 19. Jahrhundert ein Kurhaus gebaut wurde. Als Anfang 20. Jahrhundert Zweifel an der Heilkraft des Wassers aufkamen, wurde aus dem Haus ein Krankenheim. 2011 übernahmen die Clara-Schwestern das Laurenzenbad und machten es zum Kloster. Als sie das ehemalige St. Laurenzenkirchlein als Klosterkapelle wieder aufbauten, schloss sich der Kreis.

Hier in der Talsenke, wo die Wintersonne den Kampf gegen den Raureif verliert, fühlt man sich sehr weit weg vom Weihnachtsrummel der Stadt. Die Kur-Vergangenheit ist dem Haus noch gut anzumerken, die Räume sind grosszügig und es gibt viele Gänge.

In der Kaffeestube, die an den Speisesaal eines gemütlichen Lagerhauses erinnert, sitzen Schwester Margareta, Schwester Johanna und Frau Mutter Mirjam. Sie haben ihr Leben Jesus gewidmet. Und die Zeit läuft hier nach dem liturgischen Kalender. Der mit Lichtern geschmückte Tannenbaum vor dem Haus und die Krippenfiguren auf den Fenstersims unterscheiden sich nicht von denen in weltlichen Haushalten. Doch während Zimtsterne und Glühwein im Advent unverzichtbar sind, wird im Laurenzenbad gefastet. «Mit dem Advent beginnt das neue Kirchenjahr», sagt Schwester Johanna mit Walliser Dialekt. Als Vorbereitung auf das Weihnachtsfest wird 40 Tage gefastet, Beginn ist am 11. November. Wer jetzt denkt, dass es sich bei den drei Nonnen um eine ernste, kalorienarme Gesellschaft handelt, liegt falsch. Unter den drei Frauen herrscht eine Stimmung wie in einer Studentinnen-WG. Gewitzt wie sie sind, haben sie sogar einen Weg gefunden, um in der Adventszeit trotzdem naschen zu können. «Wir haben einen Adventskalender zum Selberfüllen», erklärt Schwester Mirjam. «Und manchmal hat es dort Süsses drin», sagt sie weiter und zuckt entschuldigend mit den Schultern.

Advent heisst Ankunft, eigentlich Adventus Domini; die Ankunft des Herrn. Der Ablauf für die liturgischen Feiertage ist jedes Jahr der gleiche. Doch die Schwestern freuen sich immer wieder von Neuem auf die Geburt von Jesus Christus und setzen sich intensiv damit auseinander. Zum Beispiel indem sie die Suche von Maria und Josef nach einem Nachtlager nachspielen, um sich so richtig in sie hineinversetzen zu können. Schwester Margareta hat die Krippenfiguren zu biblischen Szenen gruppiert, auf einem Sims wird gerade ein Prophet geweckt. «Es heisst ja ‹Erwachet›», sagt sie.

Nach der Messe endet das Fasten

An Heiligabend findet in der Hauskapelle die Mitternachtsmesse statt. Die Schwestern freuen sich darauf. Und auf das, was danach kommt: «Wir trinken zusammen ein Glas Wein und essen etwas Süsses», sagt Schwester Mirjam. Das Ende der Fastenzeit. Und nicht nur für die Nonnen gibt es etwas Gutes. Zum Kloster gehören auch Tiere, zwei Esel und drei Hunde. Die fasten zwar nicht, erhalten aber an Weihnachten zum Beispiel ein Extrarüebli. Tiere geniessen im Kloster einen hohen Stellenwert, Franziskus von Assisi ist auch Schutzpatron der Tiere. Regelmässig finden im Laurenzenbad Segnungen für Tiere statt.

Die Clara-Schwestern sind der weibliche Zweig der Franziskaner. Die Schwestern Mirjam, Johanna und Margareta sind in einfache braune Kutten gekleidet. Gibt es im Kloster auch Geschenke? «Ja, aber schon am Chlaustag», sagt Schwester Mirjam. An Weihnachten sei Jesus das Geschenk. Frau Mutter Mirjam beschenkt. Doch das Klosterleben stellt die Nonnen vor Probleme. Was sollen sie sich denn wünschen? «Ich brauche nichts», sagt Schwester Johanna. Wenn die Schuhe wieder einmal ersetzt werden müssen, mache man das unter dem Jahr. Aber sie hat das Problem elegant gelöst. «Ich habe einen Mantel für meine Dackeldame bekommen», sagt sie. «Und Hausschuhe!», wirft Schwester Mirjam ein. Auch Schwester Margareta hat neue Hausschuhe erhalten. Am 24. stellt Schwester Johanna den Tannenbaum auf und schmückt ihn. Was darf beim klösterlichen Weihnachtsbaum nicht fehlen? «Schokolade», sagt Schwester Margareta.

Zwischen Weihnachten und Neujahr stehen bei den Nonnen viele liturgische Feste auf dem Plan. Das gibt zu tun. Aber zwischendurch geniessen sie auch die Stille. «Schwester Margareta geht allein in die Kapelle und singt», sagt die Frau Mutter Mirjam. «Es ist gut, dass sie dann allein ist», fügt sie an und alle drei lachen. Dem Ende des Kalenderjahres entziehen sich die Schwestern nicht. An Silvester essen sie Lachsbrötli und machen ein Spiel. Vermutlich seien sie vor Mitternacht im Bett. «Wir haben uns auch schon durchgequält», sagt Schwester Johanna. Aber sie können mit dem Anstossen gut auch auf den nächsten Tag warten. Und auch wenn sie draussen auf Spaziergänger treffen, wünschen sie ein gutes neues Jahr. Obwohl das für die drei Clara-Schwestern schon längst begonnen hat.