Aarau
Zum Ausgleich macht Barbara Bossert eine Eskimorolle

Die Berufsflötistin Barbara Bossert tritt mit ihrem Ensemble «tacchi alti» in der Rohrer Kirche auf. Ausgleich zu ihrem Beruf findet Bossert im Kajak.

Heidi Hess
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Barbara Bossert in ihrem Atelier in Aarau Rohr.

Barbara Bossert in ihrem Atelier in Aarau Rohr.

Patricia Schoch

Die Eskimorolle habe sie relativ schnell gelernt, sagt Barbara Bossert. «Es war notwendig, weil ich ein Gfrörli bin.» Wenn sie nämlich Kajak fahre, dann auch im Inn oder im Vorderrhein. Sollte sie im eiskalten Wasser kippen, so verhindere einzig die schnelle Drehung mit der Eskimorolle, dass sie aus dem Kajak steigen und schwimmen müsse. «Im Kajak unterwegs zu sein», sagt Bossert, «das ist ein ganz wichtiger Ausgleich zu meinem Beruf.»
So anders als ihr Hobby erlebt sie ihn nicht: Adrenalinschübe spürt Bossert auch dort, und das Mass an Konzentration und an Druck ist genauso hoch. Nur die Eskimorolle, die muss Bossert als Berufsflötistin nicht beherrschen.
«Wir kannten hier niemanden»
Bis zu acht Stunden täglich übt die Solistin vor Konzerten in ihrem Haus in Rohr. Trainiert Lippenmuskulatur und Fingerfertigkeit, übt neue Stücke, ein neues Programm, so lange, bis es konzertreif ist. Auch gerade jetzt, weil sie mit ihrem Ensemble «tacchi alti» am Sonntag, sozusagen vor ihrer Haustüre, in der reformierten Kirche in Rohr auftritt (kleiner Artikel).
In Rohr hat Bossert das erste Mal an einer Ortsbürgerversammlung Querflöte gespielt. Das war kurz nachdem sie und ihr Freund 2008 in die Gemeinde gezogen waren. «Wir kannten hier niemanden», sagt Barbara Bossert, die in Emmenbrücke aufgewachsen ist. Das aber änderte sich mit dem Beitritt in den Mittelländer Kanu-Club Aarau schnell. Die beiden lernten nicht nur Kajak fahren, sondern auch Leute kennen. Man fragte die Berufsmusikerin, ob sie vor den Ortsbürgen spielen würde. Bossert trat auf. Den Rohrern gefiels. So entstand «Klassik in Rohr». Seither tritt die Flötistin mit «tacchi alti» regelmässig in ihrem Wohnort auf. «Immer im November, bevor der Weihnachtsstress losgeht», sagt sie.
Zu nervös, um Auto zu fahren
Verschiedene Gründe führten das Paar nach Rohr. Zunächst suchten sie eine Stadt, die zentral gelegen und mit dem öffentlichen Verkehr gut erreichbar ist. Zu Konzerten in der ganzen Schweiz fährt Bossert nämlich mit dem Zug. Nicht nur, weil sie vor Auftritten viel zu nervös wäre, um selbst zu fahren, Bossert hat nie Auto fahren gelernt. Die Wahl fiel schliesslich auf Aarau oder Olten.
Anspruchsvoll gestaltete sich auch die Suche nach einem Haus. Jederzeit und stundenlang sollte Bossert üben können. «Nach Möglichkeit mit all meinen Leuten», sagt sie. «Hier geht das perfekt.» Die rothaarige Frau sitzt am grossen Tisch in der Stube. Ruhig ist es in dem Haus eingangs Rohr. Auf der Terrasse miaut eine Katze. Barbara Bossert steht auf, öffnet das Fenster und lässt sie herein.
Als Soloflötistin in São Paulo
Einen Stock tiefer wurde ein geräumiges Atelier angebaut mit Blick ins Grüne. Neben dem Notenständer liegt die Querflöte. Sie glänzt. Nicht silbern, sondern golden. «Als Kind», sagt sie, «faszinierte mich der Glanz dieses Instruments.» Und besonders der Klang. Noch heute denke sie, wenn sie aus dem Orchester die Flöte heraushöre, «das ist das schönste Instrument». Das Mädchen, das keiner Musikerfamilie entstammt, übte gerne, spielte noch lieber gemeinsam mit anderen und ging schliesslich auf die Musikhochschule in Luzern. Als Barbara Bossert im KKL in Luzern ein Stück des zeitgenössischen Komponisten Penderecki für das Solistendiplom spielte, markierte das eine Wende in ihrem Leben. Im Publikum sass nicht nur ihr künftiger Partner, der als Bauingenieur das Konzerthaus des Stararchitekten Jean Nouvel sehen wollte, dabei die Flötistin hörte, mit ihr einen Briefwechsel begann und heute an ihrer Seite lebt. Im Publikum sass auch der Chefdirigent des Sinfonieorchesters von São Paulo. Er lud die Musikerin nach São Paulo ein. Bossert sagt: «Es hätte eine Lebensstelle werden können.» In der brasilianischen Millionenmetropole aber gefiel es ihr nicht. Belastend empfand sie die Unterschiede zwischen Arm und Reich. Nach einem halben Jahr kehrte sie der Stadt den Rücken und kam zurück in die Schweiz.
Seither lebt sie von Auftritten in Deutschland, oder in der Ukraine, in Marokko, Südafrika oder Australien. Und am nächsten Sonntag hört man sie mit «tacchi alti» im Stadtteil Rohr.