KONRAD. Mehr steht da nicht, auf dem schwarzen Papier, nur Konrad, ganz oben im Eck, das N verkehrt, der Name ist eingerahmt. Gemalt in drei Farben. Blau, Gelb, Rot, die Grundfarben. Es ist das älteste Werk, das im Gewölbekeller der Neuen Galerie 6 an der Wand lehnt. Rund 70 Jahre alt, vielleicht der Umschlag eines Schulheftes. Blau, Gelb, Rot. Farben, die auch in anderen Bildern auftauchen, Jahre später. Aber völlig unbewusst, rein zufällig, beteuert Konrad Oehler. Es ist wohl auch Zufall, dass Oehlers klare, schlichte Werke so gut zu den schwarzen Skulpturen von Herbert Niederreuther passen.

Zufälle prägen beide Geschichten. Konrad Oehler und Herbert Niederreuther, beide längst über 70 Jahre alt. Oehler, der Ur-Aarauer, der Architekt, der Jazzmusiker, Auswanderer und Wiederkehrer, der heute in Brunnen wohnt. Und Niederreuther, der Einwanderer, der Schuhdesigner, der Weltenbummler aus Lostorf. Zwei, die sich seit einer halben Ewigkeit kennen. Und zwei, die jetzt erstmals in der Galerie von Carlo Mettauer und in der Micro Galerie im Maggs am Graben ausstellen.

Gemeinsame Wurzeln

Einen Oehler muss man in Aarau nicht vorstellen. Und auch nicht da, wo Herbert Niederreuther ursprünglich herkommt, in Frankfurt am Main. Von da stammt der Urvater der Aarauer Oehler, Karl Reinhard Oehler, der 1820 nach Aarau kam. Dessen Enkel Alfred gründete 1881 in Wildegg eine mechanische Werkstätte, aus der die Eisen- und Stahlwerke Oehler & Co. AG mit Sitz im Aarauer Torfeld Süd hervorging. Zuletzt wurde sie von Konrads Vater Kurt Oehler geführt (bis 1969). Auf dem Fabrikareal der Chemischen Fabrik der Oehler in Frankfurt wiederum schoss der junge Herbert Niederreuther jeweils mit seinem Schlitten den Hang hinunter. Zufälle gibt es.

Getroffen haben sich Oehler und Niederreuther irgendwann im besten Alter, zwischen zwanzig und dreissig. In Aarau. Bis hierhin war Niederreuther mit seiner Vespa geknattert, um in der hiesigen Schuhindustrie als Designer zu arbeiten. Das tat er auch, erst für Fretz, später für Bally. Für das damals wichtigste und grösste Schuhaus mit weltweit knapp 600 Geschäften verbrachte Niederreuther in den Sechzigerjahren unter anderem acht Jahre in Paris, wo er die High-Fashion-Damenschuh-Kollektionen entwarf. Es folgten Stationen in Italien und Spanien. Niederreuther blieb dem Unternehmen treu, bis die Firma verkauft und die Produktion in Schönenwerd 2000 eingestellt wurde.

Nur die Leiste ist geblieben

Von Niederreuthers einstigem Schaffen als Schuhdesigner zeugt ein Stück in der Ausstellung (zu sehen im Maggs), das kleinste und feinste: eine hölzerne Leiste. Nicht irgendeine, sondern die, um die er in Paris einen Schuh aus allerfeinster St. Galler Schläpfer-Seide drapierte, champagnerfarbene Seide, der Meterpreis bei weit über 2000 Franken, mit eingearbeiteten weissen Rosen – und damit den ersten Preis einer Design-Ausstellung gewann. «Den Schuh habe ich nicht mehr zurückbekommen», sagt er und lächelt.

Geblieben ist ihm nur die Leiste, aber auch das ist sinnbildlich. «Ich war bei den Leistenmachern gefürchtet, weil ich aus ihrer Sicht unmögliche Ideen hatte.» Also nahm er die Raspel in die Hand, schuf seine Formen selbst. «Da habe ich das Gefühl für Dreidimensionalität bekommen.» Und das hallt bis heute nach, nun eben in Form von Glatzköpfen. Inspiriert dazu hätten ihn Männer auf Flughäfen, sagt Niederreuther.

In die Ferne gezogen hat es auch Konrad Oehler. 2001 wanderte er nach Thailand aus, nach 30 Jahren als Architekt in Aarau. «Nicht aus Frust, sondern aus Freude, dort etwas anderes zu tun», sagt er. Geplant hatte er ursprünglich, in Bangkok einen Ableger der Neuen Galerie 6 zu eröffnen. Denn in Aarau hatte er die Galerie davor sieben Jahre lang gemeinsam mit Mettauer geführt. Doch daraus wurde nichts, schlussendlich dozierte Oehler zehn Jahre lang an der Bangkoker Uni über Architektur. Und da stellte er 2001 auch zum ersten und bislang einzigen Mal aus – gemeinsam mit der Cousine des thailändischen Königs, Noë Yugala.

Nicht aus den Augen verloren

Wie es dazu kam? Oehler lächelt. Eine Jugendliebe war es zu Beginn, am Pistenrand in Lenk, sie eine thailändische Studentin, die in Genf wohnte, beide noch keine zwanzig. 40 Jahre später erinnerte sich Oehler in Bangkok an die thailändische Bekanntschaft und versuchte, sie ausfindig zu machen. Ein Privatdetektiv fand sie schliesslich. In Genf, wo sie als Zeichnungslehrerin arbeitete. Die beiden trafen sich, blätterten in den alten Fotoaufnahmen von damals, und da erkannte Oehler auf einem der Fotos die Mutter des Königs, die ihren Arm um Noë gelegt hatte. «Ich wusste davor nicht, dass sie dem thailändischen Königshaus angehört», sagt er. Doch nicht nur das. In Bangkok stellte sich heraus, dass Oehler just das Haus gemietet hatte, in dem Noë zur Schule gegangen war. Zufälle gibt es.

Bei der Vernissage in Bangkok war nicht nur die Tochter des Königs anwesend, auch der Schweizer Botschafter und der langjährige Freund aus Aarau, Carlo Mettauer, der eine Grussbotschaft von Landammann Kurt Wernli überbrachte. Ein zweiter Freund fehlte, hatte Konrad Oehler aber über all die Jahre immer wieder besucht: Herbert Niederreuther.

Und jetzt hat Mettauer beide für eine Ausstellung gewinnen können. Niederreuther, den publikumsscheuen Künstler, der bislang noch nie ausgestellt hat. Und Oehler, der sich nicht so recht als Künstler sieht («das ist eine Auseinandersetzung mit meinem Schaffen als Architekt, mit der Kunst allgemein und mit meinem Leben»). Aber passen tun die Werke zusammen, als wären sie füreinander geschaffen worden. «Die Werke ergänzen sich wunderbar», sagt Mettauer.

Zufälle gibt es.

Konrad Oehler und Herbert Niederreuther, Neue Galerie 6 (Milchgasse 35) und Micro Galerie im Maggs (Graben 33), vom 24. November bis 22. Dezember. Vernissage am 24. November um 16 Uhr im Maggs, 17.30 Uhr in der Neuen Galerie 6