Aarau

Zu viele Flüchtlinge beim Bahnhof Aarau: Eritreer gründet als Alternative einen Treffpunkt

Freitagabend im Vereinslokal von Feki an der Schönenwerderstrasse: Henok Kiflom (Mitte) serviert jungen Flüchtlingen Getränke.

Freitagabend im Vereinslokal von Feki an der Schönenwerderstrasse: Henok Kiflom (Mitte) serviert jungen Flüchtlingen Getränke.

«Die vielen Flüchtlinge am Bahnhof Aarau werfen ein schlechtes Bild auf uns alle», sagt Henok Kiflom. Der 32-jährige Eritreer will Flüchtlingen deshalb eine Alternative zum Bahnhof bieten und hat dafür einen eigenen Treffpunkt eröffnet.

Sie stehen an den Eingängen vom Bahnhof, lehnen mit Handy an Wänden und Geländer. Die Flüchtlinge, viele aus Eritrea, fallen auf am Bahnhof Aarau – noch mehr, seit 2013 das Schwesternhaus des Kantonsspitals zur Asylunterkunft wurde und Ende 2015 auch in der Geschützten Operationsstelle (Gops) des Spitals Asylbewerber einzogen.

Vor allem im Untergrund der Gops ist das Leben nicht einfach. «Wir sind draussen aufgewachsen und es gewohnt, draussen zu sein», sagt ein junger Eritreer aus Aarau. Der Bahnhof sei deshalb ein beliebter Treffpunkt. Dort sind Flüchtlinge aber oft nicht gerne gesehen. «Jeden Abend das gleiche Bild, überall kräftige Jünglinge», macht ein Pendler im Internet seinem Ärger Luft.

Google Maps: Schönenwerderstrasse 40 Aarau

Bei den SBB als Eigentümerin des Bahnhofes gibt es laut Sprecher Reto Schärli keine Beschwerden von Pendlern. Das heisst nicht, dass es keine Zwischenfälle gibt: Alkoholkonsum und Auseinandersetzungen schaden dem Ruf der Flüchtlinge am Bahnhof.

«Vor allem im Sommer gibt es um die Asylunterkünfte die eine oder andere Prügelei unter Betrunkenen», sagt Bernhard Graser, Sprecher der Kantonspolizei. Vielfach seien Eritreer beteiligt. «Der Bahnhof ist ein polizeilicher Hotspot.» Dies nicht nur wegen der Asylbewerber und der Randständigen, die sich hier aufhalten. «Ein stark frequentierter Bahnhof steht naturgemäss im Fokus polizeilicher Kontrollen.»

Jeden Tag geöffnet

Auch Henok Kiflom hat viele Stunden am Aarauer Bahnhof verbracht. Der 32-jährige Eritreer war 2008 in die Schweiz geflüchtet und hat geschafft, wovon viele träumen: Er bekam Asyl, fand Arbeit, gründete mit einer Schweizerin eine Familie und hat zwei Mädchen.

Jetzt will Henok Kiflom anderen Flüchtlingen helfen und setzt dafür alles auf eine Karte: An der Schönenwerderstrasse 40 hat er mit Freunden einen Treffpunkt mit Bar, Tischen, Billard und Terrasse eingerichtet. Hier können sich Flüchtlinge treffen und sich im Büro bei administrativen Fragen beraten lassen.

Regelmässig finden Vorträge zu Themen wie Beschneidung, Krankenkasse oder Budgetberatung statt. Und es gibt Computer. «Wer als Flüchtling in der Schweiz lebt, hat viele Probleme und braucht Hilfe», sagt Henok Kiflom.

Der Eritreer hat mit diesem Angebot den Verein Feki, den er 2013 mit Landsleuten und Schweizern an der Küttigerstrasse gegründet hatte, stark ausgebaut: Früher war dieser nur ein Treffpunkt, der dreimal wöchentlich geöffnet hatte. Das neue Vereinslokal mit Treffpunkt ist täglich offen. «Das bietet im Aargau keine andere Anlaufstelle für Flüchtlinge und ist ein Bedürfnis», so Henok Kiflom, der fast täglich im Treffpunkt anwesend ist.

Fussball-Team für Asylbewerber

Ein Besuch an einem Freitagabend zeigt: Der Treffpunkt hat sich herumgesprochen, 30 Jugendliche und Männer sitzen an Bar und Tischen, spielen Billard oder stehen rauchend auf der Terrasse. Die meisten Gäste an diesem Abend sind laut Henok Kiflom anerkannte Flüchtlinge aus der Region Aarau.

«Etwa die Hälfte kommt regelmässig, die meisten sind Eritreer.» Henok Kilfom und seine Freunde wollen mit ihrem Treffpunkt jedoch auch andere Nationalitäten ansprechen. Und Flüchtlinge im laufenden Asylverfahren, vor allem Asylbewerber in den Unterkünften um den Bahnhof Aarau.

«Die vielen Flüchtlinge am Bahnhof sind in der Öffentlichkeit ein grosses Thema und werfen ein schlechtes Bild auf uns alle», sagt Henok Kiflom. «Wir wollen, dass sich die Situation entspannt.» Der Verein Feki will mit dem Treffpunkt eine Alternative bieten. Und Aktivitäten: Ein Fussball-Team steht vor der Gründung. Flüchtlinge zu erreichen, ist aber schwierig. Die Zeiten, als man sich unter Flüchtlingen in Aarau kannte, sind vorbei.

«Wir wollen keine Spenden»

Wie finanziert Feki diese Angebote? Derzeit noch aus Spenden und Krediten. Doch das reicht nicht. Henok Kiflom und sein Team brauchen Geld. «Wir wollen jedoch keine Spenden», sagt der Eritreer. «Wir wollen für das Geld arbeiten.»

Der Verein plane deshalb Dienstleistungen wie Zügelservice und Reinigungsarbeiten. Diese Einnahmen will Feki in weitere Projekte investieren: Der Verein will Mikrokredite vergeben, um die Integration zu fördern. Für Deutschkurse etwa, oder Weiterbildungen. Und man möchte eine Wohnbegleitung für anerkannte Flüchtlinge einführen.

Das sind sehr viele Ideen. Doch diese Hilfe braucht es, ist Henok Kiflom überzeugt. Er spricht aus Erfahrung, wenn er sagt: «Wer nicht gut integriert ist, hat hier keine Chance.»

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