Region
Zu viel Hitze, zu wenig Regen: Pilzliebhaber gehen leer aus

Steinpilze, Eierschwämme und Röhrlinge aus der Region: Davon können Pilzsammler in diesem Jahr bisher nur träumen. Schuld ist der Hitzesommer. Die Hoffnung wollen sie aber noch nicht ganz aufgeben.

Marina Bertoldi
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Ein seltener Anblick: Pilze wie dieser Schirmling wachsen dieses Jahr fast nicht.

Ein seltener Anblick: Pilze wie dieser Schirmling wachsen dieses Jahr fast nicht.

ZVG

Pilze gehören zum Herbst wie Fallobst und buntes Laub. Doch wo sie normalerweise zahlreich aus dem Boden schiessen, bleibt der Waldboden derzeit kahl. Die Pilzsaison 2015 ist zum Vergessen.

Grund ist das Wetter. «Ein Pilz braucht idealerweise einen warmen und regnerischen Sommer», erklärt Pilzkontrolleur Peter Schär aus Auenstein. Weil es im Sommer praktisch nicht geregnet habe, sei der Waldboden im Mittelland regelrecht ausgetrocknet. Deshalb gibt es dieses Jahr fast keine Pilze. An den Bäumen würden sie zwar wachsen, da das Holz Wasser länger speichern kann, doch die meisten davon seien ungeniessbar.

Steinpilze und Co. leben in Beziehung

Pilze bilden neben den Pflanzen und Tieren ein eigenes Reich und werden in drei Untergruppen unterteilt.
- Destruenten: Sie sind auf totes organisches Material angewiesen und bauen Laub und gefällte Baumstämme ab. Zu den Destruenten gehören unter anderem Champignons und Schimmelpilze.
- Parasiten: Sie befallen lebendige Pflanzen, können Krankheiten hervorrufen und zum Absterben einer Pflanze führen.
- Mykorrhiza: Sie leben in Symbiose mit einer Pflanze, erhalten Nährstoffe und geben Mineralien ab. Es gibt Pilze, die mit mehreren Pflanzen in Verbindung treten können, andere wie der Goldröhrling gehen nur mit einer Pflanze (hier der Europäischen Lärche) eine Symbiose ein. Vertreter der Mykorrhizapilze sind Steinpilze, Eierschwämme und die meisten Röhrlinge. Forscher gehen davon aus, dass 80 Prozent der Pflanzen weltweit in Symbiose mit einem Mykorrhizapilz leben.

Um solche Pilze von essbaren unterscheiden zu können, braucht es fundiertes Wissen und viel Erfahrung. Am Montag fand deshalb eine kantonale Weiterbildung für Pilzkontrolleure in der Waldhütte Niederlenz statt. Bei den Pilz-Kennern ist die schlechte Pilzsaison Thema Nummer eins.

«Der Pilzverein Mellingen musste dieses Jahr sogar das Pilzessen absagen», erzählt die ehemalige Pilzkontrolleurin Angela Meier. Man macht den Hitzesommer für die magere Saison verantwortlich. «Ausserdem trocknet der Wind den Boden zusätzlich aus», fügt Angela Meier an. Die Situation erinnere sie an das Jahr 2003. «Da war der Sommer auch heiss und trocken.» Ein Kollege klinkt sich ein: Er habe dieses Jahr sogar noch weniger Pilze gefunden als 2003.

Die Saison sei ja noch nicht vorbei, sagt Josef Keller, Pilzkontrolleur aus Untersiggenthal. Doch auch er spüre die Folgen des trockenen Wetters. «Seit Anfang August habe ich nur etwa vier Pilzkontrollen durchgeführt.» Dass sich die Pilze dieses Jahr lediglich verspäten, bezweifelt er.

«Wir rechneten schwer damit, dass die Pilze noch kommen. Aber wenn das Wetter so weitermacht, gibt das eine Nullrunde.» Ausserdem könne man ab Mitte Oktober mit den ersten Reifen rechnen. «Sie läuten das Ende der Pilzsaison ein.» Danach würden nur noch einige Winterpilze wachsen.

Zu wenig Regen für Waldboden

Vor allem der Eierschwamm habe sich rar gemacht. «An gewissen Stellen gibt es normalerweise viele Eierschwämme, doch dieses Jahr fanden wir viel weniger.»

Auf Feldern und Wiesen herrscht ein anderes Bild. Der Wiesenchampignon komme in Massen vor. «Das ist jedes Mal so, wenn es lange trocken war und dann regnet», erklärt Peter Schär. Im Gegensatz zu den Pilzen im Wald könne der Wiesenchampignon auch von kurzen Regenschauern profitieren. «Eine Wiese kann Wasser schnell aufnehmen.» Im Wald hingegen würden die Bäume und das Laub das Wasser daran hindern, im Boden zu versickern.

Keine langfristigen Folgen

Auf die folgenden Pilzernten wird die schlechte Saison keinen Einfluss haben. «Ein Pilz ist ein unterirdisches Geflecht. Was man sammelt, ist lediglich der Pilzfruchtkörper», sagt Angela Meier. Wegen des Trockenjahres würden die Pilze noch lange nicht absterben.

Für Pilzliebhaber ist die Sache dennoch verheerend. Sie müssen dieses Jahr auf Steinpilze, Eierschwämme und Röhrlinge aus der Region verzichten. Diese Pilze gehören zu den sogenannten Mykorrhizapilzen. Das heisst sie leben in Symbiose mit einem Baum. «Deshalb kann man sie nicht züchten», sagt Angela Meier.

Im Niederlenzer Wald haben die Pilzkontrolleure trotz allem genügend Pilze für ihre Weiterbildung gefunden. «Es waren viele Leute unterwegs. Ausserdem wussten wir, wo suchen», sagt Josef Keller. Wenn man genug lang suche, finde man immer etwas. Sollte sich die Situation nicht mehr verändern, bleibe ausserdem immer noch die Möglichkeit, an anderen Orten der Schweiz nach Pilzen zu suchen. In den Bergen zum Beispiel würden mehr Pilze wachsen als im Mittelland.