Aarau
Zeitzeugen: Bei Valli stehen zehn alte Dampfwalzen in der Garage

Das Dampfwalzenteam unterhält die Maschinen, die beim Aarauer Strassenbauunternehmen gelagert werden. Es sind alle Walzen, die das Unternehmen je erworben hat.

Katja Schlegel
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Dampfwalzen Valli
15 Bilder
Diese drei Walzen warten auf dem Werkhof der Firma Valli noch auf ihre Restaurierung.
Das Dampfwalzenteam Aarau am letzten Samstag: Martin Frey, Dani Brack, Heiri Heller und Peter Studer (v. l.).
Martin Frey verteilt Öl.
Heiri Heller hat fast 40 Jahre für Valli gearbeitet.
Kurz vor der ersten Fahrt: Martin Frey auf der «Claudia».
Martin Frey pfeift seinen eigenen Pfiff: lang-kurz-kurz
Inspektor Rémy Weiersmüller prüft den Kesseldruck.
Mit Föhrenholz dampft es besonders schön.
Dani Brack schräubelt an der «Patina».
Die Walzen 1949 beim Belastungstest auf der Kettenbrücke. Bild: zvg
Die stolzen Arbeiter begleiten «Claudia» zum Belastungstest.
Die Walzen dampften dabei durch Aarau.
Die Walzen beim Belastungstest der Kettenbrücke.
So präsentierte sich der Belastungstest aus der Luft.

Dampfwalzen Valli

Katja Schlegel

Da kommt sie. Die Nummer 13, Claudia. Die alte Dame mit Jahrgang 1934, 15 Tonnen schwer. Langsam zieht der Stapler das adrette Schwergewicht rückwärts aus der Garage. Kaum ein Laut ist zu hören. Nur ein feines Klimpern beim Zermalmen von Kieseln, wie ein Windspiel im Durchzug.

Es ist noch kaum recht Tag, grau liegt der Himmel über dem Werkhof der Firma Valli AG Strassenbau in Buchs, die Finger sind klamm. Doch wer Dampfwalzen laufen lassen will, muss früh aus den Federn. Denn das braucht Zeit.

Es ist das erste Mal dieses Jahr, dass das Dampfwalzenteam Aarau eine seiner zehn Walzen einfeuert. An diesem Morgen sind es Martin Frey, Peter Studer, Heiri Heller und Dani Brack, die sich um die alte Claudia kümmern. Auch ein Inspektor ist da, Rémy Weiersmüller. Er wird kontrollieren, ob im Kessel von Nummer 13 alles in Ordnung ist.

Valli besitzt noch alle je gekauften Dampfwalzen

Die zehn Walzen sind nicht nur der Stolz des Dampfwalzenteams. Sondern auch der von Inhaber und Geschäftsführer Andrea Valli, der das Unternehmen in vierter Generation führt. Valli ist vermutlich die einzige Strassenbaufirma weltweit, die noch alle je gekauften Dampfwalzen besitzt.

Alle haben sie Jahrgänge zwischen 1928 und 1934, sechs sind voll fahrtauglich, eine müsste geprüft werden und drei warten noch auf die Restauration. Im Bauch von Claudia plätschert es. Vor dem Einfeuern braucht sie Wasser, zwischen 500 und 700 Liter. Ein erster kritischer Moment. Ist alles dicht? Ist es. Das Anfeuern kann beginnen. Scheit für Scheit rumpelt in die Feuerbüchse.

Dann heisst es Ölen, Inspizieren, Nachlegen, Warten, Nachlegen, Warten. Langsam wird Claudias Bauch lauwarm, das hilft gegen die klammen Finger. Zwei Stunden dauert es, bis eine Dampfwalze die Betriebstemperatur von 180 Grad Celsius erreicht hat. Ein zu rasches Aufheizen könnte dem Material schaden.

«Diese Maschinen brauchen viel Öl für die uralte Verlustschmierung – und Liebe», sagt Dani Brack und tätschelt das Gusseisen beinah liebevoll. «Und Zeit. Neunzigjährige Damen plagt man nicht.»

Die Walzen tragen nicht irgendwelche Namen. Claudia, Olga, Maja, Laura, Alina, Roana; das sind die Namen der Valli-Töchter aus vier Generationen. Nicht nur die sechs betriebstauglichen Walzen sind getauft, auch die siebte, noch nicht kontrollierte. Sie tanzt aus der Reihe: Patina.

Bis 1500 Arbeitsstunden nötig für die Renovation einer Walze

Ihr Name ist Programm. Anders als die anderen sechs wurde an ihrem Äusseren nichts verändert. Nichts geputzt, nichts lackiert. «Sie sieht noch immer so aus, wie wir sie vor zwei Jahren und nach 60 Jahren Stillstand aus dem Schopf geholt haben», sagt Martin Frey. 1000 bis 1500 Stunden dauert es, eine Walze zu neuem Leben zu erwecken.

Arbeit, die das Team unentgeltlich leistet. Sein grosses Glück: Das Ersatzteillager wurde nie geräumt. Selbst die gestempelten Briketts, mit denen jeweils die Hitze über Nacht gehalten wurde, sind noch vorhanden.

Nach zwei Stunden ist Claudia warm genug, sie schnaubt und faucht, es dampft weiss. Und dann beginnt sich alles zu bewegen, es schiebt und wellt, schwingt und pendelt, an den Ventilen knistern Wasserblasen. Nur die Wasserpumpe will nicht recht, Mechaniker Brack muss improvisieren: «Würde alles funktionieren, wäre es uninteressant», ruft er durch das Gezische.

Auf der Kettenbrücke standen sechs Walzen

Peter Studer steht daneben und erklärt das Innenleben, spricht von Ventilen und Schiebern, von Siederohren und Zylindern, von Kolben und Überdruckventilen. Sie quillt aus jedem Satz, seine Faszination für die Maschinen. 17 Jahre lang fuhr der gelernte Elektromonteur die Dampflok durch das Baumschulgelände von Zulauf in Schinznach-Dorf und acht Jahre lang die Diesellok.

Und dann ist da noch die Erinnerung aus Kindertagen: Die Belastungsprobe der neuen Kettenbrücke anno 1949, als sechs Walzen auf die Brücke fuhren. Die Brücke hielt, eine der Walzen nicht. Ein Joch brach, die Walze musste abgeschleppt werden. Es war die Nummer 13, Claudia.

Von den Valli-Walzen war nur eine lange in Betrieb. Der letzte Dampfwalzenfahrer, Hansruedi Bienz, starb 2009. Er hatte den Tellirain, das SBB-Trassee am Bahnhof Aarau, das Containerterminal in Aarau oder den Radweg Villmergen–Meisterschwanden gewalzt.

Nach Bienz’ Tod sank auch die letzte Walze in einen Dornröschenschlaf, bis Dani Brack und Martin Frey sich fanden. «Dani hatte bereits Hansruedi Bienz geholfen und kannte die Maschinen», sagt Frey. Die beiden Männer beschlossen, sich wieder um die Walzen zu kümmern. Das war vor rund zehn Jahren.

Der grosse Traum von Andrea Valli

Plötzlich pfeift es. Lang, kurz, kurz. Martin Frey steht auf der Nummer 13, lang-kurz-kurz, das ist sein Pfeifton. Es ist Zeit für eine Spritztour – wobei, nein. Spritzigkeit ist nicht die Stärke einer Dampfwalze. Höchstgeschwindigkeit sind vier Stundenkilometer. «Uns überholt sogar ein Schmetterling», sagt Frey und lacht. Dann ruckelt und pfupft es, die 15 Tonnen rollen los

Ob die zehn Walzen noch lange bei Valli in der Garage stehen, ist offen. Nicht nur, weil das Dampfwalzenteam dringend um Nachwuchs froh wäre. «Wir haben hier einen Schatz stehen, von dem kaum jemand weiss», sagt Andrea Valli. Ab und zu werden sie für eine Hochzeit gebucht, mal für einen Geburtstag.

Doch das ist selten. «Die Walzen sollten eigentlich in die Öffentlichkeit und den Leuten Freude machen.» Nicht auf Sockeln, sondern als Fahrzeuge. Vallis grosser Traum: die Wiederholung der Belastungsprobe des Brückenneubaus 2021. Sechs Dampfwalzen in ihrer ganzen Pracht. So wie vor genau 70 Jahren. «Das wäre die Krönung», sagt er. Und wahrscheinlich auch die letzte Gelegenheit, dass sich sechs Männer finden lassen, die noch wissen, wie man mit einer solchen Maschine fährt.