Meyerstollen
Zeitreise unter dem Aarauer Bahnhof

29 Minuten nach Zürich, 38 Minuten nach Bern, 219 Jahre in die Vergangenheit: Das neue Aarauer Bahnhofsgebäude eröffnet Reisenden eine weitere Dimension.

Florian Müller
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Historiker

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Emanuel Freudiger

Die Stadt Aarau ist um eine Attraktion reicher: Der Aufschluss Meyerstollen unter dem neuen Bahnhofsgebäude bietet Besuchern Einblick in die frühindustrielle Vergangenheit. Am Bahnhofsfest vom Freitag und Samstag wurde der Zugang zu einem Teil des Stollensystems von Johann Rudolf Meyer offiziell eröffnet - umrahmt von einem attraktiven Programm mit Film, Tanz, Musik und mehr. In halbstündigen Blitzführungen durften Interessierte ein erstes Mal abtauchen in die geheimnisvolle Welt unter Tage.

Der so genannte Aufschluss zu den Meyerstollen - Aufschluss ist ein geologischer Begriff und bezeichnet eine Stelle mit sichtbarem Gesteinsuntergrund - liegt im dritten Untergeschoss des Bahnhofs, das bequem per Lift oder Treppenhaus erreichbar ist. Der Raum, der vom Stadtmuseum Schlössli betrieben wird, ist städtisches Eigentum. Geöffnet sind die Stollen vorerst ein bis zwei Mal pro Monat sowie auf Anfrage.

Das kleine Museum kombiniert neuste historische Fakten mit sinnlicher Erfahrung. Die zwei zugänglichen Stollen erlauben es dem Besucher, feuchte Stollenluft zu schnuppern: eine Zeitreise zurück ins Ende des 18. Jahrhunderts, als Meyer die ersten unterirdischen Gänge anlegte. Stimmen, die aus dem Fels zu kommen scheinen, erzählen Mythen und Legenden über die sagenumwobene Person Rudolf Meyer. Dazu liefert ein bewusst dunkel gehaltener Museumsraum die historischen Fakten.

Marc Griesshammer forschte während fast dreier Jahre intensiv über das von 1791 bis 1881 in Etappen angelegte Stollensystem, das eine Länge von insgesamt 1700 Metern aufweist: «Die Schwierigkeit war, dass fast keine Primärquellen der Familie Meyer vorliegen», erklärt der Kurator der Ausstellung. Obwohl es sich um die damals reichste Familie Aaraus handelt, hinterliess diese praktisch keine Dokumente. Über Umwege gelangte der in Lenzburg aufgewachsene Historiker dennoch zum Ziel: Briefwechsel mit Familienfreunden, Prozessakten und weitere Dokumente aus Archiven in Aarau und Bern lieferten die nötigen Informationen.

«Unspektakuläre Historikerbüez» nennt Griesshammer seine archivlastige Forschungsarbeit. Das Resultat ist aber alles andere als unspektakulär: Er zeichnet ein abgerundetes Geschichtsbild des speziellen Bauwerks und korrigiert damit einige falsche historische Schlüsse.

Entgegen der gängigen Annahme befand sich in Meyers Fabrik keine mechanische Seidenbandweberei, denn diese Entwicklung hielt in der Schweiz erst später Einzug. Hauptzweck des Stollensystems war, frisches und sauberes Wasser für die Färberei und Veredlerei zu gewinnen und gleichzeitig ein grosses sumpfiges Grundstück zu entwässern. Erst in einer zweiten Etappe ab 1807 wurde ein unterirdisches, 9.5 Meter (!) hohes Wasserrad zur Energiegewinnung genutzt. 1982 wurde dieser Antriebsstollen dem Annexbau des Postgebäudes geopfert - nicht auszudenken, welche Attraktion er heute darstellen würde.

Trotzdem, mehr als 200 Jahre später bleibt uns «immerhin» das unglaubliche Stollensystem erhalten, das nun am Bahnhof Aarau teilweise begehbar ist: Man kann weiterhin ab Aarau bequem nach Zürich oder Bern reisen - und neuerdings auch in die Vergangenheit.