Aarau
Zeitlupentempo war gestern – Orchesterverein zeigt, wie viel professioneller er geworden ist

Im aktuellen Programm gedenkt der Orchesterverein seinem Gründer Fröhlich, er spielt dessen hörenswerte Ouvertüre Es-Dur (1835). Zu Fröhlich und Tamás kommen zwei innige Stücke von Antonín Dvorák.

Sibylle Ehrismann
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David Schwarb dirigiert nicht nur den Orchesterverein Aarau, sondern auch den in Rüti ZH.

David Schwarb dirigiert nicht nur den Orchesterverein Aarau, sondern auch den in Rüti ZH.

zvg

Mit ihm hat einst alles angefangen. Der Orchesterverein Aarau hat als erstes Orchester im Aargau einem Berufsmusiker und Komponisten wie Friedrich Theodor Fröhlich (1803–1836) die Möglichkeit verschafft, neben dem Unterrichten auch Musik zu machen und die eigenen Orchesterwerke aufzuführen. Im aktuellen Programm gedenkt der Orchesterverein seinem Gründer Fröhlich, er spielt dessen hörenswerte Ouvertüre Es-Dur (1835).

Und tatsächlich, gerade für Komponisten aus der Region sollte sich dieses Orchester, das aus engagierten Laienmusikerinnen und –musikern besteht, als Segen erweisen. So wurde der Orchesterverein stark geprägt von János Tamás (1936–1995), der als Klavierlehrer an der Alten Kanti auch komponierte und den Orchesterverein über 32 Jahre lang als beliebter und pädagogisch versierter Dirigent leitete.

Der aktuelle Dirigent David Schwarb hat János Tamás gut gekannt: «Ich habe ihm mein Initialerlebnis fürs Dirigieren zu verdanken. Ich besuchte 1995 einen Sommerkurs für Dirigieren in Adelboden, den er leitete. Tamás lebte die Musik mit jeder Faser, das begeisterte mich sehr.» Nun dirigiert Schwarb ein Jugendwerk von Tamás, das Stück «Poema» für Violine und Streicher, welches dieser als 16-jähriger Ungarnflüchtling 1956 in die Schweiz mitbrachte. Es ist intime Musik einer hoch empfindsamen Künstlerseele.

Früher vom Tempo überrumpelt

Gespielt wird «Poema» von der jungen Geigerin Orsolya Sepsi, die wie Tamás aus einer ungarischen Musikerfamilie stammt. Aufgewachsen ist sie zwar in Rumänien, dann kam Sepsi aber für ihr Musikstudium nach Basel und setzte Schwerpunkte in zeitgenössischer Musik und in alter Musik auf Barockgeige. Beim Orchesterverein kennt man sie schon, weil sie die Konzertmeisterin Daniela Mathieu während ihres Mutterschaftsurlaubs vertreten hat.

Seit der Zeit von Tamás hat sich viel verändert. Helene Dietrich spielt schon 35 Jahre im OVA und hat den Wandel miterlebt: «Das Orchester ist ‹professioneller› geworden. Mit Janós Tamás haben wir schwierige Stellen noch im Zeitlupentempo eingeübt und sind dann oft am Konzert vom erwünschten Tempo überrumpelt worden. Jetzt wird ein Üben dieser schwierigen Passagen zuhause erwartet und oft schon im Originaltempo an Aussage und Charakter der Werke gearbeitet.»

Das November-Konzertprogramm ist raffiniert. Zu Fröhlich und Tamás kommen zwei innige Stücke von Antonín Dvorák: die Romanze für Violine und Orchester f-Moll, und die Tschechische Suite D-Dur. «Unser Dirigent stellt stets interessante Konzertprogramme zusammen,» meint die OVA-Geigerin Monika Bialek auf die Frage, weshalb sie in diesem Orchester gerne mitspiele. «Und er kann uns mit seiner Begeisterung und guten Erklärungen die Musik näher bringen.»

Er stellt Radiomusik zusammen

Hauptberuflich ist der Dirigent David Schwarb Musikredaktor bei Radio SRF Kultur. Was ist seine Motivation, daneben gleich zwei Liebhaberorchester zu dirigieren – er leitet seit 2017 auch den Orchesterverein Rüti ZH? «Ich bin ein Musikfreak durch und durch,» so Schwarb. «Beim Radio programmiere ich verschiedene Musiksendungen. Es ist mir aber wichtig, auch aktiv Musik zu machen, am liebsten mit anderen Musikern.»

Feste Laien-Bläser bewähren sich

Ein Stück des OVA-Programms blieb noch unerwähnt, es ist ein reines Bläserstück: «Iskia samaisi» aus André Caplets Suite «Persane». Die Bläser sind nämlich neuerdings nicht mehr Profi-Zuzüger, sondern ebenfalls Mitglieder des OVA, so wie die Streicher.

Schwarb hat diesen internen Umbau vollzogen: «Wir haben jetzt einige feste Laien-Bläser bei uns, das bewährt sich. Nun haben wir nur noch drei professionelle Stimmführer: für Violine, Cello und Oboe. Sie leiten jeweils die Registerproben.»

Köbi Knüsel ist einer dieser neuen «festen» Bläser und spielt Fagott. Was hat ihn motiviert, beim Orchesterverein mitzuspielen? «Es ist toll, grosse Orchesterwerke aufführen zu können und dabei gefordert zu werden. Nebst dem Üben zuhause im stillen Kämmerlein möchte ich auch mit anderen zusammen musizieren können.» Die Freude am Zusammenspiel und am grossen Klang überträgt sich in den Konzerten des Orchestervereins auch auf das Publikum.

Konzert Orchesterverein Aarau Kultur & Kongresshaus, Samstag, 24. November, 20 Uhr. Vorverkauf: Buchhandlung Orell Füssli Wirz