Am 27. Dezember 2017, kurz nach 20 Uhr fuhr ein 43-jähriger Schweizer in Aarau auf der Rohrerstrasse in Richtung Buchs. Nach der leichten Rechtskurve, die auf die Garage Häusermann folgt, befindet sich ein Fussgängerstreifen. Dort kollidierte der Mercedes des kaufmännischen Angestellten mit einem 34-jährigen Fussgänger, der dabei schwere Verletzungen erlitt und ins Spital gebracht werden musste.

In der damals von der Kantonspolizei verbreiteten Medienmitteilung hiess es, der Fussgänger habe die Strasse «mit einem Kickboard» überquert. Im Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau ist vom Kickboard, einer Art Trottinett, nicht die Rede.

Für Kenad Melunovic, den Verteidiger des Autofahrers vor dem Bezirksgericht Aarau, spielte dieses aber eine wichtige Rolle – oder vielmehr die Frage, ob der Fussgänger seinen Untersatz in der Hand trug oder ob er die Strasse fahrend überquerte. Im ersten Fall, so seine Überlegung, würde die Haftungsquote für seinen Mandanten 100 Prozent betragen, im zweiten Fall – bei einer Mitschuld des Kickboarders – müsste sie niedriger ausfallen.

Gewisse Indizien wie die Fraktur am Sprunggelenk des Unfallopfers und die Art der Kratzspuren am Kickboard, sagte Melunovic, deuteten darauf hin, dass der Verunfallte gefahren sei. Dieser selber blieb der Verhandlung fern und liess sich von seiner Anwältin vertreten. In einer früheren Befragung hatte er zur Fortbewegungsweise ausgesagt, er könne sich nicht erinnern. Und: Normalerweise halte er an und gehe zu Fuss über die Strasse.

Den Antrag des Verteidigers, ein Gutachten zur Klärung der Frage, ob der Kickboardfahrer zu Fuss gegangen oder gefahren sei, in Auftrag zu geben und die Hauptverhandlung bis zum Vorliegen des Gutachtens auszusetzen, lehnte Gerichtspräsident Reto Leiser ab. Der Richter liess durchblicken, dass es schwierig sein könnte, die Frage zu beantworten. Und wenn etwas nicht abgeklärt sei, müsse dies ohnehin zugunsten des Beschuldigten ausgelegt werden.

Reto Leiser hatte auch im Fall einer zweiten Vorfrage des Verteidigers einen Entscheid zu treffen: Ja, beschied er diesem, der Verunfallte habe sich, da nirgends das Gegenteil festgestellt werde, nicht nur als Straf-, sondern auch als Zivilkläger konstituiert.

Vorbildliches Verhalten nach Unfall

Der Sachverhalt an sich war nicht bestritten. Der Beschuldigte hatte seine grosse Mitschuld eingestanden und sich nach dem Unfall, wie die Polizei feststellte, auch vorbildlich verhalten, indem er sich rührend um den Verunfallten kümmerte. Zum Unfall war es gekommen, nachdem der Autolenker laut Strafbefehl «unter Verwendung des Gerätelautsprechers» ein Telefongespräch über sein Mobiltelefon geführt hatte.

Während des Weglegens des Mobiltelefons, so die Staatsanwaltschaft, sei der Beschuldigte kurzzeitig abgelenkt gewesen und habe nicht bemerkt, dass der 34-Jährige – von ihm aus gesehen von rechts – den Fussgängerstreifen betreten hatte. Vor Gericht sagte der Autofahrer, wie er aufgeschaut habe, sei links vor ihm plötzlich eine grosse Silhouette gewesen – und schon habe es geknallt.

Strafe als zu hart empfunden

Angefochten hatte der Beschuldigte die ihm von der Staatsanwaltschaft auferlegte Strafe. Diese umfasste eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 180 Franken bei einer Probezeit von vier Jahren, eine Verbindungsbusse von 3000 Franken sowie Kosten und Gebühren von über 7000 Franken. (Eine sogenannte Verbindungsbusse wird vielfach zusätzlich zu einer bedingten Geldstrafe ausgesprochen, damit der Verurteilte von der Strafe überhaupt etwas spürt.)

Ein Schuldspruch sei unumgänglich, räumte auch Verteidiger Melunovic ein. Doch es liege kein Fall von Rücksichtslosigkeit, kein schweres Verschulden vor. Sein Mandant sei eigentlich schon genügend gestraft dadurch, dass ihn der Vorfall sein Leben lang verfolge, aber falls man ihn bestrafe, sei zumindest von der Verbindungsbusse abzusehen.

Anders als die Anwältin des Zivil- und Strafklägers, welche die Haftungsquote im Strafverfahren festlegen, die Höhe aber im Zivilverfahren bestimmen wollte, stellte der Verteidiger den Antrag, die Zivilforderungen vollumfänglich auf den Zivilweg zu verweisen. Wobei bis jetzt ja nicht einmal die Anmeldung einer Zivilforderung vorliege. Trotz zahlungswilliger Haftpflichtversicherung habe es die Gegenpartei auch unterlassen, eine Zwischenrechnung einzubringen. Nachweislich habe die Versicherung bereits 55 000 Franken bezahlt.

Verbindungsbusse gestrichen

Gerichtspräsident Reto Leiser sprach den Automobilisten schuldig der fahrlässigen einfachen Körperverletzung. Er bestätigte die Höhe der von der Staatsanwaltschaft geforderten bedingten Geldstrafe – insgesamt 16 200 Franken –, er verringerte die Probezeit jedoch auf zwei Jahre. Die Verbindungsbusse von 3000 Franken strich der Richter. Die Zivilforderungen verwies er vollumfänglich auf den Zivilweg. Bei der Bemessung der Kosten – knapp 2000 Franken –, die der Beschuldigte zu tragen hat, reduzierte Leiser die Anwaltskosten der Gegenpartei auf die Hälfte.

Leiser attestierte dem Automobilisten aufrichtige Reue. In strafrechtlicher Hinsicht könne man auch davon ausgehen, dass der Geschädigte die Strasse mit seinem Scooter fahrend überquert habe. Trotzdem müsse der Beschuldigte diesen sehr lange nicht wahrgenommen haben. Die Stelle sei übersichtlich, gut beleuchtet und es gebe im Bereich des Fussgängerstreifens keine Häuser, zwischen denen der Kickboarder unvermittelt hervorgeschossen sein könnte.

Zu den Schadenersatzansprüchen, die der Zivilkläger schon im Schlepptau des Strafverfahrens geltend machen kann, sagte der Gerichtspräsident in der mündlichen Begründung des Urteils, letzten Endes liege auch hier eine ganz normale Zivilklage vor, die begründet und beziffert werden müsse. Da sie nicht hinreichend begründet sei, habe er sie auf den Zivilweg verwiesen.