Fusion mit Aarau
Würden es die Rohrer wieder tun?

Rund um Aarau diskutieren die Nachbarn eine mögliche Fusion. Was sagen jene, die es schon getan haben? Die grosse Strassenumfrage.

Sabine Kuster und Lucius Müller
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Fusion Aarau Rohr
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Ein mittelalterlicher Stadtkern, Geschäfte, Kino, Kultur- und Kongresshaus, ein grosser Bahnhof: Aarau bietet den Rohrern urbane Vorteile. Foto: Chris Iseli
Madeleine Järmann «Ich finde die Fusion gut. Die Steuern sind runter und es wurden viele neue Holzbänkli aufgestellt. Es ist sauberer, sogar am Samstag wird geputzt! Für mich hat die Fusion nichts Negatives bewirkt. Wir sind immer noch ein Dorf. Wenn man mich fragt, wo ich wohne, sage ich: Ich wohne in Rohr.»
Philipp Schmid, Inhaber Veloladen ««Ich zahle seit der Fusion weniger Steuern, und unser Geschäftssitz ist Aarau, das ist besser für die Adresse. Denn die Stadt ist natürlich bekannter. Aber Bauverfahren sind mit der Stadt Aarau schon viel komplizierter und mühsamer. Vorher sass man mit zwei Personen am Tisch und konnte einen Entscheid fällen. Mit der Stadt Aarau kostete mich das Baugesuch für den neuen Laden viel Geld, Zeit und administrativen Aufwand. Dort will keiner hinstehen und einen Entscheid fällen. Es gibt zu viele Regeln. Ich spürte überhaupt nicht, dass man es schätzt, dass einer sein Geschäft ausbaut und Geld investiert.»
Petra Grünig, Coiffeursalonbesitzerin «Ich bin in Aarau aufgewachsen. Als Rohr mit der Stadt fusionierte, war es für mich fast wie ein Heimkommen. Ausserdem finde ich es gut, dass nun der Coop vergrössert wird. Die Sackgebühren wären wohl auch ohne Fusion eingeführt worden.»
Otto Kreienbühl «Der Bus fährt seit der Fusion nicht mehr nur alle 30 Minuten, sondern im Viertelstunden-Takt, das ist sehr gut. Trotz der Fusion fühle ich mich nicht als Aarauer, ich bin Rohrer.»

Fusion Aarau Rohr

Aargauer Zeitung

Buchs und Erlinsbach wollen nicht. Unterentfelden und Densbüren sind eher zugeneigt. Suhr und Küttigen prüfen die Fusion mit der Stadt Aarau zumindest mal weiter.
An den verschiedenen Veranstaltungen, die in den letzten Monaten zum Zukunftsraum Aarau stattfanden, war in Aaraus Nachbargemeinden immer auch Verunsicherung zu spüren: Was würde es bedeuten, zur Stadt Aarau zu gehören?

Nun hat die Aargauer Zeitung jene gefragt, die es wissen: die Rohrer. Seit gut sechs Jahren gehören sie zu Aarau. In der grossen Strassenumfrage im inzwischen nicht mehr so neuen Stadtteil geben die Bewohner bereitwillig Auskunft. Zum Beispiel auf die Frage, ob sie sich schon als richtige Aarauer fühlen? Viele verneinen, sie fühlen sich als Rohrer und sagen noch immer «wir gehen nach Aarau.» Doch müssen sie Bilanz ziehen, überwiegen bei den vierzig Befragten die positiven Kommentare leicht und bei vielen anderen fällt das Fazit neutral aus. Es gibt halt Vorteile und Nachteile.

Für die Geschäfte überwiegen die Vorteile klar (niedrigere Steuern und durch mehr Zuzüger auch mehr Kunden). Jedenfalls solange man kein Baugesuch einreichen muss. Baugesuche seien in Aarau ein Albtraum sagen mehrere Befragte.
Die Privatleute schätzen kurz gesagt hauptsächlich: den um 21 Prozentpunkte gesunkenen (und jetzt um 3 wieder gestiegenen) Steuerfuss, den Viertelstundentakt des Busses und die professionelle Verwaltung. Man regt sich auf über: die gestiegenen Mieten, den Bauboom und den langen Weg zum Rathaus.

Es braucht eine Generation Zeit

Die ehemalige Rohrer Gemeindepräsidentin und heutige Aarauer Vize-Stadtpräsidentin, Regina Jäggi, hat schon nach der Fusion 2010 gesagt, es dauere eine Generation, bis der Stadtteil Rohr als Selbstverständlichkeit wahrgenommen werde. Daran gewöhnen werde man sich aber schneller. Jäggi bereut die Fusion bis heute nicht. Sie schätzt das kulturelle Angebot, die Infrastruktur und vor allem, dass die Rohrer dieses nun mitbestimmen könnten. Aber sie gibt auch der letzte Woche erschienen Studie des Zentrums für Demokratie (ZDA) recht, die besagt, dass die Rohrer vor der Fusion sachbezogener politisieren konnten. Man habe meist einen Konsens unabhängig von den Parteizugehörigkeiten gefunden, sagt Jäggi. Sie habe an ihrer ersten Sitzung im Aarauer Einwohnerrat damals gestaunt, wie sehr Rechte und Linke sich bekämpften.

Keiner landet mehr in Rohr SO

Auch die Rohrer Stadträtin Franziska Graf findet nach sechs Jahren: «Die Fusion hat sich gelohnt. Vor allem wegen der Organisation und Struktur.» Sie erinnert sich, wie schwierig es davor war, in der Gemeinde genug Leute für alle Ämter zu finden. Und als sie damals den Gemeinderat gefragt habe, was genau Rohr noch komplett unabhängig entscheiden könne, lautete die Antwort: «Nur noch das Friedhofreglement.» Heute sagt sie: «Klar mussten wir den Schlössli-Umbau mitfinanzieren, über den wir gar nicht abstimmen konnten, aber nun konnten wir uns endlich für den Veloweg nach Rohr starkmachen. Wir nutzten schon vor der Fusion ständig die Aarauer Infrastruktur und konnten bei den Veränderungen nie mitreden.» Graf will vor allem dies festhalten: «Wir haben so lange etwas in Aarau zu sagen, wie wir auch wirklich etwas sagen!»

Sie sieht noch mehr Vorteile: die monatliche Papierabfuhr oder die professionellere Steuerabrechnung. Und wenn es um die Durchsetzung von Regeln gehe, wie die Höhe einer Hecke, entscheide Aarau objektiver. Früher, erzählt sie, hätten sich eingeladene Gäste auf dem Weg zu ihr mehr als einmal ins solothurnische Rohr verfahren.
Die Stadträtin kennt die negativen Argumente jener, die die Fusion bedauern. Sie kontert: «Vieles wie zum Beispiel der Bauboom ist eine Zeiterscheinung und hat nichts mit der Fusion zu tun.» Dass einst das Hinterfeld überbaut werden solle, das habe noch Rohr mit der Nutzungsplanung entschieden.

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