Theater
Wunderbar schräge Perspektiven auf die Aarauer Laurenzenvorstadt

Die 8. Ausgabe von «Geschichten aus der Altstadt» feierte Premiere in den Gärten der Aarauer Laurenzenvorstadt. An den verschiedenen Schauplätzen der noblen Aarauer Vorstadt überraschten acht Texte mit wunderbar schrägen Perspektiven.

Andreas Ruf
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Überraschende Ansichten eines Quartiers: «Geschichten aus der Vorstadt».

Überraschende Ansichten eines Quartiers: «Geschichten aus der Vorstadt».

Patrick Müller

«Jetzt wird durchgeputzt, durchgerusst», erklärt der Schornsteinfeger immer wieder eindringlich. Er fordert die Zuschauer auf, ihm durch die grünen Flächen zwischen efeubewachsenen Mauern, durch enge Gässchen und an verborgene Plätze der idyllischen Parallelwelt hinter der Häuserzeile der Aarauer Laurenzenvorstadt zu folgen.

Wo er sie hinbringt, werden die Schichten angesammelten Schmutzes aus den Kaminen der guten Stuben aufgeraut und aufgewirbelt; all die Legenden, fiktiver wie realer Klatsch und Tratsch aus dem Quartier szenisch mit Leben umhüllt, mit Geschichten umrankt, mit Dramatik gefüllt.

Zum achten Mal feierte die Gruppe für aktuelles Theaterschaffen Szenart am Donnerstagabend Premiere der Erfolgsreihe «Geschichten aus der Altstadt», zum dritten Mal unter der Regie von Ruth Huber. Wie beliebt die Geschichten aus den Aarauer Stadtquartieren sind, zeigte sich am Zuschaueraufmarsch: Über 60 Menschen sahen die verspielten literarischen Episoden unter freiem Himmel, von einem Gemisch aus Laien- und Profischauspielern an ausgewählten Orten der Laurenzenvorstadt zum Leben erweckt.

Facetten des Quartierlebens

An den verschiedenen Schauplätzen der noblen Aarauer Vorstadt überraschten acht Texte, die aus gut zwanzig Einsendungen eines Schreibwettbewerbs ausgewählt wurden, mit wunderbar schrägen Perspektiven. So erzählt ein Trottinett seine herzerwärmenden Ansichten, lesen Tauben aus ihren Familien-Memoiren von schwieriger Futtersuche im Jahr 1789 und während in der «Laurenzi» die Bundeshauptstadt Aarau gefeiert wird, dichten patriotische Mäuse sich ihren witzig-holprigen Reim auf die Heimatliebe.

Im Zentrum stehen dabei die Orte und Menschen, die das Quartier prägen und prägten: die Täfelifabrik, der Freihofweg und seine Bewohner, die üppigen Gartenparzellen oder der Mordfall in Chinatown: All das erschliesst in den Texten reale oder erfundene Welten eines facettenreichen Quartierlebens. Dazu gehören auch Widersprüche: Ein Hauch von Klassenkampf weht durch den Freihofweg, als sich unvermittelt ein Garagentor öffnet und eine Punkband die biederen Erinnerungen eines aus dem Fenster erzählenden Strassenbewohners unterbricht.

Zum ersten Mal bespielte der literarisch-szenische Spaziergang dieses Jahr nicht die eigentliche Altstadt, sondern die Peripherie. «Die Szenerie hinter der Häuserfassade der Laurenzenvorstadt war für mich eine echte Entdeckung», sagt Ruth Huber. Die Regisseurin hatte Lust, auch mal über den Altstadtkern hinauszublicken und neue Orte zu bespielen. «Dass es hier so riesige Gärten gibt, ein kleines Paradies gleich neben dem Stadtkern, war mir neu und hat mich sofort fasziniert», so die 29-jährige Aarauerin.

Feinfühlige Inszenierung

Hubers feinfühlige Inszenierung, frei von plakativem Pomp, strahlt Ruhe aus, lebt von den subtilen kleinen Überraschungen und Nebenschauplätzen, die sich traumwandlerisch, wie Bilder aus dem Gedächtnis des Stadtteils auf die Szene geschlichen haben. «Mir war wichtig», sagt die Regisseurin, «dass eine Einheit zwischen Text und Ort entstehen kann.» Dieser Spagat ist dem gesamten Szenart-Ensemble eindrücklich gelungen.

Geschichten aus der Vorstadt, Aarau. Weitere Vorstellungen: So, 8., Mi, 11.,
Do, 12., Fr, 13. und So, 15. September. Beginn jeweils um 19 Uhr, Treffpunkt und Abendkasse beim Forum Schlossplatz.Infos unter www.szenart.ch

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