Vor den Richtern erscheint der 38-jährige Berdan (Name geändert) in grauer Trainerhose, schwarzer Windjacke und leuchtend blauen Schuhen. Er sieht erschöpft und mitgenommen aus, wirkt älter, als er ist – mindestens zehn Jahre. Das letzte Jahr im vorzeitigen Strafvollzug scheint ihn geprägt zu haben.

Bei der zweiten Frage von Gerichtspräsident Reto Leiser – wie lange Berdan sein Opfer Lado (Name geändert) schon kannte – bricht er in Tränen aus. «Er war mein Kindheitsfreund, wir sind gemeinsam in die Schweiz gekommen», übersetzt die Dolmetscherin.

Unter Alkohol und Drogen

Zum Tatzeitpunkt war der Beschuldigte erst einen Monat in der Schweiz. Er kam aus gesundheitlichen Gründen hierher: «Ich leide unter Asthma. Mir wurde gesagt, dass es hier die besten Ärzte gibt», erklärt Berdan. Kurz darauf muss er die Gerichtsverhandlung unterbrechen – ihm sei schwindlig, er brauche ein Glas Wasser.

Doch die Fragen des Gerichts kann er auch nachher nur vage beantworten. Einen klaren Tathergang kann er nicht beschreiben, zu viel habe er vergessen. Aus den Einvernahmen und den Verletzungen kann das Gericht jedoch einen Hergang rekonstruieren: Die beiden Georgier gerieten bereits in Bern in Streit, weil Lado betrunken und unter Einfluss von Cannabis gewesen sei.

Nachdem sie zur Asylunterkunft in Buchs zurückgekehrt waren, verliessen sie diese wieder, um miteinander zu reden. Auf der Strasse vor der Unterkunft eskalierte die Situation: Lado soll Berdan gewürgt haben, worauf dieser sein Schweizer Sackmesser aus der Tasche zog und auf seinen Freund einstach.

Dieser starb an inneren und äusseren Blutungen. «Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich mein Leben für seines geben», sagt der Beschuldigte vor Gericht schluchzend.

25'000 Franken Genugtuung

Während die Staatsanwaltschaft auf vorsätzliche Tötung plädiert und für Berdan eine Freiheitsstrafe von 10 Jahren sowie eine Landesverweisung von 15 Jahren fordert, beruft sich dessen Verteidiger auf Notwehr. Sein Mandant habe um sein Leben gefürchtet und nur deswegen das Taschenmesser gezückt.

Dabei spielen die Würgeverletzungen für beide Parteien eine grosse Rolle: Staatsanwalt Hans Frey betont in seinem Plädoyer, dass die Verletzungen des Angeklagten nicht lebensgefährlich waren. Deshalb gelte der Messerangriff nicht als Notwehr. Verteidiger Ian Graber hingegen begründet seine Freispruchs-Forderung damit, dass keine Stauungsblutungen auftreten müssten, um sich zu verteidigen.

Nach etwas über einer Stunde Beratung verkündet Gerichtspräsident Reto Leiser das Urteil: Einen Freispruch für den Georgier. Er betonte, dass es keine Zeugen gebe, welche die Aussagen des Angeklagten bestätigen oder widerlegen könnten.

Fakt hingegen sei, dass Berdan zweifellos gewürgt worden sei, so Leiser. «Man muss keine Einblutungen vorweisen, um in Notwehr zu handeln. Im Falle des Angeklagten waren Würgemale deutlich sichtbar», erklärt der Gerichtspräsident das Urteil. Ein weiterer Grund für den Freispruch sei das Opfer selbst gewesen: Durch seine Judo-Erfahrung und Militärkenntnisse sei Lado dem Angeklagten körperlich klar überlegen gewesen.

Für seine Zeit im Gefängnis wird Berdan eine Genugtuung in der Höhe von 25'000 Franken zugesprochen. Mit dem Freispruch erübrigt sich auch die Frage der Landesverweisung. Berdan lässt das Gericht jedoch wissen, dass er nach Georgien zurückreisen will.