Aarau
Wollen die SBB Asylbewerber und Jugendliche aus dem Bahnhof vertreiben?

Auf den Stangen, die das Bahnhofgebäude von Aarau umgeben, sassen oft Jugendliche und Asylbewerber. Seit gestern ist das unbequem. Die SBB wollen die Leute vom Absitzen abhalten.

Sabine Kuster
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Arbeiter schweissen eine Metallleiste auf die kniehohen Stangen, welche das Bahnhofgebäude in Aarau umgeben.

Arbeiter schweissen eine Metallleiste auf die kniehohen Stangen, welche das Bahnhofgebäude in Aarau umgeben.

Sabine Kuster

Nicht alle, die zum Bahnhof gehen, sind in Eile, weil sie einen Zug erwischen müssen. Manche kommen, um zu bleiben. Das stört die SBB offenbar. Denn die Sitzgelegenheiten sind knapp. Wer hier warten will oder muss, der muss meist stehen. Auf den Treppen zu sitzen ist verboten – seit Ende 2012 weisen Schilder bei den Aufgängen zum Perron explizit darauf hin.

Nun fällt auch die letzte alternative Möglichkeit, sich auszuruhen, weg: Gestern wurden auf den Stangen, die das Bahnhofgebäude auf Kniehöhe umgeben, dünne Metallleisten montiert. Solche gibt es schon am Bahnhof Zofingen, nun wurden sie auch auf die Stangen beim Gleis 1 angeschweisst. Der Zweck: die Leute vom Absitzen abhalten.

«Die Stangen sind nicht als Sitzgelegenheiten gedacht. Sie sind ein Schutz, damit es beim Herumfahren mit dem Putzfahrzeug nicht zu Schäden an der grossen Glasfront kommt», sagt SBB-Mediensprecher Oli Dischoe.

Arbeiter schweissen eine Metallleiste auf die kniehohen Stangen, welche das Bahnhofgebäude in Aarau umgeben.

Arbeiter schweissen eine Metallleiste auf die kniehohen Stangen, welche das Bahnhofgebäude in Aarau umgeben.

Sabine Kuster

Doch warum mussten die Sitzenden vergrault werden? Die Stangen seien oft beschädigt worden, sagt Dischoe als Begründung. Geht es den SBB auch darum, dass sich die Jungen und die Asylbewerber dort nicht mehr stundenlang aufhalten? Dischoe sagt dazu nur: «Als Sitzgelegenheit stehen am Bahnhof Aarau insgesamt 25 Bänke zur Verfügung, vier davon beim Gleis 1.» Die Mehrheit steht jedoch auf den Perrons. Im Bahnhofgebäude selbst gibt es nur oben eine Bank und unten zwei.

Darf man sich setzen oder nicht?

Auf der anderen Seite des Bahnhofgebäudes wurden keine Leisten auf die Stangen montiert. Dabei sind es diese, welche sich in der Sommerhitze manchmal in den Asphalt senkten, wenn sich jemand darauf setzte.

Ausserdem laden dort ein paar Meter weiter auf dem Bahnhofplatz die roten Tulpensitze der Stadt zum Sitzen ein. Zwar stören sich manche Passanten auch am Bahnhofplatz an den Randständigen, den Jugendlichen und den Asylbewerbern, die sich dort treffen, aber für die Stadt kommt es nicht infrage, die Sitze deshalb abzumontieren.

«Das war für uns noch nie ein Thema», sagt die zuständige Stadträtin Regina Jäggi. «Es ist schon so, dass wir dort oft putzen müssen, aber das gehört halt dazu. Wir möchten, dass sich verschiedene Leute auf die Tulpensitze setzen können.»

Gemischte Reaktionen

Ein Pendler vermutete gestern, die SBB wollten so verhindern, dass die Jugendlichen viel Abfall hinterliessen. Eine Passantin sagte zu den Arbeitern, welche die Leisten anschweissten: «Schade, ich bin den ganzen Morgen gestanden und hätte mich nun gerne hingesetzt.» Sie fügte lakonisch an, wenigstens hätten nun wohl die Tauben eine Sitzgelegenheit mehr.

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