Aarau

Wohnen im Alter: Hier sind die Bewohner eigenständig, aber nicht allein

In der Aarauer Genossenschaft Hestia finden die Bewohnerinnen eine soziale Wohnform fürs Alter.

Im Aarauer Zelgliquartier reihen sich herrschaftliche Einfamilienhäuser und ihre Parkanlagen aneinander, ernster Efeu bedeckt die Mauern. Mittendrin liegt das Haus der Wohngenossenschaft Hestia.

«Ah, Sie wohnen im Frauenhaus?», wurde Genossenschaftspräsidentin Maya Eichenberger im Bus schon gefragt. Nicht ganz. Hestia ist die griechische Göttin des Herdes, doch in der Wohnung von Elisa Bolliger steht ein Mann in der Küche und macht Kaffee.

Es ist ihr Partner Philipp Herzog. Er wohnt auch hier. «Wir sind keine reine Frauengenossenschaft», sagt Elisa Bolliger, 77. «Auch Männer können hier wohnen.» Sie hat 2002 die Genossenschaft mitbegründet.

Eigenständig, aber nicht allein wohnen

Die Genossenschaft war ein Projekt von Frauen wie Elisa Bolliger, die in der zweiten Lebenshälfte eine alternative Wohnform suchten, welche ihnen Gemeinschaft und Privatsphäre gleichzeitig bot.

Das Eigenkapital für die neue Genossenschaft brachten die Mitglieder zusammen. Sie steuerten Erspartes bei und erhielten 200 000 Franken aus dem Solidaritätsfonds der «Wohnbaugenossenschaften Schweiz».

Mit einem Anteilsschein à 3000 Franken kann man sich in die Genossenschaft einkaufen und falls möglich ihr ein Darlehen gewähren. Momentan gibt es gut zwanzig Genossenschaftsmitglieder, von denen aber nicht alle im Haus in Aarau wohnen.

Doch wie kommt eine Genossenschaft zu einer Liegenschaft im Aarauer Nobelquartier? «Wir haben lange gesucht», sagt Bolliger. Schliesslich war die Lösung ganz nahe. Bolliger lebte schon länger in diesem Haus. Der Eigentümer, ein Baugeschäft, war der Genossenschaft wohlgesinnt und verkaufte ihr das Gebäude.

«Verlässlichkeit, Nachbarschaftshilfe, Konfliktbereitschaft-Konfliktfähigkeit», steht in den Zusatzbestimmungen zum Mietvertrag. Was auf den ersten Blick etwas anstrengend klingt, sind die Grundlagen für das Zusammenleben: «Wir wollten individuell wohnen, aber in Kontakt sein mit den anderen Bewohnerinnen», sagt Elisa Bolliger.

Nur ein paar Worte auf der Treppe zu wechseln oder im Notfall nach Zucker zu fragen, liegt nicht drin. Räume teilen die Bewohnerinnen und Bewohner der neun Wohnungen keine. Jeder hat seine eigene Wohnung. Und doch ist man mehr als Nachbarn.

Beim Gartentag, der zwei- bis dreimal pro Jahr stattfindet, wird Beteiligung erwartet. Wer nicht mehr jäten kann, kocht für alle eine Suppe. Eine Hauswartung gibt es nicht. Die Bewohner sind für das Reinigen des Treppenhauses zuständig.

Und auch der Kompostkübel wird abwechslungsweise von den Bewohnerinnen geleert und der Keller gemeinsam geputzt. «Die Ämtli funktionieren gut», sagt Elisa Bolliger. Und die Bewohner verbringen auch sonst Zeit miteinander – ohne Beteiligungserwartung.

«Wir sind hier fast wie eine Familie», sagt Philipp Herzog, 76. «Wir sitzen zusammen im Garten oder organisieren Filmabende und andere Anlässe.

Einmal im Monat findet das Hausessen statt, das alle sehr schätzen», sagt Maya Eichenberger, 70. An ihrem Kühlschrank klebt ein Foto eines solchen Essens mit allen Teilnehmern.

Auch jüngere Bewohnerinnen sind willkommen

Besonders die pensionierten Bewohnerinnen verbringen viel Zeit miteinander. Und können aber auch jederzeit ihre Wohnungstür hinter sich schliessen. Nicht alle Bewohnerinnen sind im Pensionsalter. «Wir achten auf eine Balance zwischen älteren und jüngeren Mietern», sagt Bolliger.

Jünger kann für sie aber auch um die Fünfzig heissen. Mietinteressentinnen werden zu einem Apéro oder einem Hausessen eingeladen. Angestrebt werden langfristige Mietverhältnisse.
Man fühlt sich geborgen im grossen Haus mit der breiten Treppe.

Die hohen Bäume rundum bieten Sichtschutz und verstärken den exklavischen Charakter dieser einträchtigen Gemeinschaft. Doch es ist nicht immer eine heile Welt. Spätestens, wenn es um Geld geht, kommt es in den besten Familien zu Unstimmigkeiten.

Vor ein paar Jahren mussten die Aussenhülle und die Heizung saniert werden. Nun sind die Leitungsschächte und die Wohnungstüren dran. Grosse Investitionen. «Mitbestimmung ist uns extrem wichtig», sagt Elisa Bolliger.

«Auch wenn es aufwendiger ist.» Neben dem Geld gibt es noch andere Punkte, die für Diskussionen sorgen. Zum Beispiel: Welche Farbe sollen die neuen Wohnungstüren haben? Neun Wohnungen und möglicherweise ebenso viele Geschmäcker. Die Wahl ist noch nicht gefallen, aber es kann nur eine Farbe geben.

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