Aarau
Wohnen an der Rathausgasse 22 umgeben von 520 Jahren Geschichte

Eines der ältesten und schönsten Altstadthäuser ist renoviert und wieder bewohnt – ein Besuch

Sabine Kuster
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Neue Lampe, 60er-Jahre-Sessel, 520 Jahre alte Wände. Die Wohnungen an der Rathausgasse 22 sind eine Zeitreise. Emanuel Freudiger

Neue Lampe, 60er-Jahre-Sessel, 520 Jahre alte Wände. Die Wohnungen an der Rathausgasse 22 sind eine Zeitreise. Emanuel Freudiger

EMANUEL PER FREUDIGER

Es ist das Haus mit der roten Fassade an der Rathausgasse. Wer es betritt, begibt sich auf Zeitreise: Vorbei an den aufgehängten Mountainbikes im Flur, die knarrende Holztreppe hinauf in die erste der vier Wohnungen.

In der Küche Steinboden aus der Biedermeierzeit, uralter Bretterboden im Schlafzimmer, Fischgratparkett aus dem 19. Jahrhundert in der Stube, dazwischen eingefügt ein topmoderner Badezimmerkubus, vor dem Fenster die beiden 500 Jahre alten Säulen. Ähnliche stehen im Saal des Palas auf der Lenzburg, das hat die Recherche der Kantonsarchäologie ergeben. So viele Epochen. Dem Besuch wird schwindelig. Aber Bewohner Benno Tuchschmid sagt: «Ich nehme die Wohnung als Einheit wahr.»

Im August ist er hier eingezogen. Die neue Eigentümerin Dragana Milenkovic hatte das Haus vom Aarauer Architekten Steve Walther umbauen und die ursprünglichen Mauern und Böden ans Tageslicht holen lassen (die az berichtete).

Sogar die Fenster im Schlafzimmer sind schön profiliert, obwohl dort die Aussicht durch den Rückteil eines Hauses aus der Milchgasse blockiert ist, Vermutlich war dies zuerst nicht so und das Haus sollte auch vom Hof her schön aussehen.
7 Bilder
Fassade des über 500 Jahre alten Hauses an der Rathausgasse 22 in Aarau.
Wohnung im denkmalgeschuetzten Haus an der Rathausgasse 22 in Aarau.
Der schönste Raum im denkmalgeschuetzten Haus an der Rathausgasse 22 in Aarau.
Rot eingezeichnet sind alle Altstadthäuser unter Denkmalschutz.
Malereien in den Fensterbögen und kunstvolle Deckenschnitzerei.
Achteckige Fenstersäule mit spezieller Verzierung.

Sogar die Fenster im Schlafzimmer sind schön profiliert, obwohl dort die Aussicht durch den Rückteil eines Hauses aus der Milchgasse blockiert ist, Vermutlich war dies zuerst nicht so und das Haus sollte auch vom Hof her schön aussehen.

EMANUEL PER FREUDIGER

Eine Mauer mit langer Geschichte

Jetzt sitzt Tuchschmid oft auf seinen Sesseln aus den 60er-Jahren und blickt an die russgeschwärzte und bemalte Mauer – wo er nie ein Bild aufhängen darf aber auch nicht will. Dann fragt er sich, wer hier früher gewohnt hat.

520 Jahre alt ist die Mauer. Fast gleich alt wie die heutige Stadtkirche. 1493 muss es von einem wohlhabenden Aarauer gebaut worden sein. Die Kantonsarchäologie geht sogar davon aus, dass die Grundfeste des Hauses noch älter sind.

Sicher aus dem 15. Jahrhundert stammen die Fenstersäulen aus Mägenwiler Sandstein, wie auch die Staffelfenster, die eine zusätzliche Fase (Abschrägung) haben, genau wie am Melliger Rathaus. Die Flachschnitzerei in der Decke ist ebenfalls spätgotisch. Das Wandtäfer im 2. und 3. Stock hingegen stammt aus dem 19. Jahrhundert. Die Blumen auf den Stichbögen über den Fenstern ähneln jenen gemalten Girlanden in der Rathausgasse 10.

Vieles hat die Kantonsarchäologie herausgefunden, aber wer die Leute waren, die das Haus erbauten und bewohnten, bleibt im Dunkeln. Haben im schönsten Raum im 1. Stock, mit den Fenstersäulen und den Malereien, früher wichtige Anlässe stattgefunden?

Viele Interessenten vorhanden

Eine neue Generation wohnt jetzt darin. Eine, die sich im Spagat zwischen uralt und topmodern wohlfühlt. «Es ist das erste Mal, dass ich mich mit einer Wohnung zu hundert Prozent identifiziere», sagt Tuchschmid. Stört ihn nicht, dass die Vergangenheit überall präsent ist und ihm jeden Tag zeigt, dass er nur ein kleiner Teil in einer unglaublich langen Folge von Bewohnern ist? Fühlt man sich da nicht besonders vergänglich? «Im Gegenteil», sagt der 28-Jährige, «es fühlt sich an wie ewiges Leben.»

Wenn er direkt vor den Fenstern steht, spürt er die Kälte durch die Ritzen dringen. Oft sieht er draussen Touristen mit dem Fotoapparat. Dennoch erlebe er die Altstadt nicht als Ballenberg, sagt Tuchschmid. «Es ist das lebendigste Quartier von Aarau, mit den jüngsten Einwohnern.» Einzigartig sei das.

Eine Herzensangelegenheit

Besitzerin Dragana Milenkovich hat Vermieter gesucht, genau wie ihn. Solche die sagten: «Diese und keine andere.» Schwer genug sei es ihr gefallen, die Wohnungen, als sie restauriert waren, abzugeben. Interessenten gab es mehr als genug. Milenkovich, eine energische Frau und Besitzer in auch des Modegeschäftes Unikum im Parterre, hat mehr investiert, als nötig gewesen wäre. Möglichst viel wollte sie erhalten. «Ich weiss nicht, warum mir das so wichtig ist», sagt sie. Sie spricht von Kultur und dass alles aus natürlichen, unbehandelten Materialien gemacht sei, erwähnt fasziniert die fast einen Meter (sic!) breite Holzbodenbretter.

«Was so beständig ist, soll man erhalten», findet sie. «Das gibt Sicherheit in unserer modernen Zeit.» Es müsse sich doch nicht immer alles verändern.