Schutzräume
Wohin bei einer atomaren Katastrophe?

Fukushima hat die Bevölkerung aufgerüttelt: «Was, wenn das Unmögliche doch möglich wird und im nahen Kernkraftwerk Gösgen ‹etwas› passiert»? Fast schon in Vergessenheit geraten, sind Notfallkonzepte plötzlich wieder aktuell geworden

Toni Widmer
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Fukushima hat die Bevölkerung aufgerüttelt: «Was, wenn das Unmögliche doch möglich wird und im nahen Kernkraftwerk Gösgen ‹etwas› passiert», fragte sich eine Erlinsbacherin und wollte von der verantwortlichen Stelle wissen, wo sich denn ihr Schutzraum befinde. Ihr E-Mail an die Gemeindeverwaltung wurde umgehend beantwortet: «Die Zuteilung der Schutzplätze ist Sache der zuständigen Zivilschutzorganisation (ZSO).»

Über einen Link kam die Frau auf die entsprechende Website des Kantons verwiesen und wurde dort, nach einigem Suchen, schliesslich fündig. Zuständig für ihren Schutzraum ist die ZSO Aare, also richtete sie ihre Anfrage dorthin. «Tage vergingen und ich hörte nichts. Langsam fragte ich mich, wie lange es wohl im Ernstfall dauern könnte, bis ich erfahre, wo ich, meine Familie und unsere Nachbarn sich in Schutz bringen können», berichtete die Frau der az Aargauer Zeitung.

«Das ist kein gutes Beispiel»

Nach über zwei Wochen ein Anruf: «Die E-Mail-Anfrage sei irgendwo hingeraten, wo sie nicht hingehöre. Deshalb die verspätete Antwort. Und: Bei einem Ernstfall im AKW Gösgen würde ein Schutzraum ohnehin nicht viel nützen. Sie brauche sich aber trotzdem keine Sorgen zu machen, erklärte der Anrufer, das AKW Gösgen sei sicher. Auf ihr Nachfragen erfuhr die Frau dann doch noch, dass die Schutzplätze in der ZSO Aare im Ernstfall elektronisch ermittelt und zugewiesen würden. «Wer», fragt sich die Frau jetzt, «garantiert mir, dass in einem Ernstfall Elektronik und
E-Mail noch funktionieren, wenn beides schon in normalen Zeiten pannenanfällig ist?

Martin Widmer, Leiter der Abteilung Militär und Bevölkerungsschutz sowie Chef des Kantonalen Führungsstabes, und Guido Beljean, Koordinator Zivilschutz in Widmers Abteilung, relativieren: «Das ist kein gutes Beispiel. Die Frau hätte auf ihre Anfrage innerhalb wesentlich kürzerer Zeit eine zufriedenstellende Antwort erhalten müssen», erklären sie. Allerdings verheimlichen Widmer und Beljean auch nicht, dass zwar die Zuweisungsplanung (Zupla) nach wie vor funktioniere, die Information der Bevölkerung darüber aber dieselbe Dringlichkeit habe wie Anfang der 90er-Jahre: «Damals», erinnert sich Martin Widmer, «hing beispielsweise in der Stadt Aarau noch in jedem Haus, das über keinen eigenen Schutzraum verfügte, eine entsprechende Information über die Zuweisung.»

Dienstleistung zurückgefahren

Dem Schweizer Schutzraum-Konzept liegt nicht die Furcht vor AKW-Störfällen zugrunde, es ist eine Massnahme zum Schutz der Bevölkerung im Fall von kriegerischen Ereignissen. Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des Ostblocks schien auch in der Schweiz der grosse Frieden ausgebrochen und ein möglicher Krieg in weite Ferne gerückt. Politischen Weisungen entsprechend wurde in der Folge nicht nur die Armee massiv verkleinert, sondern 1995 auch der Zivilschutz. Im Aargau waren vor dieser schweizweiten Reform rund 23 000 Personen im Zivilschutz eingeteilt, heute sind es mit 7500 Personen noch weniger als ein Drittel. Das wirkte sich auch auf die Aktivitäten der ZSO aus: «Die damalige Beurteilung der politischen Lage hat dazu geführt, dass verschiedene Vorsorgemassnahmen heruntergefahren worden sind», erklärt Martin Widmer.

Eine dieser Vorsorgemassnahmen betrifft die Zupla zu den Schutzräumen. Diese wurde zwar insgesamt nicht vernachlässigt, aber in gewissen Bereichen nicht mehr mit dem gleichen Effort betrieben wie bisher. Die Zupla wird zwar nach wie vor, gemäss Vorgaben des Bundes, mindestens alle fünf Jahre aktualisiert, jedoch wird aber die Bevölkerung nicht proaktiv über den aktuellen Stand der Zupla informiert. Beachtenswerte Ausnahme bilden beispielsweise die ZSO der Region Ba-den oder Oftringen (ZSO Wartburg). So kann sich die Bevölkerung der angeschlossenen Gemeinden in der ZSO Region Baden über den Link www.mein-schutzraum.ch detailliert informieren.

Gefährdung kaum innert Minuten

Für Martin Widmer und Guido Beljean lässt sich das durchaus verantworten: «Die Zivilschutzorganisationen sind in einem Ernstfall in der Lage, die Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit über die aktuelle Zuweisungsplanung ins Bild zu setzen», erklären sie und sprechen dabei von maximal drei Tagen. Diese Zeit würde wohl auch im Falle eines Störfalls in einem AKW ausreichen. Sogar in Fukushima, wo mit Erdbeben und Tsunami zwei grosse Ereignisse zur Katastrophe geführt hätten, sei immerhin erst nach Tagen Radioaktivität in lebensgefährlicher Dosis ausgetreten.

Konzepte in Erinnerung rufen

Dennoch: Widmer und Beljean überlegen sich nach der Katastrophe in Japan, ob auch bei uns Handlungsbedarf besteht: «An sich», sagt Martin Widmer, «sind wir vorbereitet. Wir verfügen beispielsweise über die nötigen Grundlagen, um innerhalb nützlicher Frist ein Evakuierungs-Konzept für die Bevölkerung in der Gefahrenzone eines Kernkraftwerks erstellen und umsetzen zu können.» Allenfalls, meint der Chef des Kantonalen Führungsstabs, sei es an der Zeit, diese Konzepte auf den neusten Stand zu bringen. In seiner Abteilung habe man sich angesichts der Vorfälle in Fukushima bereits die nötigen Gedanken gemacht. «Es geht nicht darum, in Panik zu verfallen», sagt Martin Widmer, «aber wenn es Lehren aus den Ereignissen in Japan
zu ziehen gibt, werden wir entsprechend handeln.»