Buchs
Wo früher Wuhre standen, sind bald Wasserkraftwerke

Die alten Wuhranlagen an der Suhre sollen abgebrochen werden, an ihren Standorten sind kleine Wasserkraftwerke geplant. Wozu die Wuhre dienten, weiss der pensionierte Geschichtslehrer Josef Albisser.

Hubert Keller
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Die Wuhr in der Stampfi in Buchs, erhalten ist nur noch der Drehblock, mit dem die Stauläden abgesenkt und hochgezogen wurden.

Die Wuhr in der Stampfi in Buchs, erhalten ist nur noch der Drehblock, mit dem die Stauläden abgesenkt und hochgezogen wurden.

Mario Heller

Der Bewässerung der Wiesen dienten früher die Wuhren. Gemeint sind die diversen Staustufen in den Flussläufen, deren Funktion heute den Spaziergängern rätselhaft ist. Mit den Wuhren wurde das Wasser gestaut und in einem ausgeklügelten Verteilnetz von Gräben abgeleitet und auf die Matten verteilt.

Um 2005 plante der Kanton, die Stauwehre an der Suhre und der Wyna aufzuheben, um die beiden Flüsse auf ihrer ganzen Länge hindernisfrei zu vernetzen. Denn die Fische können die Verbauungen nur abwärts, nicht aber flussaufwärts überwinden.

Das Projekt wurde nicht realisiert. Doch es gab den Anstoss, dass sich Josef Albisser intensiv mit der Wässerwirtschaft, die über ein halbes Jahrtausend in den Talebenen von grosser Bedeutung war, beschäftigte und seine Recherchen in der Schrift «Wässern und Wässermatten in Buchs» festhielt.

Strom für 980 Haushalte

Die IBAarau Kraftwerk AG plant Kleinwasserkraftwerke an sechs Standorten: Muhen, Zopf in Suhr sowie Lochergrien, Stampfi, Suhrenmatte und Siebemättli in Buchs.

In Suhr und Buchs betrifft es bestehende alte Wehrstandorte, die heute nicht mehr für die Bewässerung verwendet werden. Alle vorgesehenen Stellen verfügen über rund drei Meter Gefälle und eine mittlere Ausbauwassermenge zwischen 3,4 und 6,2 Kubikmeter pro Sekunde. Gemäss IBA ergibt das 80 bis knapp 200 Kilowatt Leistung pro Standort und eine summierte Jahresproduktion von 4,42 Gigawattstunden, welche den Strombedarf von 980 Haushaltungen abdeckt. (Kel)

«In vorindustrieller Zeit wurde das Wasser von Suhre, Wyna und Stadtbach nicht nur zur Bewässerung, sondern auch als Antriebsenergie für das Gewerbe genutzt. Die unterschiedlichen Interessen führten immer wieder zu Konflikten», erklärt Albisser. Regelungen über Wassermengen und Nutzungszeiten mussten ständig neu ausgehandelt werden.

Das Ende der Wässerkultur

Bis um 1940 prägten die Wässermatten die Tallandschaften der beiden Flüsse. Im Rahmen des Anbauplans Wahlen 1941 wurde die Suhre über weitere Strecken kanalisiert. Das Bewässerungssystem wurde eingeebnet, das Wiesland entwässert und zu Ackerland umgepflügt. Die einzigartige Landschaft der Wässermatten fiel der Melioration zum Opfer.

Josef Albisser steht beim Bewässerungswehr Stampfi in Buchs. Dieses leitete das Wasser auf der rechten Flussseite zur Suhrenmatte beim heutigen Schulhaus und unter dem Bahndamm durch auf die Obermatte.

«Diese Flurnamen kommen nicht von ungefähr», erklärt Albisser. «Matte steht für Wiese, und nur Wiesen wurden bewässert. Die Erde der Äcker wäre erodiert und weggespült worden.» Auf den Wiesen jedoch wurde der Ertrag gesteigert: «Der Bodenzins der Matten war höher als der für Ackerland.»

Josef Albisser, Lokalhistoriker

Josef Albisser, Lokalhistoriker

Aargauer Zeitung

«Die Suhre führt heute wenig Wasser», sagt Albisser. Schwer vorstellbar, wie das Wasser auf die notwendige Wasserhöhe gestaut werden konnte, um einen zügigen Wasserabfluss zu erreichen. Die zwölf Stauläden sind längst verrottet und abmontiert, ebenso die Ketten, an denen die Läden heruntergelassen und hochgezogen wurden.

Noch erhalten sind die zwölf Spindeln. Es brauchte wohl ziemlich viel Kraft, wenn der Wuhrmeister diese drehte, die Ketten aufwickelte und die Stauläden hochzog.
«An den Wuhren begann mit den seitlichen Auslässen in die Hauptkanäle ein weitverzweigtes System von Gräben. Mit Stauläden und Brettern wurde das Wasser gestaut, damit es sich in die Matten ergiessen konnte», erklärt Albisser.«Die Hauptgräben waren mit der Zeit von Bäumen und Büschen gezäunt. Sie verliefen nicht einfach schnurgerade, sondern passten sich dem Gelände an.»

Mit der Bewässerung wurden dem Boden auch Nährstoffe zugeführt. «Der Sand macht den Halm», lautete eine Bauernregel. Durch die Bewässerung entwickelte sich ein tiefgründiges, dichtes Wurzelwerk, das gegenüber dem Grundwasser als natürlicher Filter wirkte und dieses schützte. «Gülle durfte auf die Matten nicht ausgetragen werden, wegen dem Grundwasser. Und beweidet habe man sie höchstens nach dem letzten Schnitt.»

Die wichtigste Wässerung war im Herbst und Winter nach der Vegetationsphase. Während der Ruhephase konnten die zugeführten Nährstoffe vom Boden aufgenommen werden. Albisser zitiert eine alte Bauernregel: «Wer im Herbst wässert, hat Gras, wer im Frühling wässert, möchte Gras.»

Wer wann wie viel Wasser bekam, musste genau geregelt werden, damit es nicht zu Streitigkeiten kam. Eine vertraglich festgelegte Kehrordnung regelte die Zuteilung des Wassers auf die grossen Matten. Auch die Feinverteilung auf die einzelnen kleinen und kleinsten Parzellen wurde festgelegt. Die Bauern führten zu diesem Zweck ein Kehrrodel, in dem Datum, Zeitdauer und Kehrstunden, gemeint ist der Wasserbezug, festgehalten waren.

«Stromerzeugung ist sinnvoll»

Die alten Staustufen bilden heute gute Voraussetzungen für Kleinwasserkraftwerke. Auf Anregung des Kantons hat die IBAarau Kraftwerk AG ein Projekt ausgearbeitet. An sechs Standorten sollen Kleinkraftwerke realisiert werden (siehe kleine Textbox).

Was meint Josef Albisser dazu, dass der kommunale Schutz für diese Industriedenkmäler aufgehoben und die Relikte der Wässerkultur abgebaut werden sollen? «Damit habe ich kein Problem», sagt er. Die Wuhranlagen, sofern sie denn überhaupt noch vorhanden sind, seien in derart schlechtem Zustand, dass es keinen Sinn mache, sie zu erhalten.

Mit seinem Buch hat Albisser die Bewässerungsanlagen gut dokumentiert. Auch im Dorfmuseum ist deren Bedeutung und Funktionsweise dargestellt. «Die Wuhrstandorte sind für die Stromerzeugung ideal. Warum sie also nicht nutzen?»

Wässern und Wassermatten in Buchs, Aus der Geschichte der Buchser Wässerkultur, Josef Albisser, Umwelt- und Heimatschutzkommission Gemeinde Buchs, 2007.

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