Adventskalender (2)
Wo die einen nebenan beteten, schmorten andere im Käfig

Das zweite Türchen des Adventskalenders führt direkt ins Chorgerichtsgefängnis – eine architektonische Besonderheit, die die Auensteiner der Reformation zu verdanken haben.

Katja Schlegel
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Tür ohne Treppe

Tür ohne Treppe

Emanuel Freudiger

An der Wand stapeln sich Biberschwanzziegel, Weihnachtskugeln und Spanholzsterne, in den Stoffschränken harren die Krippenfiguren der Weihnachtszeit und hinten in der Ecke steht eine Plastikpalme. Was fast schon wohlig-weihnachtlich anmutet, war früher der Ort, wo aufmüpfige Auensteiner eingesperrt wurden und sich eines Besseren besinnen sollten. So auch «s Naglervreni».

«S Naglervreni», mit bürgerlichem Namen Verena Ott und vermutlich die Tochter des Schuhmachers – deshalb der Beiname «Nagler» –, lebte um 1880 im Dorf. Die «Jumpfer» machte sich nicht allzu viel aus der Kirchenobrigkeit, sie verspottete den Pfarrer und die Kirche gleich mehrmals.

Hanspeter Ott und Hansres Frei kennen sich mit der Auensteiner Geschichte bestens aus. Auch mit der der aufmüpfigen «Naglervreni», die im Kirchenkäfig schmorte.

Hanspeter Ott und Hansres Frei kennen sich mit der Auensteiner Geschichte bestens aus. Auch mit der der aufmüpfigen «Naglervreni», die im Kirchenkäfig schmorte.

Emanuel Freudiger

Das liess sich die Kirchenobrigkeit nicht bieten und verknurrte die Frau immer wieder zu einigen Tagen Kirchenkäfig bei Wasser und hartem Brot. Geldbussen konnte sie nicht zahlen, da sie arm wie eine Kirchenmaus und völlig mittellos war, wie Martin Joho in «Kirche Auenstein, Geschichtliches und Wissenswertes» schreibt.

Auch bei der Dorfbevölkerung war «s Naglervreni» verhasst und verachtet, hatte sie doch dem einen oder anderen Ehemann den Kopf verdreht und neun uneheliche Kinder bekommen. Niemand im Dorf wollte merken, dass die Frau unter grosser seelischer Not litt.

Und so ersäufte sich das «Naglervreni» eines Tages im Giessenweiher im Auensteiner Schachen, was die Auensteiner dazu bewegte, den Weiher fortan den «Nagler» zu nennen. Der Schachengiessen mitsamt Weiher wurde dann aber beim Kraftwerkbau zwischen 1942 und 1945 zugeschüttet. Heute stehen dort die Firmen Magia und Säuberli.

Katholisches musste weg

Mit einem Gefängnis in der Kirche stellt Auenstein eine Besonderheit dar. «Ursprünglich war das natürlich kein Gefängnis, sondern die Sakristei», sagt Alt-Gemeindeammann Hansres Frei. Doch als die Berner Obrigkeit 1528 die Reformation einführte, musste alles Katholische verschwinden.

Und so wurde die Sakristei, wo bisher liturgische Gewänder, Kelche für den Messwein und Hostienschalen aufbewahrt wurden, kurzerhand zum Chorgerichtsgefängnis umgemodelt. Deshalb ist der «Kirchenkäfig» nicht nur durch die Tür in der Aussenwand, sondern über ein Holztreppchen auch durch die Kirche zugänglich. Die Treppe, die einst zur Aussentür geführt hatte, wurde vor ein paar Jahrzehnten abgerissen.