Suhr

Elektrosmog: WLAN bringt sie in Wallung

Gabriella Bhend leidet unter dem omnipräsenten Elektrosmog. Besonders schlimm sind für sie Bahnhöfe – wie jener in ihrer Wohngemeinde Suhr. Samuel Schumacher

Gabriella Bhend leidet unter dem omnipräsenten Elektrosmog. Besonders schlimm sind für sie Bahnhöfe – wie jener in ihrer Wohngemeinde Suhr. Samuel Schumacher

Gabriella Bhend ist elektrosensibel. Sie schläft auf Filz und wird nie mehr mit dem Zug ins Tessin reisen

Man könnte fast meinen, Gabriella Bhend fürchte sich vor Staub und Unordnung. Das Wohnzimmer ist perfekt aufgeräumt, die Fotos auf den Fenstersimsen fein säuberlich aufgereiht, das Cheminée aschefrei. Und doch: Ein bisschen Staub und Dreck wären Gabriella Bhend egal. Sorgen bereitet ihr etwas anderes, etwas, das man nicht sieht, das man nicht hört, das man nicht riecht und das die meisten von uns auch nicht spüren: Elektrosmog.

Gabriella Bhend spürt ihn, den Elektrosmog. Sie ist elektrosensibel und gehört zu jenen rund fünf Prozent der Schweizer Bevölkerung, die unter der zunehmenden Belastung durch elektromagnetische Strahlung leiden. Angefangen hat alles vor 34 Jahren. Als 20-Jährige zog sie mit ihren Eltern in ein Haus in Däniken, direkt neben der Bahnlinie.

«Ich stand jede Nacht bis morgens um drei im Bett, hatte Kopfschmerzen und einen hohen Blutdruck», erinnert sie sich. Sie ging zum Arzt, doch der konnte sich die Leiden der jungen Patientin nicht erklären. Sechs Monate später packte sie ihre Sachen und zog aus, weg von der Bahnlinie, weg von den Stromleitungen. «Binnen einer Woche ging es mir super. Ich schlief wieder wie ein Stein, die Kopfschmerzen waren weg.» Ihre Eltern wohnen heute noch in dem Haus. Wenn Gabriella Bhend sie besucht, bleibt sie maximal drei Stunden. Dann spätestens beginnt sie zu zittern, kriegt einen heissen Kopf und fühlt, wie sie allmählich die Kraft verliert.

Horrortrip zum Einkaufszentrum

Dass es elektromagnetische Strahlen sind, die ihren Körper derart unter Stress setzen, das wusste die gelernte Grafikerin damals noch nicht. «Den Begriff ‹Elektrosmog› gab es nicht. Ich habe mir das also sicher nicht einfach eingebildet», betont Gabriella Bhend. «Ich wusste schlicht nicht, was mit mir passiert. Das war unheimlich, wie eine unsichtbare Attacke aus dem Nichts.» Erst seit sie vor ein paar Jahren einen Kurs zum Thema «Elektrobiologie» besuchte, ist für sie klar: Es ist der omnipräsente Elektrosmog, die elektromagnetisch aufgeladene Sphäre, die sie fast zum Verzweifeln bringt.

Ein Schlüsselerlebnis war die Zugreise ins Tessin mit ihrem Sohn. «Nach den vier Stunden im Zug hat es mir drei Tage lang fast den Kopf ‹vertätscht›.» Mehr als zehn Jahre ist das her. Seither hat sich Gabriella Bhend nie mehr in einen SBB-Waggon gesetzt. Auch Elektronikgeschäfte meidet sie («der reinste Albtraum»), beim Einkaufen in Einkaufszentren «stehen mir die Haare ‹z Berg›» und während sich die meisten von uns über «Free WiFi»-Hotspots freuen, ist das kabellose Internet für sie der Horror. «WLAN pfeift in meinen Ohren, ich beginne zu schwitzen und werde spätestens nach einer Stunde richtig hässig», erzählt sie.

Und natürlich: die Natelantennen. «Über Weihnachten waren wir in einem Hotel in Ascona. Ich hatte mich richtig auf die Ferien gefreut. Doch ich konnte die ganze Nacht einfach nicht einschlafen.» Als sie am nächsten Morgen rund um das Hotel herum spazierte, fand sie die gut getarnte Übeltäterin in einem nahen Wäldchen. «Ich hatte die Antenne in der Nacht ja nicht gesehen, aber definitiv gespürt.» Ein weiterer Beweis.

Schlafen im Wald

Das Leben in unserer digital durchdrungenen Welt ist für die Suhrerin sehr belastend. Doch Gabriella Bhend kennt Leidensgenossen, die es noch viel übler traf. «Der extremste mir bekannte Fall ist ein Banker aus Basel, der jede Nacht in seinem Auto im Wald schlief, weil er es sonst nirgendwo mehr aushielt. Der Mann wohnt inzwischen im Elsass, wo es weitherum keine Natelantennen gibt.»

Im Wald schlafen oder ins Elsass ziehen, das sind für Gabriella Bhend keine Optionen. Sie hat andere Wege gefunden, um sich im Alltag vom Elektrosmog abzuschirmen. In ihrem Haus sind alle Kabel mit Kupfer abgedichtet, damit keine Störzonen entstehen. Der Drucker, der Fernseher und das Internet laufen alle über Kabel. WLAN gibts nicht, Mikrowelle und Induktionsherd auch nicht. Alle überflüssigen Steckdosen haben die Bhends beim Hausbau weggelassen, und sowieso: «Das Haus steht in einem Funktief. Wir haben hier – zum Glück – fast keinen Natelempfang.» Unter ihrer Matratze liegt eine dicke Filzmatte, die sie gegen elektromagnetische Strahlung abschirmt und auf ihrem iPhone klebt ein funkelnder, quadratischer Kleber, der die Ausstrahlung des Geräts eindämmen soll. «Das ist kein Humbug», betont sie, wohl als Reaktion auf den kritischen Blick des Reporters. «Der Kleber ist wissenschaftlich ausgemessen. Da steht Quantenphysik dahinter.»

In ihrer Garage steht übrigens ein Volvo. «Ein anderes Auto kommt nicht infrage. In BMWs und Audis wirds mir immer schon nach wenigen Minuten schlecht.» Die Schweden hätten besonders strenge Gesetze, wenns um Elektrosmog geht. Das merke man auch den Volvos an, ist Gabriella Bhend überzeugt. Allerdings hält sies in ihrem Auto auch nur aus, seit sie von einer Spezialfirma entmagnetisierte Reifen montieren liess. Winterreifen. Sie wird sie vorerst auch im Sommer dran lassen.

Haarausfall und Pechgeneration

Elektrosmog ist ein junger Begriff. In den Schweizer Medien taucht er 1993 zum ersten Mal auf: in einem Beitrag der «NZZ» über die Gefahren elektromagnetischer Strahlung. Die Angst vor ebendieser Strahlung und der Versuch, sich vor ihr zu schützen, ist aber über 100 Jahre alt. Davon zeugt etwa ein dramatischer Bericht des Göttinger Forschers Rolf Hensingmüller, der 1911 eindringlich vor Funktelefonen warnte. Deren Strahlung führe zu Haarausfall, mache die Zähne kaputt, verwirre die Sinne und könne sogar tödlich wirken, warnte Hensingmüller. Sein ernst gemeinter Vorschlag: Man solle sich mit Ganzkörperschutzanzügen, Gesichtsmasken und speziellen Brillen vor den bösen Strahlen schützen. Hensingmüller würde sich sofort in seinen Schutzanzug hüllen und die Gesichtsmaske aufsetzen, wenn er um die heutigen Zustände in unseren Sphären wüsste.

Und Gabriella Bhend? Wünscht sie sich manchmal, sie wäre in einer früheren, einer Elektrosmog-freien Zeit geboren worden? «Nein», sagt sie, im Gegenteil. «Ich kam eher zu früh zur Welt. Die Generation meines Sohnes hat sich schon viel besser an die Strahlenbelastung gewöhnt.» Ihre Generation aber, die falle zwischendurch, chancenlos. «Der Mensch braucht immer zwei Generationen, um sich an etwas zu gewöhnen. Bezüglich Elektrosmog heisst das für meine Generation: Wir hatten Pech!»

Was Gabriella Bhend bleibt, ist ihr Haus im Suhrer Funkloch: stylish, staublos, praktisch strahlungsfrei. Draussen vor der Tür aber, so Bhend, lauere die unsichtbare Gefahr überall. Sie zu bekämpfen, werde kaum möglich sein. Viel zu abhängig seien wir von ihren Vorzügen. Vorwürfe macht Gabriella Bhend aber niemandem. Auch dem Reporter nicht, der die ganze Zeit über sein strahlendes iPhone neben dem Notizblock liegen hatte. Am Schluss des Gesprächs schenkt sie ihm einen Abschirm-Kleber. Der schütze auch Unsensible.

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